80 Millionen Bakterien dank Zungenkuss

Inwieweit beeinflusst Küssen die Mikroflora der Mundhöhle von Partnern? Bei einem zehnsekündigen Kuss mit Zungenkontakt werden etwa 80 Millionen Bakterien übertragen. So gleicht sich die Zusammensetzung der oralen Mikroflora von Partnern an.

Martin Vieweg
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Der Zungenkuss: Eine gewaltige Bakterienschleuder. (Bild: ap/Jörg Sarbach)

Der Zungenkuss: Eine gewaltige Bakterienschleuder. (Bild: ap/Jörg Sarbach)

Es wimmelt! Schätzungen zufolge ist jeder Mensch der Lebensraum von rund 100 Milliarden Mikroben unterschiedlicher Art. Allein in unserem Mundraum leben etwa 700 verschiedene Spezies. Die Forschung der letzten Jahre hat immer deutlicher gezeigt, welch grosse Bedeutung unseren bakteriellen Untermietern zukommt: Sie bilden nicht nur ein wichtiges Element der Verdauung, sie beeinflussen auch den Stoffwechsel und das Immunsystem des Körpers.

Gute Mikroben schützen

Die guten Mikroben schützen uns dabei auch vor ihrer üblen Verwandtschaft: Sie halten Krankheitserreger von Darm, Haut und Schleimhäuten fern. Es ist bereits bekannt, dass die Zusammensetzung der Bakterienarten des Körpers von Alter, Veranlagung, Ernährung und auch von den Menschen geprägt ist, mit denen wir zusammenleben. Zu den Details dieser Zusammenhänge gibt es jedoch noch viele offene Fragen.

Besonderer Bakterientransfer

«Wir wollten herausfinden, welchen Einfluss das Küssen auf das orale Mikrobiom von Partnern hat», sagt Remco Kort von der Universität Amsterdam. Denn es handelt sich schliesslich um ein weitverbreitetes Verhalten des Menschen: «Küssen mit Zungenkontakt ist bei über 90 Prozent aller bekannten Kulturen verbreitet», sagt Kort.

An der Studie nahmen 21 niederländische Paare teil. Durch Fragebögen erfassten die Wissenschafter deren Kussverhalten und die durchschnittliche tägliche Häufigkeit. Ausserdem entnahmen sie den Studienteilnehmern Speichelproben und solche gezielt von der Zungenoberfläche, um das Mund-Mikrobiom untersuchen zu können.

Die Ergebnisse zeigten: Wenn Paare mindestens neun zehnsekündige Küsse pro Tag austauschen, stimmt die Zusammensetzung ihrer Speichel-Mikroben tatsächlich besonders stark überein. «Je häufiger sich ein Paar küsst, desto ähnlicher ist die Gemeinschaft», resümiert Kort. Doch die Ergebnisse legen nahe, dass das ähnliche Mund-Mikrobiom auch stark vom gemeinsamen Lebensstil, der Ernährung und Mundpflege geprägt ist.

Die Forscher fanden nämlich heraus, dass ihre Ähnlichkeit nicht mit häufigerem Küssen zunimmt, obwohl die Zungen-Mikroben bei Partnern ähnlicher sind als beim Vergleich anderer Menschen. Demnach spielen bei der Zusammensetzung dieser Gesellschaft im Gegensatz zu den Speichel-Mikroben andere Faktoren der menschlichen Gemeinsamkeit eine Rolle, sagen die Forscher.

Experimente mit Kuss

Um zu bestimmen, wie viele Bakterien konkret bei einem Kuss auf den Partner übergehen, führten die Forscher ein cleveres Experiment durch: Sie gaben jeweils einem der Partner ihrer Probanden-Paare ein probiotisches Getränk, das charakteristische Bakterienarten enthielt, die sich durch Laboruntersuchungen leicht nachweisen lassen. Danach gab sich das Paar einen Kuss. Anschliessend entnahmen die Forscher dem Empfängerpartner eine Speichelprobe und analysierten die enthaltenen Mikroben. Auf diese Weise konnten die Forscher nachweisen, dass etwa 80 Millionen Bakterien bei einem Kuss übertragen werden.