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Alles hinter sich lassen und reisen

Wer träumt nicht ab und zu davon, durchzubrennen und die Welt zu bereisen? Ein verwegener, romantischer Gedanke, der von Andreas Knorr gelebt wird. Doch nur in Begleitung eines Tieres – das mache die Reise erst so besonders.
Melissa Müller/Sereina Jörg
Der Nomade Andreas Knorr und sein Hund Checko können sich bei ihrem Halt am Gübsensee in St. Gallen wieder einmal waschen. (Bild: Samuel Schalch)

Der Nomade Andreas Knorr und sein Hund Checko können sich bei ihrem Halt am Gübsensee in St. Gallen wieder einmal waschen. (Bild: Samuel Schalch)

Arbeiten und nur vier Wochen Ferien im Jahr – ist das schon alles vom Leben? Das fragen sich viele. Und träumen vom Aussteigen und von abenteuerlichen Reisen.

Andreas Knorr hat's getan. Er kündigte seinen gut bezahlten Job und brach auf ins Ungewisse. Früher arbeitete er als Architekt in München und Meran, «wo ich grüne Hänge verbaute», wie er heute bedauert. «Ich hasste den Computer.» Also packte er seine sieben Sachen und zog los. Aber nicht, wie zu erwarten, mit einem Gefährt. Stattdessen kaufte er sich einen mongolischen Hengst als Reisegefährte. Ein Jahr war er mit seinem Pferd unterwegs – sie reisten durch Kirgisien, die Mongolei und waren auch im Pamirgebirge und in Georgien unterwegs. «Mich interessiert vor allem die Beziehung, die zwischen Tier und Mensch entsteht», erklärt er, wieso er mit einem Tier eine solch strapaziöse Reise angetreten ist.

Der 53Jährige wirkt in sich gekehrt. Er spricht langsam, leise und wirkt ein wenig bedrückt. «Vor 15 Monaten ist mir auf der Reise mein Pferd gestorben.» Es fällt ihm sichtlich schwer, darüber zu sprechen. «Ich glaube, das hab ich noch nicht ganz verarbeitet.»

Genügsamer Tierliebhaber

Doch nun hat er einen neuen Reisegefährten: einen fuchsroten Hund namens Checko, der sein Plätzchen auf dem Gepäckträger des weissen Reisevelos hat. Luxus ist für den blonden Weltenbummler mit den stahlblauen Augen ein Fremdwort. Alles, was er brauche, habe er auf sein Velo gepackt: Tipizelt, Gaskocher, wenig Kleider und nicht zu vergessen seine Gamba, ein Streichinstrument samt Renaissance-Noten. «Ich brauche fast kein Geld», sagt der Bayer. Meist campiert er in der Natur oder übernachtet bei Freunden. Und wenn das Geld knapp wird, arbeite er am liebsten mit Tieren. So verbrachte Knorr bereits einen Sommer als Senn auf einer Walliser Alp mit Ehringerkühen. Auch bei einem Auswilderungsprojekt von Gänsen half er mit. «Ich mag ihre freche, offensive Art.» Gans und Mensch hätten viel gemeinsam, in der Art des Prahlens und der Drohgebärden. Und weil er so eine grosse Verbundenheit mit den Tieren verspürt, bringt er es nicht übers Herz, sie zu essen. Also ist er Vegetarier.

Gleichberechtigter Gefährte

Seit zwei Wochen sind Andreas Knorr und Checko nun auf ihrer Veloreise durch die Schweiz unterwegs – und machen dabei auch in St. Gallen am Gübsensee halt. «Hier kann ich mich wieder einmal waschen», sagt Knorr mit einem Grinsen, schlüpft aus seinen erdfarbenen Hosen, streift das durchlöcherte Hemd ab und springt nackt in den Tümpel.

Seinen Hund behandelt er wie einen gleichberechtigten Partner. Als Checko am Gübsensee Spaziergänger ankläfft und gleich danach um Futter bettelt, sagt Knorr stolz zu einer älteren Dame: «Das ist halt ein ausgebildeter Strassenhund.»

Seine Kleider kauft er gelegentlich im Brockenhaus. Die ausgelatschten Sandalen sind gerade sein einziges Schuhwerk. Dafür reist seine Gambe im Geigenkoffer überall mit, in den entlegensten Winkel der Welt. «Was die schon überlebt hat, ist erstaunlich.» Einst wälzte sich sein Pferd mit dem Instrument auf dem Rücken im Fluss, ein andermal fuhr ein Auto in den Geigenkoffer, und sie blieb trotzdem ganz.

«Nicht ohne meine Gamba»

Musik ist für den Reisenden ein Lebenselixier. Beim Musizieren mit anderen erlebe er einen «rauschhaften Zustand» – alleine sei es dann doch nicht das Gleiche. In Zeiten der Langeweile und des Wartens war er unterwegs schon oft froh um seine Gamba. Vor allem, als er wochenlang auf ein Visum warten musste. Damals brachte er seinem Pferd Kunststücke bei und übte unentwegt auf dem Streichinstrument.

Der ehemalige Architekt will den Winter in Spanien verbringen. «Aber nur, wenn mein Hund das auch will.» Denn der bulgarische Hund Checko, der unter einigen Gebrechen leidet, hat die Reiserei langsam satt.

«Heiraten ist absurd»

Andreas Knorr verspürt allmählich den Wunsch, wieder sesshaft zu werden. Etwa in Bayern, wo er in der Nähe des Chiemsees aufgewachsen ist. «Ich träume davon, eines Tages im gleichen Haus mit einem Pferd zusammenzuleben. Und mit ihm jeden Raum zu teilen.»

Bedeuten dem Aussteiger Tiere denn mehr als Menschen? «Gute Frage», sagt Andreas Knorr und denkt lange nach. «Ich versuche, das nicht zuzulassen», sagt er und lächelt verschmitzt. Der Single hält die Ehe für eine «absurde Institution», und Kinder würde er nie in die Welt setzen – «denn das meiste Leid ist von Menschen verursacht.»

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