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ABSCHIED: Dämonen am Sterbebett

Den letzten Worten eines Sterbenden kommt eine besondere Bedeutung zu. Der St. Galler Professor André Fringer erforscht, wie letzte Momente die Menschen prägen, die zurückbleiben.
Melissa Müller
Die Art, wie jemand aus dem Leben scheidet, hat Einfluss auf die Trauerphase der Hinterbliebenen.

Die Art, wie jemand aus dem Leben scheidet, hat Einfluss auf die Trauerphase der Hinterbliebenen.

Amy Krouse Rosenthal erstellte eine Kontaktanzeige für ihren Mann. Doch nicht, um ihn loszuwerden. Nein: Sie wünschte sich, dass ihr Ehemann eine neue Partnerin findet. Amy Krouse Rosenthal wusste, sie würde bald sterben. Die Schriftstellerin aus den USA hatte Eierstockkrebs. 26 Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet und wäre es gern weitere 26 Jahre geblieben. Am 13. März 2017 verstarb sie.

In ihren letzten Tagen ist es vielen Sterbenden wichtig, wie sie ihre Liebsten zurücklassen. «Nach vielen Gesprächen bin ich überzeugt, dass wir nicht für uns sterben. Sondern für die, die zurückbleiben», sagt André Fringer, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen (FHS). «Das ist ein Aspekt, der zu wenig beleuchtet wird.» Seit fünf Jahren forscht er über das Sterben. Er begleitete mehrere Menschen ehrenamtlich in den Tod und befragt Sterbende und Angehörige zu ihren Erfahrungen. Dabei interessiert ihn nicht nur das Erleben bis zum Tod, sondern auch, wie Angehörige damit umgehen und danach in die Zukunft gehen.

André Fringer erzählt von einer Patientin, die einen schweren Schlaganfall erlitten hatte und deren Sohn geistig behindert war. «Erst als feststand, dass ihr Sohn in einem Pflegeheim gut versorgt werden würde, konnte sie loslassen und sterben.» Loslassen fiel auch einer todkranken Appenzellerin schwer. Ihr Leben lang hatte sie die Hosen angehabt in Haus und Hof. Nun konnte sie ihren Mann nicht loslassen, die Verantwortung nicht abgeben. Der Sterbeprozess zog sich lange hin. Da folgten die Ärzte und Pflegenden einer intuitiven Eingebung: «Komm, wir fahren die Sterbende in ihrem Bett zur Linde im Spitalinnenhof.» Die Frau hatte einen Lieblingsbaum gehabt, eine prachtvolle Linde auf einem Appenzeller Hügel, den sie zu allen Jahreszeiten betrachtete. Nun kehrte sie ein letztes Mal symbolisch zu «ihrem» Baum zurück. Als die Glocken der Spitalkapelle an einem christlichen Feiertag läuteten und während der letzte Glockenschlag verklang, tat die Frau unter dem Baum ihren letzten Atemzug.

Tresor der Erinnerung für das Kind

Den Möglichkeiten, sich bestatten zu lassen, sind heutzutage fast keine Grenzen gesetzt: Man kann sich einfrieren lassen, seine Asche mit einer Rakete ins All schiessen lassen oder zu einem Diamanten verarbeiten lassen. «Doch worauf es wirklich ankommt, ist das Bewusstsein für die Bedeutung und Tragweite der letzten Momente», sagt Fringer. «Darauf, wie man seine Liebsten zurücklässt. Dieses Vermächtnis hat eine hohe soziale Komponente.»

In Afrika wurde im Zuge der Aidsepidemie die sogenannte Memory Box entwickelt. Mit den Erinnerungsschachteln können etwa aidskranke Mütter an ihre Kinder weitergeben, wer sie waren und was für sie im Leben wichtig war. Schon der Dichter Heinrich Heine stellte fest: «Wenn man auf dem Sterbebett liegt, wird man sehr empfindsam und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt.» Es sei nicht einfach, mit Unaufgearbeitetem zu gehen, sagt Sterbeforscher André Fringer. Er traf einen Mann, der ihm anvertraute, er sehe im Angesicht des Todes Dämonen. Es könne dramatisch sein zu erkennen: Ich habe nichts zu hinterlassen. Er nennt Vereinsamte, die sich nie von einem Lebensbruch erholten: von einem Karriereknick, einer gescheiterten Partnerschaft, einem unerfüllten Kinderwunsch. «Oder, besonders tragisch: Man stirbt als Letzter in der Familie, nach seinen Kindern.» Unangenehm auch, wenn jemand seinen Nachkommen einen Haufen unbezahlter Rechnungen hinterlässt. Sein Haus bestellt und aufgeräumt zu hinterlassen, ist vielen Sterbenden ein Anliegen.

Dunkle Geheimnisse brechen auf

Kurz vor dem Tod brechen nicht selten Familiengeheimnisse auf. «Oft vertraut man sie nicht der Familie an, sondern einem Freund oder einem freiwilligen Sterbebegleiter, der unbeteiligt, aber doch nah ist.» Fringer kannte einen Mann, der am Sterbebett nicht etwa seiner Familie, sondern seinem Nachbarn verriet, dass er auf dem Estrich unter einer Holztreppe einen Schatz versteckt hatte.

Der Pflegewissenschafter befragte vier Witwen, die ihre Männer bis zum Tod gepflegt hatten. Zwei der Frauen erlitten eine besonders schwierige, schmerzliche Trauerphase. Die anderen beiden waren besser durch die Trauerphase gekommen – weil ihre Ehemänner sie in ihre letzten Entscheidungen intensiv einbezogen und nicht vor vollendete Tatsachen gestellt hatten. «Es ist eine Illusion, wenn wir meinen, wir könnten unser Lebensende selber bestimmen», sagt André Fringer. «Aber wir können es selbst gestalten.» Mit Würde zu gehen, habe auch mit einer guten «Seelenpflege» zu tun. Es ist auch für Angehörige prägend. Wahrnehmungen wie das Piepen technischer Geräte auf der Intensivstation brennen sich in die Erinnerung ein, ebenso wie die letzten Worte von Sterbenden. Fringer erinnert sich an einen zutiefst religiösen Mann, der Tage vor seinem Tod verstummte. Kurz vor dem letzten Atemzug wachte er auf und sagte zu seiner Frau: «Jesus ist jetzt hier. Ich habe zwei wunderbare Töchter und dich. Alles wird gut.»

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Menschen werden an ihrem Ende verletzlich. Berührungen und Gefühle gewinnen an Intensität. «Erfahrene Ärzte und Pflegende sind sich der Bedeutung solcher Gesten unwahrscheinlich bewusst», sagt Fringer. Er erwähnt einen Patienten, der mit der Entscheidung haderte, sich einer riskanten Operation zu unterziehen. Eine unerfahrene Pflegerin sagte zu ihm: «Jetzt entscheiden Sie sich doch endlich. Sie belasten nur das Gesundheitssystem damit.» Ein solch taktloser Spruch könne sich in das «Familiengedächtnis» einprägen wie ein Stempel. Ärzte und Pflegende wissen, dass sich Todkranke an jeden Strohhalm klammern. «Die Hoffnung stirbt zuletzt. Man darf sie niemandem rauben.» Auch wenn längst klar ist, dass das baldige Ende unausweichlich ist.»

Einmal begleitete Fringer eine Dame, die sich nichts sehnlicher wünschte, als das letzte Mal ihren Sohn zu sehen. Als er endlich anreiste, begann er aus Ratlosigkeit, Witze zu reissen. Fringer zog ihn zur Seite. «Sie ist am Sterben – jetzt», ermahnte er ihn. Erst da konnte der Sohn seine Maske fallen lassen und sich auf den Moment mit seiner Mutter einlassen. Wenn die Lebenszeit schwindet, kommt es nicht mehr auf Worte an. «Wir meinen als Angehörige und auch als Pflegende oft, wir dürften nicht sprachlos sein. Wir verfallen in Aktionismus und neigen dazu, schnell eine Patentlösung anzubieten.» Doch genau das sei fehl am Platz, wenn ein Mensch im Sterben liegt. Da könne es ratsamer sein, zu sagen: «Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie du dich fühlst. Aber mir fehlen gerade die Worte.» Am besten beisse man sich auch einmal auf die Zunge und schweige. «Nur da zu sein, ist viel wert.»

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