Zwölf Sekunden Glück

Es gibt einen Ort, wo Zeit keine Bedeutung hat und Menschen sich hemmungslos im Geld aalen. Eine abartige Vorstellung? Vielleicht. Seit neustem aber auch ein geschickter Marketing-Schachzug des Grand Casino St. Gallen. «Happy Shower! Duschen Sie im Geld!», heissts dort laut Flyer nämlich jeden Dienstagabend.

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In der Gelddusche wird im Casino St. Gallen um Glück, Geld und Gratisgetränke gekämpft. (Bild: Urs Jaudas)

In der Gelddusche wird im Casino St. Gallen um Glück, Geld und Gratisgetränke gekämpft. (Bild: Urs Jaudas)

Es gibt einen Ort, wo Zeit keine Bedeutung hat und Menschen sich hemmungslos im Geld aalen. Eine abartige Vorstellung? Vielleicht. Seit neustem aber auch ein geschickter Marketing-Schachzug des Grand Casino St. Gallen. «Happy Shower! Duschen Sie im Geld!», heissts dort laut Flyer nämlich jeden Dienstagabend.

Ab in die Kabine

Wer dann im Casino vorbeischaut, darf am Eingang ein Lösli aus einer klobigen Schatztruhe ziehen.

Und sich, ein wenig Glück vorausgesetzt, unter die Gelddusche stellen – wie jener alte Mann im knittrigen Anzug. Eine hübsche Casino-Dame führt ihn am Arm in eine Kabine aus Plexiglas und schliesst die Tür. Weiss der Mann, wie ihm geschieht?

Die Spieler an den Roulette-Tischen drehen sich um, schauen zu. Die Dusche steht mitten im Raum, gleich vor der Bar. Die Angestellte drückt auf den roten Knopf.

Ein Gebläse springt an und wirbelt farbige Papierfetzen, die ein bisschen wie Monopoly-Geld aussehen, durch die Kabine. Der Mann kämpft, fuchtelt, grabscht nach den Scheinen.

Zehn, zwölf Sekunden dauert es, dann fährt das Gebläse seufzend runter. Der Mann tritt aus der Kabine, die Finger um Papiergeld gekrallt. Er legt die Scheine auf ein Tischchen, wo sie gesichtet werden. Viele Nieten. Er gewinnt schliesslich einen Spieljeton im Wert von fünf Franken, die Casino-Dame gratuliert.

Er schlurft aus dem Rampenlicht zu den Slot-Machines. Einer von gut 30 Gamblern, die sich am Dienstag unter die Dusche stellten.

Alles an sich reissen

«Wir wollen einen Anreiz schaffen, damit unsere Gäste auch am Dienstagabend ins Casino kommen», sagt Martina Seehofer, Assistentin der Direktion des St. Galler Casinos. Das Spiel ist denkbar einfach: Man bekommt alles, was man an sich reissen kann – fast ein bisschen wie im echten Leben.

Parkhaustickets, Getränkegutscheine und Geldgewinne von bis zu hundert Franken wirbeln laut Seehofer durch die Kabine. Einzige Regel: Keine Scheine vom Boden aufheben.

Tunnelblick

Selbstversuch. Wenn man doch schon mal da ist. Diese Chance kommt nie wieder! Mach mich reich – oder gib mir zumindest einen Bon für die Bar. Sobald das Spielgeld im Ventilatorwind zu flattern beginnt, vergisst man die Umstehenden. Tunnelblick. Jetzt zählt nur eins: Gewinnen, und zwar zünftig.

Ein Kapitalistentraum in Reinform. Doch bevor der Tanz richtig anfängt, ist er auch schon wieder vorbei. Raus aus der Kabine. Immerhin: Zwei Getränkegutscheine und 25 Franken Gewinn – wahlweise zu beziehen als Bargeld oder als Spieljetons. Natürlich Spieljetons. Wenn man doch schon mal da ist. «Die Dusche ermöglicht unseren Gästen einen Zusatzgewinn – und auch der Spass kommt nicht zu kurz», sagt die Direktionsassistentin. Also: Gutschein an der Bar einlösen und mit der Stange in der Hand zum Roulettetisch.

Alles schien möglich

Fünf Minuten und drei Runden später ist alles verloren. Das geliehene Jackett am Eingang abgeben, Abgang aus dem Casino. In der Drehtür ein Gedanke: Ist wirklich alles verloren? Nein, es bleibt die Erinnerung an zwölf Sekunden, in denen irgendwie alles möglich schien. Ein paar Augenblicke nur, in denen man das Glück wirklich zu fassen kriegen konnte, man brauchte ja nur die Hand danach auszustrecken – fast ein bisschen wie im echten Leben.

Urs-Peter Zwingli

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