Alles so schön langweilig hier oben

Heidi ist eine Marke – in der ganzen Schweiz. Aber ganz besonders im Heidiland zwischen Walensee und Bad Ragaz. In Maienfeld soll Johanna Spyri zu ihrer Geschichte inspiriert worden sein und ebenda steht das Heididorf – viel zu sehen gibt es dort nicht, aber das ist ganz gut so.

Katja Fischer De Santi
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Sieht unauffällig aus, lockt aber jährlich 150 000 Besucher an: Das Heidihaus, im Heididorf ob Maienfeld. (Bild: Katja Fischer)

Sieht unauffällig aus, lockt aber jährlich 150 000 Besucher an: Das Heidihaus, im Heididorf ob Maienfeld. (Bild: Katja Fischer)

Heidiland, das ist die grosse Raststätte bei Bad Ragaz. Dort ruft Heidi aus einem Turmfenster ihrem Peter und den Geissen zu und dort gibt es ziemlich anständige Rösti. Doch kaum einer hat die Musse rauszufahren, ins echte Heidiland: Maienfeld, 613 Meter über Meer, direkt an der A 13, Bündner Herrschaft, viele Rebberge, verwinkelte Gassen, schmale Strässchen.

«Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fussweg durch baumreiche Fluren bis hinauf in die Berge», schrieb Johanna Spyri 1880. Und machte damit der Region das wohl grösstmögliche Geschenk überhaupt.

Ein riesiges Geschenk

Heidiland, so nennt sich seit 1997 das Gebiet zwischen Walensee und Bad Ragaz, inklusive Flumserberg und Pizol. Böse Zungen behaupten, die Region hätte einzig Heidi, um sich touristisch zu vermarkten. Das tut sie aber ziemlich gekonnt. Die Übernachtungszahlen der Ferienregion Sarganserland-Walensee stiegen nach dem Wechsel zu Heidiland um rund zehn Prozent. Und während in anderen Regionen die Übernachtungszahlen rapide sanken, sind sie im Heidiland mit Flumserberg und Pizol zumindest stabil.

Der neue «Heidi»-Film, ist Björn Caviezel, Direktor von Heidiland Tourismus überzeugt, sei eine riesige Chance für die ganze Region. «Heidis Herkunft wird wunderschön in Szene gesetzt, die ganze Geschichte erfährt wieder vermehrt Aufmerksamkeit.» Dass der Film nicht in «seinem» Heidiland, sondern in Bergün gedreht wurde, stört Caviezel nicht. Zum (zumindest rekonstruierten) Originalschauplatz, oberhalb Maienfeld, führt heute kein Fussweg mehr, sondern eine schmale Strasse und grosse braune Wegweiser. Die letzten Meter ab Parkplatz gilt es zu Fuss zu meistern; originalgetreu holprig und steil, Klaras Rollstuhl hätte Mühe gehabt.

Langweilig, aber echt

Und dann steht man also in diesem weltberühmten Heididorf, 150 000 Besucher aus aller Welt pro Jahr, und sieht ausser ein paar Plastikkühen nichts. Nichts Aussergewöhnliches zumindest. Da stehen fünf alte Berghütten, wie sie wohl schon seit 100 Jahren dastehen, ein Brunnen in der Mitte, freilaufende Hühner drumherum und ein paar Geissen würden gerne gefüttert werden. Friedlich sieht es aus – und echt. Mal abgesehen vom «Dorfladä», der Souvenirshop, Spyri-Museum, Poststelle und Glacestand in einem ist.

Wer will, kann für sieben Franken ins Heidihaus und sich vom früheren Leben erzählen lassen. Harte Betten, niedrige Räume und eine schwarzgeräucherte Küche machen anschaulich, dass so ein Heidileben alles andere als annehmlich war.

Die Frau hinter der der Kasse erzählt, dass vor allem Japaner hin und «weg sind von allem hier». Sie finden auf bequemen 700 Metern über Meer jene Schweiz, die sie aus den «Heidi»-Filmen zu kennen glauben. Hohe Berge, klare Seen, viel frische Luft und etwas eigene, aber herzensguten Menschen.

Auch Schweiz Tourismus nutzt den hohen Bekanntheitsgrad Heidis und wirbt in Ostasien explizit mit Spyris Titelheldin. Eine Auswertung hat gezeigt, dass Heidi weltweit in über 900 Presseartikeln im Zusammenhang mit dem Ferienland Schweiz erwähnt wurde. Mit dem Film dürfte diese Quote noch um einiges ansteigen.

Zu steil für Araber und Asiaten

Gerne würde man den weit gereisten Gästen im Heididorf ob Maienfeld mehr als «nur» die paar alten Häuser bieten. Doch das Heidifieber scheint nicht alle gepackt zu haben. Seit 2012 versucht die zuständige Aktiengesellschaft, eine Alphütte auf dem Gelände des heutigen Heididorfs zu realisieren. Die jetzige Heidi-Alphütte sei zu weit entfernt, der Fussweg dahin zu steil für die meisten Gäste aus dem arabischen und asiatischen Raum. Doch die kantonalen Behörden und sogar die Stadt Maienfeld lehnten das Baugesuch mehrfach ab. Die Hütte sei nicht zonenkonform. Touristenmagnet hin oder her.

Erst als die Verantwortlichen drohten, das Heididorf zu schliessen oder (noch viel schlimmer) in den nahen Kanton St. Gallen zu verlegen, kam die Sache ins Rollen. Sofern es mit der Bewilligung klappt, hofft man bis im Frühling 2016 eine Alphütte «in Gehdistanz» eröffnen zu können.

Derweil kassieren andere mit Heidi ab. Joghurt, Rahm, Schokolade, Reisebüros, Puppenhersteller und Pornodarstellerinnen. Alleine in der Schweiz gibt es 113 eingetragene Markennamen, in denen das Wort «Heidi» vorkommt. Selbst die Migros macht mit ihrer «Heidi»-Linie die Leute glauben, der Käse und die Milch kämen direkt von der Alp.

Wanderschuhe zu vermieten

Apropos Alp: Je länger man im Heididorf auf einem der Holzbänke in der Sonne sitzt, dabei unten auf das rauschende Tal mit Autobahn und Zugverkehr blickt und oben auf die zackigen Berge, desto mehr kommt einem der Gedanke, dass die Verantwortlichen es gar nicht schlecht gemacht haben hier oben. Mit den Geissen und Hühnern und sonst fast nichts. Schliesslich geht es bei der «Heidi»-Geschichte um das einfache Leben, um frische Luft und das Rauschen in den Tannen. Nur richtig also, dass man zur Alphütte den Berg hinauf marschieren muss.

Man könnte ja Wanderschuhe vermieten – oder Rollstühle. Es sollen schon andere in den Bergen das Gehen gelernt haben.

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