Aha-Erlebnis aus der Luft

Über Schwielen und einen schmerzenden Rücken darf ich nicht klagen. Ich habe ein paar dürre Stauden abgeschnitten, kaputte Töpfe entsorgt, ein wild wucherndes Birklein in einen Topf gesetzt.

Beda Hanimann
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Bild: Beda Hanimann

Bild: Beda Hanimann

Über Schwielen und einen schmerzenden Rücken darf ich nicht klagen. Ich habe ein paar dürre Stauden abgeschnitten, kaputte Töpfe entsorgt, ein wild wucherndes Birklein in einen Topf gesetzt. Keine Spur von Plänen, was dieses Jahr anzupflanzen sei, kein erkennbarer Gestaltungswille, was da und dort gedeihen, blühen und Früchte tragen soll. Einige entspannte Stunden habe ich im Garten genossen – aber wie gesagt: keine Schwielen, nichts.

Dafür hatte ich ein Aha-Erlebnis, das mir deutlich machte, warum es mir nicht tägliches drängendes Bedürfnis ist, mit den Gartengeräten zu Werke zu gehen. In der Reihe der Ostschweiz am Sonntag mit Luftaufnahmen von Walter Mittelholzer aus den 20er-Jahren habe ich meinen Garten entdeckt. Und erkannt. Auf den ersten Blick. Da, die zwei Bäumchen am Rande des Sitzplatzes! Weiter unten im Hang die Birke, die Zeder und all die Bäume und Tannen. Unglaublich: Alles schon da, vor fast hundert Jahren, und schon damals war's keine Jungplantage, sondern ausgewachsenes Baumwerk.

Und da kommt einer und glaubt, dieses Urparadies habe auf ihn gewartet, dieser Garten Eden aus dem vorletzten Jahrhundert bedürfe seines Zutuns. Die Pflänzchen, die ich in den letzten Jahren gesteckt und gezogen habe, was sind sie gegen diese mächtige Urnatur? Sie wären auf Mittelholzers Fotos nicht einmal erkennbar.

Gärtnern also ist Selbstüberschätzung und Selbstzweck. Unnützes Tun. Wasser in den Rhein tragen und Eulen nach Athen. Oder doch nicht? Ich wüsste gern, was der Schöpfer meines Gartens empfände, wenn er ihn heute sähe.

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