Kolumne

Zwist am Zebrastreifen

Eine munteres Partyvölklein in einer Stretchlimousine erregt den Zorn eines Familienvaters. Nach einer Verfolgungsjagd und einem Fausthieb endet die Sache vor Gericht.

Rolf Vetterli
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Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli (Bild: pd)

Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli (Bild: pd)

Zwei ältere Herren dachten sich für ihre Freundinnen, die zur selben Zeit Geburtstag hatten, eine schöne Bescherung aus. Sie mieteten eine Stretchlimousine und planten eine Spritztour dem Bodensee entlang bis zu einem bekannten Gasthof. Die kleine Gesellschaft, nach einem oder zwei Gläschen Wein schon in Festlaune, gondelte an einem frühen Samstagabend gemächlich durch Rorschach. Da überquerte ein Familienvater, der eben zwei Glacés gekauft hatte, die Strasse knapp neben dem Zebrastreifen, worauf der Chauffeur warnend die Hupe betätigte. Der Passant glaubte, er werde vom Partyvölklein ausgelacht, und warf dem Wagen erbost eine Eiswaffel hinterher. Danach bestieg er im Sprung das auf der anderen Strassenseite parkierte Auto und nahm samt Frau und Kind die Verfolgung auf. Vor einer Baustelle, deren Ampel gerade auf Rot wechselte, überholte er die Limousine, um den Lenker zur Rede zu stellen. Dieser kurbelte verängstigt das Fenster hoch und verriegelte die Tür. Stattdessen stieg der Beifahrer aus und bemühte sich, den aufgebrachten Mann zu beruhigen. Nun mischte sich jedoch dessen Ehefrau ein, schmetterte das übrig gebliebene Eiscornet an die Karosse und schrie dem Gatten zu, ob sie ihm einen Schlagstock bringen solle – den hatte sie allerdings gar nicht dabei. Auch der fünfjährige Bub stiess wüste Beschimpfungen aus, was sich ja noch irgendwie begreifen liess, nachdem er um das versprochene Dessert gebracht worden war.

In dieser turbulenten Lage befand der zweite Mitreisende, eine Person mit recht kräftiger Statur und schon etwas verblasster Erfahrung im Kickboxen, man dürfe sich den gemütlichen Abend nicht verderben lassen, und beschloss, der Sache ein Ende zu setzen. Die Begleiterinnen versuchten vergeblich, ihn am Ärmel zurückzuhalten. Er näherte sich dem Störenfried von der Seite, sagte «jetzt isch gnueg!» und hieb ihm die Faust in den Nacken. Der Geschlagene behauptete später, er sei sogleich umgekippt. Der Boxer meinte hingegen, sein Gegner habe theatralisch eine Pirouette gedreht und sich zu Boden sinken lassen. Danach kam die Ambulanz und transportierte den Mann ins Spital. Die Geburtstagsgäste mussten auf das Gourmetmenü verzichten und sich mit einem Hamburger im Schnellimbiss begnügen.

Der Verfolger blieb unbehelligt, weil nicht zu eruieren war, ob er auf seiner Fahrt Verkehrsregeln missachtete. Man erliess ihm sogar die Ordnungsbusse wegen Nichtbenützung des Fussgängerstreifens. Der Angreifer wurde derweil von einer Sachbearbeiterin mit staatsanwaltlichen Befugnissen infolge Tätlichkeit zu 500 Franken Busse verurteilt. Damit waren beide Parteien nicht einverstanden, weshalb sie sich nun im Kreisgericht Rorschach wieder treffen. Der Kläger verlangt eine Bestrafung wegen schwerer, allenfalls einfacher Körperverletzung und eine angemessene Genugtuung. Zur Begründung trägt er etwas stockend vor, dass er bis heute unter dem Vorfall leide: Seine Psyche sei angeknackst und sein Gehör geschwächt.

Der weit eloquentere Verteidiger ruft zur Entlastung seines Mandanten mehrere Bestimmungen aus dem Allgemeinen Teil des Strafgesetzbuchs an: Primär sei der Beschuldigte freizusprechen, weil er dem vermeintlich mit einer gefährlichen Waffe bedrohten Kameraden Notwehrhilfe geleistet habe. Eventuell habe er deren Grenzen in entschuldbarer Aufregung überschritten. Subsidiär sei er für schuldig zu erklären, aber von Strafe zu befreien, weil die Tatschuld geringfügig scheine und die Tatfolgen unbedeutend ausfielen. Kumulativ sei er selbst von den Auswirkungen so schwer betroffen, dass eine Strafe unangemessen wäre – er habe nämlich im Laufe des zweijährigen Verfahrens viele Nächte schlaflos verbracht.

Der Richter verkündet nach kurzer Unterbrechung sein Urteil. Er bestätigt den Schuldspruch wie die Strafe und weist die Genugtuungsforderung ab. Zuerst mahnt er den Kläger, bei der Wahrheit zu bleiben: Der Fausthieb habe das Wohlbefinden nur vorübergehend gestört und die Gesundheit nicht ernsthaft geschädigt. Dann redet er dem Beschuldigten ins Gewissen: Es sei nicht zu rechtfertigen, einen ausufernden Wortstreit mit roher Gewalt zu beenden.

In der richterlichen Befragung erzählte der Kläger, wie er nach dem Schlag ganz benebelt war und erst wieder richtig wach wurde, als die Sanitäter ihm rieten, tief durchzuatmen. Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, wenn er das schon eine halbe Stunde früher ausprobiert hätte.