ADVENT: Die Italiener reisen ins Glühweinland

Jeden Morgen fahren Busse aus der Ostschweiz nach Stuttgart, München oder Nürnberg. Ein Ausflug ins Paradies der Weihnachtsmärkte.

Michael Genova
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Aufbruch in der Dunkelheit: Vor dem Schwimmbad in Uzwil kontrolliert Hostess Ursi Müller die Passagierlisten. (Bild: Benjamin Manser)

Aufbruch in der Dunkelheit: Vor dem Schwimmbad in Uzwil kontrolliert Hostess Ursi Müller die Passagierlisten. (Bild: Benjamin Manser)

Die Welt ist schwarz und ungeheizt an diesem Samstagmorgen vor dem Schwimmbad in Uzwil. Und doch herrscht reges Treiben. Am Strassenrand stehen Reisecars, Autos halten kurz an und fahren wieder davon. Vor einem Bus hat sich eine Schlange gebildet. Auf der Innenseite der Windschutzscheibe klebt ein gelochtes Blatt Papier mit der Aufschrift Stuttgart. Hostess Ursi Müller begrüsst die Gäste und hakt ihre Namen auf einer Liste ab. Schon bald ist die Reisegesellschaft komplett, und Chauffeur Ruedi Müller startet den Motor.

Heute geht es auf den Weihnachtsmarkt nach Stuttgart. «Es ist beinahe eine Saisoneröffnung», sagt Ruedi Müller zur Begrüssung. Erst vor wenigen Tagen hat die Jahreszeit der Weihnachtsmärkte begonnen. Dann erinnert der Chauffeur an die Pflicht, sich anzugurten und erklärt die Vorzüge des Reisecars: drehbare Sitze, 23 Grad Raumtemperatur, natürlich alles computergesteuert. Seine Worte plätschern wohlig warm aus den Lautsprechern. Später werde Ehefrau Ursi das kostenlose Zmorge servieren, kündigt er an. Natürlich können die Gäste zur Feier des Tages auch weitere Getränke bestellen. «Äs Cüpli oder äs Wiili.» Es ist kurz nach sieben Uhr.

Unter den Gästen ist an diesem Morgen auch eine Gruppe des Italienischen Frauenvereins Rheineck: Drei Seniorinnen und ihre Ehemänner, Präsidentin Ada Franco und ihre beste Freundin und Nachbarin Haritini De Vallier. Sie sind bereits in Rorschach eingestiegen und unterhalten sich angeregt. Es ist nicht ihre erste Fahrt an einen Weihnachtsmarkt, in den vergangenen Jahren waren sie in Nürnberg, München und Colmar. Meist unternehmen sie eintägige Fahrten, in Stuttgart wollen sie nun zwei Tage bleiben. «Fürs Essen und Shoppen sind italienische Wiiber immer zu haben», sagt Ada und lacht.

Weihnachtszauber für jeden Geschmack

Hinter der italienischen Gruppe sitzen zwei Schwägerinnen aus Oberbüren und Zuzwil. Ihren Namen wollen sie nicht preisgeben, doch sie verraten: «Wir nehmen eine Auszeit von quengelnden und streitenden Kindern.» Diese haben die Mütter einen Samstag lang ihren Ehemännern anvertraut. Jedes Jahr gönnen sie sich einen solchen Ausflug. Es sind einfache Freuden: Flanieren, den Tag geniessen, etwas Feines essen.

Seit fünf Jahren fährt Ruedi Müller als Chauffeur für Franz Dähler Busreisen aus Uzwil. Davor führte er während 27 Jahren eine Sägerei. Manchmal begleitet ihn seine Frau Ursi als Hostess auf längeren Fahrten. Im Moment steuern die beiden vor allem Weihnachtsmärkte in Deutschland an. 21 Destinationen in sechs verschiedenen Ländern hat Müllers Arbeitgeber im Reiseangebot. In den vergangenen Jahren hat sich ein regelrechter Glühweintourismus entwickelt. Weihnachtszauber gibt es für jeden Geschmack: Bergweihnacht in Innsbruck, musikalischer Advent in Wien oder zum Lichterfest nach Lyon.

Kurz vor zehn Uhr erreicht der Schweizer Reisebus Stuttgart. «Ich rieche schon Glühwein und Bratwurst», frohlockt Ruedi Müller. Dann erinnert er die «Eintägigen» an die Abfahrtszeiten am Abend. Am Karlsplatz steigen die ersten aus. Die Italiener aus Rheineck fahren weiter bis zum Motel One. Hier hat Ada für alle ein Zimmer gebucht. Sie hat die Zeit im Bus für ein Nickerchen genutzt und springt nun voller Tatendrang ins Freie.

Die Italiener geben nur schnell ihre Koffer ab. Dann geht es schon weiter in Richtung Weihnachtsmarkt, der nur zehn Minuten vom Hotel entfernt ist. Am Schlossplatz, dem grössten Platz im Zentrum Stuttgarts, trennen sich vorerst die Wege. Nach dem gemeinsamen Foto vor dem Lebkuchenstand ist individuelles Erkunden angesagt. «Ragazzi», ruft Ada den Älteren der Gruppe zu. «Heute abend um sieben Uhr treffen wir uns wieder hier.» Dann verabschiedet sie sich.

Einige Schritte weiter, beim «Eismärchen», trinken Ada und Haritini den ersten Glühwein des Tages. Nachher wollen sie über den Weihnachtsmarkt bummeln, sich treiben lassen. Einen Abstecher in die Ladenstrasse haben sie auch eingeplant. «Mit Männern hast du beim Shoppen nur Stress», sagt Haritini. Die Freundin hat griechische Wurzeln. Weil sie als Kind bei italienischen Nonnen den Kindergarten besuchte, spricht sie gut Italienisch und begleitet den Frauenverein oft auf Reisen.

Markt der Seiltänzer und Zauberer

Am Schlossplatz befindet sich das Weihnachtsmarkttor. Von dort geht es auf der Kirchstrasse über den Schillerplatz zum Marktplatz. An rund 290 Ständen bieten Händler ihre Krippenfiguren, Holzspielsachen und Süssigkeiten feil. Mittlerweile strömen jedes Jahr über 3,5 Millionen Besucher nach Stuttgart. Der Weihnachtsmarkt ist einer der grössten und ältesten Europas. Erstmals urkundlich erwähnt wurde er 1692. Damals prägten noch Seiltänzer, Zauberer und Gaukler das Geschehen. Und in den Wandermenagerien führten Schausteller dem staunenden Publikum Tanzbären, Elefanten und Tiger vor.

Heute sind Ada und Haritini auf der Suche nach einem Schäfchen für die Krippe einer Freundin. Bei Käthe Wohlfahrt, einem Fachgeschäft für Weihnachtsartikel, werden sie zu ihrer Überraschung nicht fündig. In der Bude am Schillerplatz gibt es fast alles. Neben gewöhnlichen Weihnachtskugeln auch solche der besonderen Art: Seelöwen, Igel und weisse Pudel. Ada entscheidet sich schliesslich für einen Teddybären und ein Vögelchen mit buschigem Schwanz. Haritini kauft für ihren «Fast-Schwiegersohn» einen Mini-Fernseher mit integrierter Winterlandschaft.

Ein Supermarkt unter freiem Himmel

Mittlerweile sind die beiden auf dem Marktplatz angelangt. Es riecht nach Tannenreisig, Glühwein, Mandeln und einem Hauch Vanille. Von der «Engelskrippe» weht würziger Würstchenduft herüber. Zeit für eine Zwischenverpflegung. Hier gibt es Rostbratwurst, Rote Wurst, Feuerwurst oder Currywurst. Eine Schweizer Touristin zeigt amüsiert auf eine Tafel: Sogar «St. Galler Kalbsbratwurst mit Bürli» haben die Stuttgarter im Angebot. Überhaupt ist Schweizerdeutsch an diesem Samstag in den Gassen häufig zu hören. Haritini entscheidet sich für die Schupfnudeln mit Sauerkraut. Und Ada sagt: «Bald ist es wieder Zeit für einen Glühwein.» Dann verabschieden sich die beiden in Richtung Shoppingmeile.

Auf dem Marktplatz verkaufen die Händler Haushaltswaren und Kunsthandwerk. Die Budenstadt ist eine Art Freiluftsupermarkt. Es wird praktisch alles feilgeboten: Holzkellen, Mörser und Rüstmesser. Socken, Gürtel und Unterwäsche. Und natürlich Kerzen: Gewürzkerzen, Glückskerzen, Sternkerzen. Sogar das Faultier aus dem Animationsfilm «Ice Age» gibt es mit einem Docht auf dem Kopf. Zahlreich vertreten sind auch die Stände mit süssen Leckereien. Bei Sailer gibt es «Weihnachtsgutsle» mit klingenden Namen: Zedernbrot, Heidesand und Schoko-Schäumchen. Ein anderer Händler hat sich auf Springerle spezialisiert. So heissen im schwäbischen Raum die kleinen Kunstwerke aus Anisschaum. Mit Holzformen prägen die Bäcker Herzen mit Engelsköpfen oder Medaillons mit Krippenmotiven. Viele mögen das kunstvolle Gebäck nicht anbeissen und verwenden es als Christbaumschmuck. «Deshalb verarbeiten wir die Reste zu Chräbeli», erklärt die Verkäuferin den verdutzten Schweizer Passanten.

Schon kurz nach der Abfahrt schläft der ganze Bus

Auf dem Schlossplatz hat sich die Dämmerung über die Buden gelegt. Auf der Eisbahn herrscht Hochbetrieb. «Schneller, Tempo!», befiehlt ein Mädchen seinem Vater. Es sitzt auf einer Plastik-Robbe mit Kufen. Aus den Boxen swingt Jazzmusik. Es ist kurz nach 16 Uhr und Ruedi Müller wartet hinter dem nahe gelegenen Hotel Maritim auf seine Fahrgäste. Auf dem Parkplatz stehen Reisebusse aus der ganzen Schweiz. «Uzwil?», fragt der Chauffeur eine Frau, die einen Rollkoffer hinter sich herzieht. Er nimmt das Gepäck und verstaut es im Bauch des Busses. An der nächsten Haltestelle, am Karlsplatz, kommt Ruedi Müller viel zu früh an. «Ursi, jetzt musst du einmal durch den Markt gehen und die Leute einsammeln», scherzt der Ehemann.

Pünktlich um 17:03 Uhr beginnt die Rückreise. Draussen ist es 11 Grad kalt. Zwanzig Minuten später schläft schon der ganze Bus. Die Bäuche sind mit Würsten und Glühwein gut gefüllt. Erst an der Grenze bei Schaffhausen erwacht er wieder zum Leben. Die Smartphones haben sich ins Schweizer Mobilnetz eingeklinkt. Es klingelt und vibriert in den Handtaschen. «Wo seid ihr?», fragen Väter und schicken über Whatsapp Bilder ihrer Kinder, die einen Samstag lang brav waren. Zwei Stunden später ist es schliesslich so weit. Ruedi Müller lenkt den Bus auf den Parkplatz vor dem Schwimmbad Uzwil. Er verabschiedet sich, wünscht «gueti Gsundheit» – und die Passagiere klatschen.

Haritini De Vallier und Ada Franco vom italienischen Frauenverein Rheineck beim Zmorge: Es gibt ein frisches Zöpfli und Kaffee. (Bild: Benjamin Manser)

Haritini De Vallier und Ada Franco vom italienischen Frauenverein Rheineck beim Zmorge: Es gibt ein frisches Zöpfli und Kaffee. (Bild: Benjamin Manser)

Die Kirchstrasse in Stuttgart hat sich in eine Bummel- und Schlemmermeile verwandelt. Haritini De Vallier und Ada Franco lassen sich treiben. (Bild: Benjamin Manser)

Die Kirchstrasse in Stuttgart hat sich in eine Bummel- und Schlemmermeile verwandelt. Haritini De Vallier und Ada Franco lassen sich treiben. (Bild: Benjamin Manser)

Auf dem Schlossplatz in Stuttgart: Hier beginnt einer der grössten Weihnachtsmärkte Europas, der 1692 erstmals urkundlich erwähnt wurde. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Auf dem Schlossplatz in Stuttgart: Hier beginnt einer der grössten Weihnachtsmärkte Europas, der 1692 erstmals urkundlich erwähnt wurde. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Kerzen in allen Variationen: Sogar das Faultier aus dem Animationsfilm «Ice Age» gibt es mit einem Docht auf dem Kopf. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Kerzen in allen Variationen: Sogar das Faultier aus dem Animationsfilm «Ice Age» gibt es mit einem Docht auf dem Kopf. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Letzte Vorbereitungen vor der Abfahrt: Chauffeur Ruedi Müller verstaut das Gepäck im Bauch seines Busses. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Letzte Vorbereitungen vor der Abfahrt: Chauffeur Ruedi Müller verstaut das Gepäck im Bauch seines Busses. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))