Als die Comics wild wurden

Comic Im Rahmen des Fumetto-Festivals feiert das Kunstmuseum Luzern Robert Crumb und weitere Zeichner der amerikanischen Underground-Comix. Florian Weiland

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Robert Crumb, Selbstporträt, 1969. (Bild: Fumetto/Kunstmuseum Luzern)

Robert Crumb, Selbstporträt, 1969. (Bild: Fumetto/Kunstmuseum Luzern)

Die Sechzigerjahre, das waren Flower-Power, Sex, Drogen und Rock 'n' Roll. Es war eine andere Zeit. Eine Zeit der Umwälzungen. Auch und gerade im Comic. Im Mittelpunkt des Geschehens stand Robert Crumb, der dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiert. Er ist eine Comiclegende, er wird geliebt und gehasst. Die «Time» bezeichnete ihn einmal als «Brueghel des 20. Jahrhunderts.» Seinen Erfolg verdankt er gezielten Tabubrüchen. Mit Crumb wurden die Comics schmutzig. 1967 erschien in San Francisco die erste Ausgabe des Magazins «Zap Comix». Ungehemmt brachte Crumb seine sexuellen Phantasien zu Papier. Doch in seinem Werk findet sich auch ein gehöriges Mass Gesellschaftskritik.

Populär wie kein anderer

Und heute? Crumb ist Kult. Das Urgestein der alternativen Comicszene ist allgemein anerkannt und hat die Welt der Museen erobert. Das Kunstmuseum Luzern erinnert in Zusammenarbeit mit dem Comic-Festival Fumetto an Crumbs wilde Jahre, als er und andere Zeichner ein neues Kapitel in der Geschichte des Comics schrieben. Der Underground-Comix war geboren.

Man kann durchaus von einer neuen künstlerischen Bewegung sprechen, die sich, so deutlich es nur ging, von den kommerziellen Superhelden-Heften, die den amerikanischen Comicmarkt bis heute beherrschen, abgrenzte. Abgesehen von Art Spiegelman, der später mit dem Holocaust-Comic «Maus» Furore machen sollte, hat kein anderer je Crumbs Popularität erreicht. Spiegelman ist mit mehreren Arbeiten in der Ausstellung vertreten. Besonders schön: seine Persiflage auf berühmte amerikanische Comicfiguren, mit der er beweist, dass auch Popeye, Dick Tracy oder Little Nemo ein Sexleben haben. Viele Zeichner, die in den 60er- und 70er-Jahren zu den Stars der alternativen Comicszene gehörten, sind dagegen heute vergessen. Oder scheinen, wie Gilbert Shelton, der Erfinder der «Fabulous Furry Freak Brothers», in der Zeit stehengeblieben zu sein.

Fast keine Retuschen

Die Ausstellung kämpft mit den Schwierigkeiten, die jede museale Präsentation von Comics betreffen. Es ist mühsam, die ausgestellten, in der Regel mehrseitigen Geschichten an der Wand hängend zu lesen. Die fertiggedruckten Comic-Heftchen wiederum müssen aus verständlichen Gründen in Vitrinen geschützt werden. Anderseits ist es spannend, die originalen Comicseiten zu sehen. Crumb hat, anders als die von ihm entworfenen Titelbilder, seine Comicstrips fast immer im Format 1:1 gezeichnet. Bemerkenswert auch, dass sich in seinen Zeichnungen im Unterschied zu den Arbeiten der meisten anderen ausgestellten Künstler fast keine Retuschen finden. Die Leichtigkeit, mit der er seine Geschichten entwirft, ist zu spüren.

Freizügig und anstössig

In der Ausstellung geht es drastisch zur Sache. Es wird gekifft, geprügelt und kopuliert. In den Zeiten der vorherrschenden Political Correctness ist eine Vielzahl der gezeigten Arbeiten heute nicht weniger anstossend als zum Zeitpunkt ihres Erscheinens. Die Zeichner berichten freizügig von eigenen Drogenerfahrungen. Viele Arbeiten sind pornographisch und frauenverachtend. Crumb macht da mit seinen Monsterbusen keine Ausnahme. Im Gegenteil.

«Fritz the Cat», Crumbs populärste Figur, fehlt in Luzern. Aber dafür hat sein gottähnlicher Sinnsucher Mr. Natural einen Auftritt. Neben harmlosen Cartoons – ein Ausserirdischer ermahnt eine Frau, kein Nikotin und Koffein mehr zu konsumieren. Diese kontert, er habe wohl noch nie in Detroit gewohnt – findet sich auch eine der grandiosesten Arbeiten von Crumb überhaupt, seine kurze Geschichte Amerikas in 15 Bildern.

Ein sehr guter Überblick

Beiträge von über fünfzig Zeichnern sind zu sehen und vermitteln einen sehr guten Überblick über die Entwicklung der amerikanischen Underground-Comix. Von Harvey Kurtzman über Bill Griffith («Zippy») bis Charles Burns. Auch Will Eisner («The Spirit»), der freilich nicht zur Alternativszene zu zählen ist, steuert eine sympathische Zeichnung bei, in der Robert Crumb verhaftet werden soll. Will Elder verweist auf die Kunstgeschichte und lässt in einer Paraphrase von Géricaults «Floss der Medusa» die Comiczeichner Schiffbruch erleiden. Auf dem Segel des Flosses prangt die Aufschrift: «That's all Folks.» Ein Spruch, der durch Schweinchen Dick bekannt wurde.

«Genesis», unerwartet brav

Seit vielen Jahren lebt Crumb zusammen mit seiner Frau, ebenfalls eine bekannte Grösse der alternativen Comicszene, in Südfrankreich. Zuletzt veröffentlichte er eine Comicversion des biblischen Buchs «Genesis». Eine unerwartet brave Adaption, frei von jeder Anzüglichkeit oder zynischen Anmerkung. Crumb, der sich als «the world's creepiest cartoonist» bezeichnet, scheint altersmilde geworden zu sein.

Bis 12. Mai, Kunstmuseum Luzern, www.kunstmuseumluzern.ch

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