Zweifelhafte Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka: Das Versagen der St.Galler Behörden ist grösser als angenommen

Ein Bericht zur Adoption von Kindern aus Sri Lanka zeigt: Die St.Galler Behörden hielten sich in den 1980er Jahren nicht an die geltenden Gesetze.

Adrian Lemmenmeier
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Zwischen 1973 und 1997 stellten die Schweizer Behörden 950 Einreisebewilligungen für Kinder aus Sri Lanka aus.

Zwischen 1973 und 1997 stellten die Schweizer Behörden 950 Einreisebewilligungen für Kinder aus Sri Lanka aus.

Bild: Sandra Ardizzone

Der Befund ist vernichtend: 28 Adoptionsdossiers aus dem Kanton St.Gallen wurden untersucht. Und kein einziges dieser Dossiers entsprach den Vorgaben der damals gültigen Gesetze. Einige adoptierten Kinder hatten keinen Vormund. In anderen Fällen fehlte das Einverständnis der leiblichen Eltern, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Oft stellte die zuständige Gemeinde auch die Bewilligung, ein Pflegekind zu betreuen, erst aus, nachdem das Paar bereits ein Baby aus Sri Lanka aufgenommen hatte. Das zeigt ein Bericht der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) über die Adoption von Kindern aus Sri Lanka in der Schweiz zwischen 1973 und 1997, den der Bund am Donnerstag in Bern präsentiert hat.

Regierungsrat Martin Klöti

Regierungsrat Martin Klöti

Urs Bucher

Damit ist klar, dass die Verfehlungen der St.Galler Behörden weiter reichten als bisher angenommen. Regierungsrat Klöti, der sich am Donnerstag in Bern im Namen des Kantons gegenüber Betroffenen für diese Verfehlungen entschuldigte, nennt den Befund des Berichts zu St.Gallen «gravierend». Man wolle sich nicht aus der Verantwortung reden.

Der Bericht kritisiert die Kommunikation des Kantons im vergangen Jahr

St.Gallen hat bereits vor einem Jahr einen Bericht über die Sri-Lanka-Adoptionen veröffentlicht. Damals lag der Fokus auf der Rolle der umstrittenen Vermittlerin Alice Honegger. Über ihr «Haus Seewarte» in Bollingen vermittelte sie Hunderte sri-lankischer Babys in die Schweiz. Dabei arbeitete sie in Sri Lanka mit einer korrupten Anwältin zusammen. Der erste Bericht kam zum Schluss, dass der Kanton die Aufsicht über diese Vermittlungsstelle ungenügend wahrgenommen habe. Das Departement des Innern folgerte daraus in einer Medienmitteilung, der Bericht besage, dass der Aufsichtsbehörde im damaligen rechtlichen und gesellschaftlichen Kontext kein rechtswidriges Vorgehen vorgeworfen werden könne. Nun kritisiert der aktuelle Bericht, dass eine solche Aussage im ersten Bericht nie gemacht wurde. Klöti sagt dazu, man habe sich damals nach Rücksprache mit dem Bundesamt für Justiz für eine sanfte Formulierung entschieden.

Alice Honegger vermittelte Hunderte sri-lankische Babys in die Schweiz.

Alice Honegger vermittelte Hunderte sri-lankische Babys in die Schweiz.

Screenshot Rundschau / SON

Archivmaterial zusammengeführt

Jetzt aber müsse man nach vorne schauen. «Das Vertrauen der Betroffenen in den Staat wird durch die Resultate dieses Berichts erschüttert. Wir müssen es zurückgewinnen.» Dazu richten Bund und Kantone eine Arbeitsgruppe ein, die Betroffene unterstützen soll, ihre Herkunft zu erforschen. Um die Suche zu erleichtern, hat der Kanton St.Gallen letzte Woche 253 Aktendossiers von der Stiftung Adoptio ans St.Galler Staatsarchiv überführt. Die von Alice Honegger ins Leben gerufene Stiftung verwaltete ihr Archiv mit Adoptionsdossiers. Alice Honegger ist 1997 verstorben.

Das Amt für Soziales will nun weitere Aktenbestände zusammenführen. Dazu werden alle Adoptionen und Pflegeverhältnisse von Kindern aus Sri Lanka zwischen 1973 und 1997 untersucht. Vollständige Dossiers sollen die Aufarbeitung der damals ausgesprochenen Adoptionen ermöglichen. Auch bietet das Amt Betroffenen Beratung und Unterstützung bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern an. Das Departement des Innern pflege ausserdem den Austausch mit dem Verein Back to the Roots, so Klöti. Der Verein setzt sich für die Interessen adoptierter Personen aus Sri Lanka ein.

Zwischen 1973 und 1997 sind gemäss ZHAW-Bericht 85 Kinder aus Sri Lanka im Kanton St.Gallen adoptiert worden. Damit gab es in St.Gallen nach Zürich schweizweit am zweitmeisten Adoptionen. Schon in den 1980er-Jahren berichteten Medien von «Baby-Farmen» in Sri Lanka, in denen Säuglinge für eine Adoption durch europäische Eltern bereitgehalten wurden. Der «Spiegel» schrieb 1982, in Sri Lanka würden Kinder wie Kokosnüsse gehandelt.

Illegale Adoptionen aus Sri Lanka - Schweizer Behörden sahen weg

Die Behörden von Bund und Kantonen haben systematisch weggesehen, als fast 900 Kinder aus Sri Lanka zum grossen Teil illegal in die Schweiz adoptiert wurden. Eine Studie bringt das gesamte Ausmass des Missbrauchs von den 1970er bis in die -90er Jahre ans Tageslicht.