Alltag in Minsk

LESBAR BELARUS

Erika Achermann
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Bild: Erika Achermann

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LESBAR BELARUS

«Paranoia» spielt im autoritär regierten Weissrussland von heute und gibt eine Ahnung davon, wie sich das Alltagsleben unter den Ohren des Geheimdienstes anfühlt. In jedes Zimmer der Wohnung von Jelisaweta sind «Wanzen» eingebaut. Selbst die Liebesgespräche zwischen ihr und Anatoli werden abgehört. Es ist das einzige, was amüsant zu lesen ist im Buch, in dem man mitverfolgen kann, wie eine Paranoia entsteht. Anatoli ist Schriftsteller und Jelisaweta seine grosse Liebe. Aber sie ist als Geliebte des Ministers für Staatssicherheit auch ein Lockvogel. Anatoli ist bis zu einem gewissen Mass ein Alter ego von Viktor Martinowitsch, dem mutigen Schriftsteller, der den Politthriller «Paranoia» 2009 stückweise auf dem Handy geschrieben und an Freunde weitergeschickt hat, um keine Spuren zu hinterlassen. Denn hinter dem Minister ist unschwer der autoritäre Herrscher Lukaschenko zu erkennen. Martinowitsch, 1977 in Minsk geboren, lehrt seit mehreren Jahren an der Europäischen Universität in Vilnius Politikwissenschaft. Da kaum jemand aus dem Westen Weissrussland von innen kennt, ist der Roman sehr aufschlussreich, aber auch das Nachwort von Timothy Snyder.

Viktor Martinowitsch: Paranoia. Roman. Verlag Voland & Quest, Leipzig 2014, 399 S., Fr. 34.60

Bürgerkrieg

«Zwei Seelen» lässt verstehen, was heute in Weissrussland vor sich geht, schreibt Martin Pollack im Nachwort zum Roman von Maxim Harezki. Dieser wurde 1893 auf einem weissrussischen Bauerndorf geboren und 1938 während des stalinistischen Terrors erschossen. «Zwei Seelen» spielt während des Ersten Weltkriegs, in dem Belarus über eine Million seiner Bevölkerung verlor. Hauptfiguren sind zwei junge Männer, Wassil aus dem Bauernstand und Ihnat, Sohn des Gutsbesitzers. Während Wassil sich auf die Seite der Bolschewisten stellt, bleibt Ihnat zerrissen zwischen Volksnähe und adeliger Geburt. Der 1919 in Vilnius erschienene Roman ist eine der wenigen Publikationen über den Ersten Weltkrieg aus osteuropäischer Sicht, der ins Deutsche übersetzt wurde (von Norbert Randow und Gundula und Wladimir Tschepego).

Maxim Harezki: Zwei Seelen. Roman. Guggolz-Verlag, Berlin 2014, 223 S., Fr. 28.90

Bild: Erika Achermann

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