Zwischen Beruf und Familie wechseln

ST.GALLEN. Männer beteiligen sich vermehrt an Kindererziehung und Haushalt. Familiären und beruflichen Verpflichtungen gerecht zu werden, bereitet aber Schwierigkeiten. Ein Projekt der Fachhochschule St. Gallen untersucht, wie es trotzdem möglich ist.

Julia Barandun
Drucken
Teilen

Switchen: Alle tun es, die wenigsten haben sich je bewusst damit auseinandergesetzt. Ein Projekt der Fachhochschule St.Gallen will das nun ändern.

«Switchen meint das Hin- und Herschalten zwischen Arbeit und Freizeit», sagt Stefan Paulus, Verantwortlicher des Projekts «Switchen ist legitim». «Ich switche, wenn ich zum Beispiel während der Arbeitszeit einen Arzttermin organisiere oder beim Spazierengehen auf die Lösung für ein Arbeitsproblem komme», erklärt Paulus. Dabei würden sich die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben immer mehr auflösen. Da berufliche und familiäre Verpflichtungen gleichzeitig abliefen, würden arbeitende Männer versuchen, beiden Seiten gerecht zu werden, sagt Paulus. Dies führe oft zu innerer Zerrissenheit und schlechtem Gewissen. Ein Teilnehmer des Projekts habe den Extremfall so beschrieben: «Meine Mutter lag im Sterben, und ich sass auf einem Scheissmeeting rum.» Am Arbeitsplatz würden familiäre Themen von Männern oft verschwiegen, weil sie dadurch berufliche Nachteile befürchten, sagt Paulus.

Noch keine guten Lösungen

Das FHS-Projekt ist laut Paulus schweizweit das erste, welches das Switchen männerspezifisch betrachte. Dafür wurde ein Online-Fragebogen entwickelt, und Workshops mit Arbeitnehmern fanden statt. Dabei hätten sie zwei wesentliche Punkte herausgefunden, sagt Paulus. «Einerseits ist das Switchen eine Strategie, um beruflichen und familiären Verpflichtungen gerecht zu werden. Andererseits zeigt es, dass bisherige Möglichkeiten, Arbeit und Freizeit zu vereinen, noch keine Lösungen für Männer anbieten.»

Switchen kann helfen

Aus der Studie geht ausserdem hervor, dass die Männer am häufigsten switchen, um mit ihrer Familie zu kommunizieren. Dafür muss die Arbeit meist unterbrochen und später wieder aufgenommen werden. Switchen solle aber nicht nur als Ablenkung und Störfaktor bei der Arbeit verstanden werden. Teilnehmer der Studie haben laut Paulus beschrieben, dass Switchen ihnen sogar helfe, sorgenfrei zu arbeiten: wenn sie wüssten, dass die Liebsten versorgt seien oder ein Termin feststehe. Wenn das Switchen aber nicht planbar sei, könne es durchaus ein Stressfaktor am Arbeitsplatz sein, räumt Paulus ein.

Auch beim Kanton ein Thema

Der Kanton St.Gallen als Arbeitgeber habe sich seit 2008 des Themas «Vereinbarkeit von Beruf und Familie» angenommen, sagt Brigitte Meyer vom kantonalen Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung. In den letzten Jahren seien vermehrt Väter in den Fokus familienfreundlicher Massnahmen gekommen. Vor allem Massnahmen, die Eltern eine gewisse Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitszeit geben, seien zielführend, sagt Meyer. Der Kanton verfüge unter anderem über Krippenangebote und biete Möglichkeiten zum Homeoffice an. Anstoss zu einer schweizweiten Diskussion habe der Kanton vor vier Jahren gegeben, als er die Studie «Vereinbarkeit von Beruf und Familie; was Männer wollen» in Auftrag gab, sagt Meyer. «Damals wurde der Fokus bewusst auf die Anliegen der Männer gerichtet.»

In Zukunft werde es wohl für Arbeitnehmer immer wichtiger sein, ein erfülltes Leben auch neben dem Beruf führen zu können, sagt Paulus. «Eine neue Generation wächst heran, die das <Arbeiten ohne Ende> grundsätzlich hinterfragt.» Auch angesichts des demographischen Wandels, der Doppelverdienerhaushalte, des Fachkräftemangels oder steigender Burn-out-Raten brauche die Schweiz zukunftsfähige Ideen und Modelle, um ein erfülltes Berufs- und Privatleben zu ermöglichen, betont Paulus. «Hierzu bedarf es einer öffentlichen Diskussion.»