Zweifrontenkampf gegen Hagel

Die Hagelabwehr im Oberthurgau und in der St. Galler Nachbarschaft hat 19 neue Schützen, damit sind es wieder 200. Wo Hagelschaden droht, zünden sie kleine Raketen. Ob diese in grossen Wolken genügend wirken, bleibt umstritten.

Fritz Bichsel
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Martin Straub (Vorstand) zeigt, wie man die Rakete per Funk zündet. (Bild: Fritz Bichsel)

Martin Straub (Vorstand) zeigt, wie man die Rakete per Funk zündet. (Bild: Fritz Bichsel)

Es ist kompliziert: Die Schützen müssen die kleinen Hagelabwehr-Raketen genau im passenden Moment und koordiniert in Gewitterwolken schiessen. Die Wirkung ist nicht exakt nachweisbar, weshalb die Hagelabwehr ständig auch um die Finanzierung kämpfen muss.

Theorie, Praxis und Zweifel

Unterstützt wird der Verband Ostschweiz durch 40 Gemeinden vom Bodensee bis gegen Frauenfeld und Wil, die Gebäudeversicherung Thurgau und Obstverbände. Überzeugt sind auch 19 Männer aus diesem Gebiet: Sie lassen sich als neue Schützen ausbilden und prüfen.

In der Schulanlage Niederbüren zeigen ihnen Fachleute vom Hagelabwehrverband und von der Kantonspolizei, was die kleinen Raketen enthalten und wie sie diese handhaben müssen: Bei Warnung für ihre Zone aufgrund von Wetterbeobachtung mit Radar auf eine Schiene montieren, auf die Gewitterfront richten, nach SMS-Weisung vom Leiter – der die Freigabe des Luftraums bei der Flugsicherung Skyguide einholte – in sicherem Abstand über Funk zünden.

Dies muss im passenden Moment erfolgen, damit Thermik die Rakete in die Wolke hebt. Auch Gesetze, Wetter, Flugsicherung und Sprengstoff sind Kursfächer. Dann geht's ans Üben von Starts und schliesslich an den Abschuss einer Rakete. Kurzes Zischen, viel Rauch, nach Sekunden eine kleine Explosion in der anvisierten Wolke.

Raketen aus der Sowjetunion

Die Methode ist anerkannt: Silberjodid – in diesen Raketen je 15 Gramm – verteilt sich durch die Explosion und den Luftzug in kleinste Partikel. Diese bewirken, dass sich kleine Eiskristalle oder Wassertropfen bilden statt grosse Hagelkörner. Wissenschafter bezweifeln jedoch, dass sich Kristallisationskeime so präzis und ausreichend in Wolken transportieren lassen, dass sie Hagel aus ganzen Gewitterfronten verhindern.

Die ETH Zürich testete das vor gut dreissig Jahren. Für grosse Mengen Silberjodid setzte sie Raketen aus der Sowjetunion ein. Im Vergleich mit nicht beschossenen Wolken stellten diese Wissenschafter keinen messbaren Unterschied beim Hagel fest. Weil jede Gewitterwolke anders ist, räumten sie aber ein, umgekehrt lasse sich auch nicht sagen, die Raketen hätten keine Wirkung.

Ein Verband von Gemeinden

Die Schweizer Hagelversicherung zahlt aufgrund dieses ETH-Versuchs bis heute nichts an die Abwehr. Die Schützen im oberen Thurgau und in angrenzenden St. Galler Gemeinden stützen sich hingegen auf Langzeitstudien in Deutschland und Österreich, verweisen auf neues Material sowie den heute koordiniert möglichen Einsatz vieler Raketen und beobachten, dass in ihrem Gebiet weniger Hagelschaden entsteht als in Nachbarregionen. Das bestätigt die Gebäudeversicherung Thurgau, die deshalb einen Beitrag zahlt.

Trotzdem muss der Verband ständig ringen, bis Kosten von durchschnittlich 200 000 Franken pro Jahr gedeckt sind. Die angeschlossenen Gemeinden zahlen derzeit fünf Franken je Hektare schützenswertes Gebiet. Schützen erhalten für den Ausbildungstag eine Entschädigung. Daneben erfolgt die Hagelabwehr vorwiegend ehrenamtlich.

Mit den Neuen absolvieren weitere Männer den Kurs, denn alle fünf Jahre ist Schulung vorgeschrieben. Organisator Matthias Jung vom Verbandsvorstand freut sich, dass der Bestand bei gut 200 Schützen stabil ist: Genügend neue ersetzen altershalber oder wegen beruflicher Veränderung austretende.

Landwirte für Nichtlandwirte

Immer noch engagieren sich hauptsächlich – zu etwa achtzig Prozent – Landwirte, die ihre Obstanlagen oder Felder schützen wollen. Matthias Jung, selber Landwirt, verweist jedoch darauf, dass Hagel inzwischen den Grossteil der Schäden an Gebäuden und Autos anrichtet. Beim riesigen Hagelzug 2009 vom Genfer- bis zum Bodensee seien darauf über 90 Prozent entfallen. Und auch damals habe sich bestätigt, dass in Regionen mit Abwehr weniger Schaden entstehe. Nebst dem Grenzgebiet Thurgau-St. Gallen gibt es solche in der Schweiz nur in zwei Regionen der Kantone Bern und Solothurn sowie vereinzelt in der Westschweiz.