50 Jahre auf Sendung

Am Anfang war, was der Tübinger Politologe Theodor Eschenburg den Versuch eines «dreisten Rechtsbruchs» und sein Heidelberger Kollege Dolf Sternberger ein «böses Bubenstück» nannte: Seiner Auffassung gemäss, Rundfunk und Fernsehen hätten in der gerade etwas mehr als zehn Jahre alten

das Zweite Deutsche Fernsehen (zdf) Feiert Geburtstag / von Claus Menzel
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Einer von sechs: Von Beginn weg gehören die Mainzelmännchen zum ZDF. Der öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehsender wird 50. (Bild: ZDF)

Einer von sechs: Von Beginn weg gehören die Mainzelmännchen zum ZDF. Der öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehsender wird 50. (Bild: ZDF)

Am Anfang war, was der Tübinger Politologe Theodor Eschenburg den Versuch eines «dreisten Rechtsbruchs» und sein Heidelberger Kollege Dolf Sternberger ein «böses Bubenstück» nannte: Seiner Auffassung gemäss, Rundfunk und Fernsehen hätten in der gerade etwas mehr als zehn Jahre alten Bundesrepublik Deutschland ganz wie im Dritten Reich des Joseph Goebbels als «politisches Führungsmittel der jeweiligen Bundesregierung zu dienen», hatte der amtierende Bundeskanzler Konrad Adenauer 1960 mal eben versucht, einen ihm politisch treu ergebenen Fernsehsender zu begründen.

Dumm nur, dass diese Pläne mit der im Grundgesetz garantierten Presse- und Meinungsfreiheit kaum und mit der ebenfalls in der Verfassung festgeschriebenen Kulturhoheit der Bundesländer schon gar nicht zu vereinbaren waren. Das Bundesverfassungsgericht machte dem sogenannten «Adenauer-Fernsehen» jedenfalls prompt ein Ende: Zwar spreche nichts dagegen, einen neuen Sender zu gründen. Allerdings müsse gewährleistet sein, dass die Bundesländer als Träger der Anstalt aufträten, die Berichterstattung keinerlei Weisung unterliege und alle gesellschaftlich relevanten Kräfte bei der Gestaltung des Programms mitbestimmen könnten.

Bloss keine liberalen Auffassungen

Formal entsprach das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), dessen Gründung die deutschen Bundesländer 1962 in einem Staatsvertrag beschlossen und das zum 1. April 1963 seinen Sendebetrieb aufnahm, durchaus den von den Verfassungsrichtern formulierten Bedingungen. Doch schon bei der Besetzung der wichtigsten Ämter liessen die Mehrheitsparteien CDU und CSU keinen Zweifel daran, dass sie das ZDF als CDF verstanden: Wer, wie etwa der Kulturpolitiker Berthold Martin oder der ausgewiesene Rundfunk-Kenner Hans Bausch – beide immerhin CDU-Mitglieder – im Verdacht stand, liberale Auffassungen zu dulden oder gar zu vertreten, hatte in der neuen Anstalt keine Chance.

Amüsieren und nicht echauffieren

Die Wahl des ordinierten Pädagogen Karl Holzamer zum ersten Intendanten des ZDF wirkte denn auch wie ein Programm. Dieser persönlich zweifellos integre Mann prägte, was der Berliner Publizistik-Professor Harry Pross bald treffend die «katholische Integrationsphilosophie» des ZDF nannte: Wer den neuen Sender aus Mainz einschaltete, sollte sich in gewissen Massen informieren, in etwas grosszügiger gehaltenen Massen amüsieren, keineswegs aber echauffieren. Und da mochten, vor allem zur Zeit der 68er-Revolte, linke oder liberale Kritiker dem ZDF noch so oft vorwerfen, es habe kaum mehr zu bieten als die Befriedigung einer unpolitischen Harmoniesucht – unbestreitbar blieb, dass der Sender mit seiner Orientierung am sozio-kulturellen Juste Milieu der Bundesrepublik Erfolg hatte.

«Dalli-Dalli» und «Der grosse Preis»

Serien wie «Derrick» oder «Der Alte» oder die von Dieter Thomas Heck präsentierte «Hit-Parade», vor allem aber die Unterhaltungssendungen, moderiert von populären Showmastern wie Peter Frankenfeld («Vergissmeinnicht»), Hänschen Rosenthal («Dalli-Dalli») und Wim Thoelke («Der grosse Preis») litten zwar oft unüberseh- und unüberhörbar an anti-intellektueller Spiessigkeit, sorgten indessen zuverlässig für hohe Einschaltquoten.

Und als eine junge Frau im November 1970 nichts dabei fand, in der Sendung «Wünsch Dir was» in einer durchsichtigen Bluse aufzutreten, hatte die deutsche Nation tagelang ihr Thema: Durfte die das? Immerhin fast 63 Prozent der Zuschauer meinten: Ja.

Tatsächlich konnte und wollte sich das ZDF dem gemächlichen Trend der Deutschen zu mehr Toleranz, Offenheit und Liberalität nicht dauerhaft entziehen: Die von dem Zeichner Wolf Gerlach erfundenen Mainzelmännchen, die den Zuschauern die unvermeidlichen Werbesendungen erträglicher machen sollten, waren weder Revoluzzer noch antiautoritäre Schmuddelkinder, traten aber auch nicht in Uniform und Knobelbechern auf (siehe nebenstehenden Kasten).

Und als konservative Mitglieder der ZDF-Aufsichtsgremien darauf drangen, mit der Gründung des sogenannten «ZDF-Magazins» ein rechtes Pendant zu den als links verschrieenen ARD-Sendungen «Monitor» und «Panorama» zu schaffen, mussten sie erleben, dass nur die Kältesten der Kalten Krieger die aufgeregten Warnungen des Moderators Gerhard Löwenthal vor der Roten Gefahr aus dem Osten wirklich ernst nahmen.

Ruf eines Senders für Rentner

Noch 2009 musste ein hochqualifizierter Chefredaktor wie Nikolaus Brender nur deswegen gehen, weil er einigen christdemokratischen Provinz-Ayatollahs nicht mehr passte. Doch selbst ihnen dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass ihr ZDF viel von seiner politischen Bedeutung verloren hat. Seit immer mehr Kommerzsender mit meist arg seichten Programmen die Vertreter der Pickel- und Zahnspangen-Generation locken, ist das ZDF in den Ruf eines reinen Rentner-Senders geraten – das Durchschnittsalter seiner Zuschauer liegt bei über 60 Jahren.

Natürlich reagierte auch das ZDF auf diesen Trend mit jener Infantilisierung und Trivialisierung des Programms, vor der Medien-Kritiker wie Neil Postman («Wir amüsieren uns zu Tode») schon vor Jahrzehnten warnten. Dabei spricht der Erfolg, den ZDF-Produktionen wie etwa die Weltkriegs-Trilogie «Unsere Mütter, unsere Väter» soeben hatten, durchaus für die These, dass es selbst für schwierige Themen nach wie vor ein zahlreiches Publikum gibt.

Allzu oft freilich ist die Einschalt- nach Meinung der Senderchefs an die Einfalt-Quote gebunden. Fussball, Pilcher-Verfilmungen, das Dirndlkleid der Carolin Reiber und jede Menge Mord und Totschlag zur besten Sendezeit – ein nur hier, im ZDF, wahrnehmbares Sonderangebot ist das nicht. Das Internet wirkt attraktiver.

Ist Fernsehen am Ende überhaupt ein Medium ohne Zukunft? Mag sein. Und kaum auszuschliessen, dass es auch dem ZDF so geht wie allem, was einmal bedeutend war: Sterben kann es nicht, doch es schwindet dahin.

Mit zwei grossen Jubiläumsshows feiert das ZDF seinen 50. Geburtstag. Donnerstag, 28., und Samstag, 30. März, jeweils um 20.15 Uhr.

Claus Menzel lebt als Publizist in Berlin. Er verfasst Beiträge für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Radiostationen. (Bild: Quelle)

Claus Menzel lebt als Publizist in Berlin. Er verfasst Beiträge für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Radiostationen. (Bild: Quelle)

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