372 Männer müssen zum Test

Im Fall der im Juli vergewaltigten Frau in Emmen schreitet die Luzerner Polizei zu einem drastischen Mittel: Sie bietet 372 Männer zum Gentest auf. Diese Methode wird schweizweit erst zum zweiten Mal angewendet.

Flurina Valsecchi
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Der Tatort in Emmen: Hier wurde die Frau im Juli vergewaltigt. (Bild: ky/Alexandra Wey)

Der Tatort in Emmen: Hier wurde die Frau im Juli vergewaltigt. (Bild: ky/Alexandra Wey)

«Wir geben nicht auf, bis wir den Täter gefunden haben, das sind wir dem Opfer schuldig», sagte Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft, gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Juli ist eine 26jährige Frau in Emmen von einem Unbekannten vom Velo gerissen und vergewaltigt worden. Unter anderem erlitt die Frau eine komplette Querschnittlähmung des Rumpfs, beider Arme und Beine. Jetzt schreitet die Staatsanwaltschaft zu einer ungewohnten Methode: 372 Männer müssen zum DNA-Test antreten. Grünes Licht für diese Massnahme hat jetzt das Zwangsmassnahmengericht gegeben. «Es ist der logische nächste Schritt in unseren Ermittlungen», sagt Kopp. Einerseits verfügt die Polizei über die DNA des mutmasslichen Täters, sie konnte an Kleidungsstücken des Opfers festgestellt werden. «Wir sind sehr sicher, dass es sich dabei um die tatsächliche DNA des Täters handelt.» Dass der Täter die Polizei gar täuschen wollte und eine «falsche» DNA-Spur gelegt haben könnte, schliesst Kopp klar aus.

Andererseits konnte das Opfer von der Polizei Anfang Oktober einvernommen werden. Die junge Frau hat den Täter mit folgendem Signalement beschrieben: Ein grosser (170 bis 180 cm), schlanker Mann mit schwarz-braunen gekrausten Haaren und einem eher dunkleren Teint. Er ist zwischen 19 und 25 Jahre alt und spricht gebrochen Deutsch. Der Mann ist Raucher. Die Frau hat also ihre Angaben, die sie kurz nach der Tat gemacht hat, jetzt klar bestätigt. «Ihre Aussagen haben eine hohe Glaubwürdigkeit», sagt Kopp. Nach wie vor liegt die Frau im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Dem Opfer geht es den Umständen entsprechend», sagt Kopp.

Massentests nur in schweren Fällen

Somit sind die nötigen Voraussetzungen für einen Massengentest gegeben. Entscheidend für die Bewilligung des Zwangsmassnahmengerichts ist auch, wie schwerwiegend die Tat ist. Sie muss mit mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe verbüsst werden, was im vorliegenden Fall klar gegeben ist. Gemäss der eidgenössischen Strafprozessordnung darf die Polizei sogenannte Untersuchungshandlungen wie einen DNA-Test nur bei hinreichendem Tatverdacht durchführen. Die grosse Ausnahme ist dabei der Massen-DNA-Test.

Diese Massnahme ist in der Schweiz seit 2005 gesetzlich geregelt. Die Tests gelten grundsätzlich als problematisch, weil das Prinzip der Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt wird. Verweigert ein aufgebotener Mann diesen Test, kann er beim Kantonsgericht eine Beschwerde einreichen, erklärt Christian Renggli, stellvertretender Generalsekretär des Kantonsgerichts. Im Zürcher Fall wurden alle Beschwerden abgewiesen.

Ein spezielles Team hat in den letzten Wochen daran gearbeitet, die Namenliste für den Massengentest zu erstellen. «Der Aufwand war riesig», sagt Kopp. Für den Gentest in Frage gekommen sind Männer, die in der Nähe des Tatorts wohnen oder arbeiten oder am Tatort gar aufgefallen sind. Gleichzeitig mussten diese Männer Ähnlichkeiten mit der Beschreibung haben, die das Opfer gemacht hat. Um das herauszufinden, hat die Polizei Fotos aus offiziellen Dokumenten wie etwa Ausweisfotos sowie aus den sozialen Medien wie Facebook gesichtet.

«Alles Menschenmögliche

Auch Männer, die wegen diverser Delikte vorbestraft sind, stehen auf der Liste. Ob Handydaten ebenfalls ausgewertet wurden, die in diesem Gebiet zum Zeitpunkt der Tat gesendet wurden, dazu will sich Kopp nicht äussern. Generell sagt er zu den Ermittlungen: «Wir machen alles Menschenmögliche.» Parallel zum Massengentest ermittelt die Polizei auf weiteren Kanälen. Kopp betont: «Wir laden nicht 372 potenzielle Täter vor, es geht uns vor allem darum, mindestens 371 Männer zu entlasten.»

Bereits in den letzten Wochen hat die Polizei immer wieder verdächtige Männer zu DNA-Tests vorgeladen, bislang jedoch erfolglos. Kopp macht klar, dass man sich keine raschen Resultate erhoffen darf: «Bis die Erkenntnisse aus allen Tests vorliegen, kann es Wochen dauern.» Vor allem könnte es zu Verzögerungen kommen, wenn ein Mann eine Beschwerde einreichen würde.

«Wir haben keine Erfahrung»

Die Organisation hinter diesem Massentest ist sehr gross. «Wir haben keine Erfahrung», sagt Kopp. In der Schweiz gibt es erst einen vergleichbaren Massengentest aus dem Jahr 2011 in einem Zürcher Fall. Man habe frühere Fälle analysiert und auch mit einem Polizeiteam in Deutschland Kontakt aufgenommen, das einen Massengentest bereits durchführt hat. Dass die Zürcher bis heute trotz Massentest den Täter nicht gefunden haben, schreckt die Luzerner nicht ab. «Wir wollen jede Chance nutzen», sagt Kopp.

Nach wie vor nicht vergeben ist die von der Staatsanwaltschaft ausgestellte Belohnung von 10 000 Franken. Ein Phantombild hat die Polizei bislang nicht veröffentlicht, weil sie schlicht über zu wenig spezifische Angaben verfügt. Doch was passiert, wenn der Täter nicht unter den 372 Männern ist? «Dann suchen wir weiter», sagt Kopp. Bei den folgenden Untersuchungen sei «alles möglich». Das hänge auch davon ab, was die anderen parallel zum Test laufenden Ermittlungen ergeben würden. Kopp schliesst auch die Möglichkeit weiterer Massen-DNA-Tests nicht aus.