Alltagsflucht ins Muster

Nach Stricken und Do-it-yourself nun das Ausmalen: In den Läden türmen sich Bücher mit Mustern, die darauf warten, mit Farbe gefüllt zu werden. Alles nur zur Entspannung.

Diana Bula
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Bitte ausmalen: Probieren Sie selber aus, was Kritzeln, Muster und Farbe mit Ihnen anstellen. (Bild: pd)

Bitte ausmalen: Probieren Sie selber aus, was Kritzeln, Muster und Farbe mit Ihnen anstellen. (Bild: pd)

Bisher brauchte es ein Göttikind, ein eigenes Kind oder ein anderes Kind. Hauptsache ein Kind, als Alibi dafür, dass man sich als Erwachsener ohne Scham dem Ausmalen hingeben konnte. Jener kindlichen Begeisterung für das Einfache, für Flächen, die vorgegeben sind, klipp und klar. Einfärben, ohne kreativen Akt also, nur malen und sonst nichts.

Nun braucht es kein Kind mehr, um sich dieser Beschäftigung ohne Scham hinzugeben. Sie ist legitimiert – mit vielen, vielen Büchern, die im Handel erhältlich sind. Malbücher für Erwachsene liegen im Trend. «Wir haben schon zum zweitenmal einen separaten Verkaufstisch damit eingerichtet», sagt Vera Lüchinger, stellvertretende Leiterin der Buchhandlung Rösslitor in St. Gallen. Fünf bis sechs der zahlreichen Titel würden besonders gut laufen, darunter jene von Johanna Basford. Die Bücher der Schottin klettern die Bestsellerlisten hoch, in den USA, in England, bei Amazon.

Mit einer Schottin fing alles an

Ihr ist zu verdanken, dass wir wieder kritzeln wie Buben und Mädchen. Basford gilt als Begründerin dieser Buchkategorie. Sie ist laut der britischen Tageszeitung «The Guardian» selber überrascht, wie die Sparte gedeiht und wächst. Beinahe wie die Pflanzen und Bäume in ihren Büchern «Mein Zauberwald» oder «Mein verzauberter Garten». Doch Basford ist mehr als eine Mandala-Entwerferin, sie ist Illustratorin. Nachdem sie ein Kindermalbuch bebildert hatte, beschloss sie, dasselbe mit einem Malbuch für Erwachsene zu tun. So hatte alles begonnen.

Zu ihren Titeln haben sich unterdessen Malbücher anderer Autoren gesellt. Sie tragen Namen wie «Kreativ entspannen», «Achtsamkeit -Malbuch» oder «Zencolor». Einige Muster erinnern trotz Feinkunst an Mandalas von früher. An solche, mit denen der Religionslehrer seine Schüler ruhigstellte, wenn diese nach einer Prüfung noch zu aufgedreht waren oder lieber über die Romanze vom Wochenende tuschelten, als über die Todesstrafe zu diskutieren.

Ohne Coach, aber mit Farbe

Ob bei Mandalas oder den neumodischen Illustrationen, die es mit Farbe zu füllen gilt: Der Zweck ist ähnlich. Dienen Mandalas als Meditationshilfe, so sollen Malbücher für Erwachsene dabei unterstützen, Probleme zu vergessen. Man verlässt die triste Welt und taucht ein in eine bunte Phantasieumgebung – im besten Fall sieht der Malende danach auch im echten Leben nicht mehr nur schwarz. Was zählt, ist nur der Farbstift und dessen Hin und Her, schon sollen Bürostress und Türme von Schmutzwäsche vergessen sein. Das jedenfalls versprechen die Autoren von «Kreativ entspannen». «Malen ist so einfach, dass niemand Angst vor Fehlern haben muss», schreiben sie im Vorwort. Es gebe auch keine komplizierten Anleitungen oder Regeln. «Du musst nicht einmal auf die Linien achten, wenn du keine Lust dazu hast. Hier kannst du den Stress des Alltags ablegen und dich völlig entspannen.» Malen ist so etwas wie Therapie, ohne Coach, aber mit Farbe.

Mönche und Muster

Erwachsene, die ausmalen wie Kinder: Kritiker befürchten bereits eine Verblödung der Gesellschaft. Kritzeln statt lesen, monieren sie, das darf doch nicht wahr sein! Auch Susann Albrecht, Lehrgangsleiterin des gestalterischen Vorkurses für Erwachsene an der Schule für Gestaltung in St. Gallen, zählte zu den Gegnern – wenn auch aus anderen Motiven. «Ich war gegen solche Bücher, weil damit die Eigenleistung der Formgebung und damit Kreativität verloren- geht. Alles ist vorgezeichnet.» Unterdessen hat sie ihre Meinung geändert – wegen eines Erlebnisses in Rom. Dort hatte sie Mönche dabei beobachtet, wie sie mit Farbpulver ein Mandala auf den Boden streuten. «Während Tagen, hoch vertieft», erzählt sie. Und: «Am Schluss wurde das Werk weggewischt. Es ging also nur um Achtsamkeit, nicht um künstlerischen Wert.»

Seither sieht Albrecht die Sache mit den Malbüchern für Erwachsene «nicht mehr so eng». «Ausmalen kann Ruhe verströmen, das habe ich bei den Mönchen erlebt. Im kleinen lässt sich das mit solchen Büchern erfahren.» Jeder wisse aus der Kindheit, wie sich dieser Zustand anfühle. «Durch die Automatisierung stellt sich rasch Harmonie ein. Man kann abschalten und auf neue Ideen kommen», sagt sie. Und vergleicht Ausmalen mit Stricken: «Auch dort sind Muster und Takt vorgegeben.» Für die St. Gallerin selber sind Malbücher dennoch nichts: «Ich könnte nie nur Feld um Feld ausmalen, deshalb bin ich wohl Künstlerin geworden.» Einer älteren Mitarbeiterin hingegen, die mit Schmerzen im Spital liege, habe sie ein solches Buch geschenkt. «Es hat ihr gut getan.»

Auch Malen ist häuslich

Dass Malen den Zeitnerv trifft, überrascht wenig. Hat die vielbeschäftigte, digitalisierte Gesellschaft doch mal Zeit, nutzt sie sie oft für Häusliches wie Do-it-yourself, Basteln und Kochen. Sich ein Velo zusammenschrauben, aus Papier Drachen falten, Nudeln selber machen, alles angesagt, alles Mittel zur Entschleunigung. Nun wird man eben mit Ausmalen glücklich.

Laut dem deutschen Zukunftsforscher Matthias Horx hat sich das Geschäft mit der Entschleunigung jedoch bald erledigt. «Jeder Trend hat einen Gegentrend. Achtsamkeit ist vielleicht der mächtigste aller Anti-Trend-Trends. Die meisten der Phänomene, die wir Trends nennen, sind uralt. Am Ende bleiben wir immer dieselben: Wir suchen das Schnelle, das Andere und das Aufregende, nur um uns nach dem Kuscheligen, Harmonischen zu sehnen», sagt er gegenüber «Die Zeit».

Zu den Käufern der Malbücher zählen vor allem Frauen, wie es bei der St. Galler Buchhandlung heisst. Vielleicht überbrücken sie damit die Zeit, die ihr Mann beim Fussballschauen vor dem Fernseher verbringt. Vielleicht schickt mancher Gatte sie aber auch nur vor – als Alibi.