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Ab in den Wald

Kind und Natur Die Zeit, welche die Kinder in der Natur verbringen, wird immer kleiner. Das sagt Markus Weissert, der ehemalige Leitende Arzt der Neuropädiatrie im Ostschweizer Kinderspital. Kinder müssen in den Wald, Spielplätze und Wohnumgebung müssen ihre Neugier und den Bewegungsdrang fördern.
Bruno Knellwolf
Im Wald machen Kinder alle möglichen Sinneserfahrungen, was sich nachhaltig auf Motivation, Lernverhalten und Kreativität auswirkt. (Bild: ap/Ted S. Warren)

Im Wald machen Kinder alle möglichen Sinneserfahrungen, was sich nachhaltig auf Motivation, Lernverhalten und Kreativität auswirkt. (Bild: ap/Ted S. Warren)

Er sehe viele Väter, die durch den Wald joggen, aber kaum solche, die mit den Kindern eine Hütte bauen, erzählt der Neuropädiater Markus Weissert. Der Satz stamme aber nicht von ihm, sondern von seinem Kollegen, dem bekannten Kinderarzt Remo Largo. Bildschirm statt Wald und Natur? Genau in den Kinderjahren entwickelt sich das menschliche Gehirn entscheidend. Die Reifung des zentralen Nervensystems im Kindesalter bildet die Grundlage für die Persönlichkeitsentwicklung. Sinneserfahrungen wirken sich beim Kind gemäss Markus Weissert besonders nachhaltig auf Motivation, Lernverhalten und Kreativität aus.

Ich kenne viele Kinder, die in den Wald gehen. Stimmt das wirklich, dass sich Kinder nicht mehr in der Natur bewegen?

Markus Weissert: Die Kinder sind generell markant weniger draussen. Studien zeigen, dass die Generation der Grosseltern noch 75 Prozent ihrer Freizeit draussen verbrachte, jene der Eltern 55 Prozent und jene der Kinder nur noch 25 Prozent.

Warum ist das so?

Weissert: Da gibt es verschiedene Ursachen. Die Eltern sind oft keine Vorbilder. Teile der Migranten halten aus kulturgeschichtlichen Gründen den Wald für etwas Bedrohliches. Der hohe Medienkonsum der Kinder ist ein weiterer Grund. Zudem haben Eltern oft Angst, ihre Kinder alleine nach draussen zu lassen, weil zum Beispiel Velofahren gefährlich sein könnte.

Gibt es zu viele überbehütete Kinder?

Weissert: Ja, oft sieht man eine Art von Überbehütung. Dabei weiss man, dass dies kontraproduktiv ist. Staub und Erde machen die Kinder resistenter gegen Allergien. Kinder werden wetterresistenter und sind weniger krank. Eine beinahe neurotisch ängstliche Art der Eltern ist da nicht dienlich. Viele Kinder müssen keinen Schulweg mehr bewältigen. Sie fahren mit dem Bus oder werden von den Eltern hingefahren. Wir hatten auf dem Schulweg noch viele Erlebnisse.

Somit fehlt es den Kindern an Bewegung?

Weissert: Studien zeigen, dass die Bewegungsaktivität in Abhängigkeit zur Distanz zu den Spielplätzen steht. Leben die Kinder mehr als einen Kilometer von einem Spielplatz entfernt, haben sie ein höheres Körpergewicht, als wenn sie weniger als 300 Meter entfernt wohnen. Die Spielplätze sind zudem oft zu stereotyp. Dann ist die Verweildauer der Kinder zu kurz. Sie müssen klettern können, dann lernen sie Gefahren zu erkennen und müssen nicht als Erwachsene Basejumping machen.

Auch einen Wald haben nicht alle Kinder in der Nähe.

Weissert: Dabei ist der Waldbesuch wichtig für die Entwicklung des Kindes – für all deren Sinne: Auditiv, visuell, olfaktorisch und taktil. Es plätschert, die Kinder beobachten wie das Wasser im Bach über die Steine streicht, es riecht feucht, sie fühlen an der Haut, wenn Tropfen aufspritzen wie auch das weiche Moos, wenn sie barfuss darauf gehen. Das erzeugt vielfältige Eindrücke, die sich im Nervensystem verankern und beim Kind später Assoziationen hervorrufen. Die Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren ist entscheidend für die Vernetzung des Nervensystems, die Synapsenbildung. Die Natur ist das geeignete Umfeld dafür, indem die Kinder sensorische Informationen bekommen, die zu Hause nicht kompensiert werden können.

Auch nicht in der Schule?

Weissert: Dort muss man dafür mühsam Sinnespfade errichten. Die Natur hat das alles. Das Kind kann dort experimentieren, mit einem Ast die Hebelwirkung testen und muss etwas unternehmen, um ein Feuer zu machen. Es zeigt sich, dass Kinder, die im Wald sind, mehr kreative Lösungsvarianten kennen als Kinder, die nur im Schulzimmer sitzen.

Die Schulen haben sonst schon ein volles Lehrprogramm.

Weissert: Die Idee der Waldkindergärten und Schulen kommt aus Dänemark, wo in den 1950er-Jahren damit angefangen wurde. In den 90er-Jahren begann man in Deutschland damit und seit 1998 in St. Gallen. Eine Pionierleistung hierzulande. In Deutschland gibt es heute 700 Waldkindergärten und viele Studien dazu. Diese zeigen, dass die Waldkinder nicht nur die Schulziele erreichen, sondern sogar weiter sind als die Kinder aus Regelklassen. Deren Sozialkompetenz ist höher, sie haben ein besseres Selbstwertgefühl, was Kindern heute oft fehlt. Waldkinder haben Erfolgserlebnisse und sind keine Einzelkämpfer, weil sie einander helfen müssen. Interesse und Aufmerksamkeit sind höher. Studien mit ADHS-Kindern zeigten, dass diese dank Parkspaziergängen eine signifikante Verbesserung erfahren. So gut wie mit einer Dosis Ritalin.

Viele Kindergärten und Schulen machen wöchentlich einen Waldtag und gehen auch sonst oft nach draussen. Das machen nicht nur Waldkindergärten.

Weissert: Das ist eine gute Möglichkeiten und eine Kompromisslösung. Es ist nicht realistisch, zu erwarten, dass alle Kinder in den Waldkindergarten gehen dürfen. Aber viele Aspekte zeigen, dass sich Kinder in der Natur besser entwickeln. Das gilt es zu berücksichtigen. Anfangen muss man deshalb bei den Schulplätzen. Monotone Plätze machen die Kinder aggressiv. Phantastisch ist, wenn es darauf Wasserläufe hat, Tunnels, Nischen und Magerwiesen. Dann nimmt die Aggressivität markant ab, wie Untersuchungen in Bayern zeigen, wo man vorbildliche Spielplätze gebaut hat. Kinder können so in die Pflegemassnahmen mit einbezogen werden. Zum Beispiel Webcams in Nistkästen installieren.

Gibt es noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten?

Weissert: Heutzutage gibt es kaum mehr Schulgärten. Ein Nutzgarten in der Schule hilft beim sozialen Lernen und die Kinder wissen, woher ihre Nahrung kommt. Ein Schulgarten ist auch eine Chance für die Schule, die darin vieles vermitteln kann. Wichtig für die Heranwachsenden ist auch eine kindgerechte Wohnungsumgebung. Oft ist diese total steril, mit Wiesen die nicht betreten werden dürfen. Kinder brauchen Sand, Wasser, einen Platz zum Fussballspielen, einen Treffpunkt mit Kiosk.

Stattdessen wird das Angebot an Computern immer grösser.

Weissert: Ich bin kein Fundamentalist, aber Computer können keine reale Erfahrung ersetzen. Deshalb gilt es die Balance zu halten, zwischen reellen und virtuellen Erfahrungen in der Natur. Die Entwicklung geht leider hin zu einem Ungleichgewicht für die virtuelle Zeit. Die Pädagogen dürfen nicht zu large sein. Kinder brauchen, was die Bildschirmnutzung betrifft, Leitplanken. Ein Kind, das genug Bewegung hat, zeigt zudem bessere Leistungen in Mathematik und Sprachen. Die Motivation steigert sich.

Markus Weissert Neuropädiater (Bild: Quelle)

Markus Weissert Neuropädiater (Bild: Quelle)

Naturerlebnis in echt. (Bild: ap/Ted S. Warren)

Naturerlebnis in echt. (Bild: ap/Ted S. Warren)

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