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1918: Generalstreik!

Vor hundert Jahren kam es in der Schweiz zu einem landesweiten Generalstreik. Weshalb es zu dem für das Land einschneidenden Ereignis kam, darüber wird bis heute debattiert.
Urs Bader
Der Bundesrat bietet die Armee gegen die eigene Bevölkerung auf: Truppen auf dem Zürcher Paradeplatz, 7. November 1918. (Bild: KEY)

Der Bundesrat bietet die Armee gegen die eigene Bevölkerung auf: Truppen auf dem Zürcher Paradeplatz, 7. November 1918. (Bild: KEY)

Urs Bader

Die Schweiz ist kein Streik-Land. Aber sie war es einmal. Vor hundert Jahren kulminierten eine Vielzahl von Streiks und Demonstrationen gegen soziale Not und politische Ausgrenzung im ersten und bis heute einzigen landesweiten Generalstreik vom 12. bis 14. November. Obwohl ihn die Streikleitung unter militärischen Druck rasch wieder beendete, gilt der Landesstreik bis heute als eine der gravierendsten innenpolitischen und sozialen Krisen unseres Landes seit Gründung des Bundesstaats 1848.

Der Streik fiel zusammen mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs und der Habsburger Monarchie sowie mit dem revolutionären Geschehen in diesen Ländern. Vorausgegangen war dem schon das Ende des Zarenreichs und die russische Revolution. Dies alles überlagerte die hiesigen politischen und sozialen Spannungen und Auseinandersetzungen. Sogar die Siegermächte des Ersten Weltkrieges blickten misstrauisch auf die Schweiz. Sollte es am Ende sogar in diesem Land zu einem revolutionären Umbruch kommen?

Grosse Teile der Bevölkerung litten unter Entbehrungen

Soziale Spannungen und grössere Streiks hatte es in der Schweiz schon vor Kriegsausbruch 1914 gegeben, und der Generalstreik von 1918 hat diese auch nicht beendet. Die Lage eines Grossteils der Bevölkerung verschlechterte sich während des Kriegs zusehends. Die Ver­sorgung mit Lebensmitteln wurde massiv beeinträchtigt, die Teuerung führte zu einem Reallohnverlust von 30 bis 40 Prozent. Im Juni 1918 waren 692000 Personen – ein Sechstel der Gesamtbevölkerung – berechtigt, Notstandshilfen zu beziehen. Besonders betroffen waren die Angehörigen von Soldaten, die Grenzdienst leisteten. Es gab keine Entschädigung für den Verdienstausfall.

Auf der anderen Seite gab es in Industrie und Handel Kriegsgewinnler, auch die Bauernschaft machte gute Gewinne. Erst spät, ab März 1917, wurden immer mehr Nahrungsmittel rationiert. In Politik, Armee und grossen Teilen des Bürgertums herrschte ein autoritärer Geist. Dem Bundesrat waren vom Parlament weitreichende Vollmachten erteilt worden. Die Arbeiterschaft, immer mehr ohne Arbeit, sah sich von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. 1917 spitzte sich die Lage zu; es gab auf der Strasse erstmals Tote.

Deutungshoheit über den Streik immer noch umstritten

Weshalb es 1918 dann zum Landesstreik kam, dessen Hauptkampfplatz Zürich war, darüber wird bis heute debattiert. Zunächst wurde darin eine von Russland gesteuerte revolutionäre Aktion mit der Gefahr eines Bürgerkriegs gesehen. So beurteilte es die zeitgenössische bürgerliche Presse, die auf die revolutionäre Rhetorik von Teilen der Linken verwies, so beurteilten es auch Historiker wie Edgar Bonjour. Neuere Forschungen verwarfen diese Sicht. Sie rückten die Verelendung grosser Bevölkerungsteile in den Mittelpunkt, die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse und die Verweigerung der politischen Teilhabe der Linken. Ein neuer Aufsatz der Historiker Rudolf Jaun und Tobias Straumann relativiert auch diese Sicht. Sie weisen darauf hin, dass es 1918 bei der Versorgung der Bevölkerung und zunächst auch politisch eine Entspannung gab. Sie nennen vier Gründe für die Eskalation: Erstens die Angst der Zürcher Regierung vor unkontrollierbaren Unruhen. Zweitens die völlig überzeichneten und provokativ wirkenden Szenarien der Armeeführung von einer revolutionären Bedrohung und einem Bürgerkrieg. Drittens der Machtkampf in der Linken. Viertens der Machtkampf des Oltener Aktionskomitees mit dem Bundesrat: jenes verlangte einen Truppenabzug, dieser war nicht bereit, die Armeeführung zu desavouieren.

Konsens herrscht unter Historikern darüber, dass sowohl die Schweiz im Ersten Weltkrieg als auch der Generalstreik noch ungenügend erforscht sind.

Rudolf Jaun, Tobias Straumann: Durch fortschreitende Verelendung zum Generalstreik. Widersprüche eines populären Narrativs, in: Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz, 2016.

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