«Aggressiv sind sie nur beim Nest»

Wie in jedem Jahr wird auch diesen Sommer über die Wespen lamentiert. Richtig aggressiv werden die Insekten aber nur, wenn man ihrem Nest zu nahe kommt. Dann gehen sie zum vereinten Angriff über – mit unserem Haar als Ziel.

Bruno Knellwolf
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Wespen bauen Nester oder brüten in Erdlöchern, die sie sehr in Ordnung halten – auch der Eingang ins Erdloch wird «geputzt». (Bild: ky/Sigi Tischler)

Wespen bauen Nester oder brüten in Erdlöchern, die sie sehr in Ordnung halten – auch der Eingang ins Erdloch wird «geputzt». (Bild: ky/Sigi Tischler)

Der grosse Baumstrunk steht mitten im Rasen – ein grosser, schwerer Teil eines gefallenen Rheintaler Nussbaums, dessen Holz auf seine Verarbeitung wartet. Doch mitten auf der Wiese stört der Strunk, er muss weg. Mit einem Eisen wird versucht, den Strunk zu kippen – doch plötzlich schiessen Hunderte von Wespen aus einem Loch unter dem Baumstrunk. Nichts wie weg.

Bitte nicht stören

Dazu rät in einem solchen Fall auch der Zürcher Biologe und Insektenkenner Rainer Neumeyer. «Aggressiv werden Wespen nur beim Nest», sagt der Präsident der Entomologischen Gesellschaft Zürich. Wird das Nest bedroht, gilt höchster Alarm im Wespenvolk. «Die Wespen fliegen dann fadengerade auf den vermeintlichen oder wirklichen Angreifer zu», sagt Neumeyer. Zuerst fliegen sie dem Angreifer in die Haare, so dass dem Menschen vielleicht noch etwas Zeit bleibt, die Wespen abzuwehren.

Dass sie zuerst in die Haare fliegen, hat wohl einen evolutionären Hintergrund: «Das Feindbild der Wespen ist behaart. Dachse und Bären haben Haare auf dem ganzen Körper.» Der Mensch nur auf dem Kopf, womit dieser zum Ziel eines grossangelegten Wespenangriffs wird.

Die Verteidigung des Nests beschränkt sich in der Regel auf einen Umkreis von rund drei Metern. Der 20-Meter-Sprint vom Baumstrunk weg hat schon gereicht, um den Angriff der Wespen schadlos zu überstehen. Der gemeinsame Angriff der Wespen zeigt, zu welch sozialem und gemeinschaftlichem Verhalten die Insekten fähig sind. «Die Wespen haben keine Sprache, sie verständigen sich nicht akustisch. Auch optisch haben sie nicht viele Möglichkeiten, weil sie nicht besonders scharf sehen können. Ihre Kommunikation läuft über den Geruch, über Pheromone», erklärt Neumeyer.

Rettung mit einem Sprint

Pheromone sind Botenstoffe, die der biochemischen Kommunikation zwischen Lebewesen dienen. «So entsteht rund ums Nest in der Luft je nach Pheromongeruch eine bestimmte Stimmung, die etwa zur gemeinsamen Feindabwehr führen kann oder bei der Nahrungssuche hilft», sagt Neumeyer.

Ansonsten sind die Wespen nicht per se aggressiv. Regelmässig in Berührung kommt der Mensch sowieso nur mit zwei der elf Arten der Echten Wespen (Vespinae). Nur die Gemeine (Vespula vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula germanica) kommen an den Tisch und machen einigen Angst.

Solch Geängstigte erkennen wohl vielleicht den Nutzen einer Honigbiene, nicht aber jenen einer Wespe, und fragen deshalb nach deren Nützlichkeit. Eine Frage, die der Biologe schon gar nicht hören mag. Doch Neumeyer hat dann doch eine Antwort. «Die Deutsche und die Gemeine Wespe sind sehr erfolgreiche und damit häufige Arten», sagt er. Das bedeutet auch, dass sie wichtig im ökologischen Kreislauf sind. «Sie erbeuten als Nahrung für ihre Brut allerlei Insekten und andere Gliederfüssler. Auch frisches Aas von Wirbeltieren bis hin zu Schinken auf dem Teller wird nicht verschmäht», sagt er.

Treibstoff für Flugmuskulatur

Nützlich machen sich die Wespen aber vor allem auch, weil sie als Opportunisten Unmengen von landwirtschaftlich relevanten Schadinsekten zu jagen beginnen, sobald diese häufig werden. Als Treibstoff für ihre Flugmuskulatur mögen die Wespen vor allem Süsses sehr wie Nektar und halt auch den Fruchtkuchen auf dem Tisch.

So wird auch dieses Jahr über Wespen lamentiert. In der letzten Ausgabe der Ostschweiz am Sonntag gaben in der «Umfrage der Woche» 51 Prozent der Befragten an, dass es dieses Jahr mehr Wespen als sonst habe. Als Hype und Hysterie bezeichnet Neumeyer den besagten «Wespenalarm». Schon Anfang Juli habe er erste Telefone erhalten, obwohl die Wespen dann mit ihren einjährigen Nestern noch nicht so zahlreich seien und ihren Populationshöhepunkt erst im September hätten.

Nichts deute darauf hin, dass es dieses Jahr mehr Wespen habe als sonst. Auch die Statistiken der Feuerwehren nicht, die jeweils wegen grosser Wespennester ausrücken müssen. «Wegen des schönen Wetters sitzen die Leute einfach mehr draussen und begegnen deshalb mehr Wespen», erklärt Neumeyer. Trockenheit und Wärme begünstigten die Wespen nicht unbedingt. Ausschlaggebend sei die Nahrungsmenge. Da es dieses Jahr wegen der Trockenheit generell eher weniger Früchte gebe, sei das für die Population der Wespen unter Umständen sogar ungünstig.

Beeindruckende Hornissen

Wohl auch für die beeindruckendste aller Echten Wespen, die Hornisse. Obwohl man die grosse Wespe eher selten zu Gesicht bekommt, ist sie gemäss Neumeyer nicht bedroht. «Ich sehe sie beinahe jeden Tag», sagt der Biologe, der sich oft auf dem Feld aufhält. Gestochen wurde er noch nie von einer Hornisse, deren Stich soll allerdings nicht schmerzhafter sein als jener einer gewöhnlichen Wespe.