Gaiserbahn bald auf dem Abstellgeis, Seilbahn-Träume in Rheineck: Das sagen die Verkehrsdirektoren zur Zukunft der Ostschweizer Zahnradlinien

Die Zahnradlinie Altstätten-Gais habe keine Zukunft, sagen die Kantone. Besser sieht es für die Rorschach-Heiden-Bahn aus. Allerdings: Auch hier ist der Kostendeckungsgrad zu tief. Die Finanzierung wird auch in den kommenden Jahren zu reden geben.

Adrian Vögele
Drucken
Teilen
Die Gaiserbahn fährt noch etwa 15 Jahre, dann soll sie mit Bussen ersetzt werden.

Die Gaiserbahn fährt noch etwa 15 Jahre, dann soll sie mit Bussen ersetzt werden.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Es könnte ein gutes Jahr werden für die Ostschweizer Zahnradbahnen – dank Corona und dem Inlandtourismus. Sie haben es nötig. Denn die Linien Rorschach-Heiden, Rheineck-Walzenhausen und Altstätten-Gais sind schon seit einiger Zeit gefährdet: Der Kostendeckungsgrad liegt unter 30 Prozent, und hohe Investitionen stehen an. Vom Wechsel auf Busbetrieb war die Rede, zum Schrecken der betroffenen Gemeinden und Tourismusorganisationen.

Jetzt haben die Kantone St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden erste konkrete Entscheide getroffen – nach detaillierten Abklärungen mit den Appenzeller Bahnen und dem Bund, gestützt auf externe Studien. Alle drei Bahnlinien werden vorerst weiterbetrieben. Ihre Zukunftsaussichten sind allerdings sehr unterschiedlich.

Bus statt Bahn in Altstätten

Dölf Biasotto, Ausserrhoder Verkehrsdirektor.

Dölf Biasotto, Ausserrhoder Verkehrsdirektor.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Die Altstätten-Gais-Bahn wird nur noch weiterfahren, bis das Rollmaterial das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat. So lange sollen die Appenzeller Bahnen auch die Infrastruktur unterhalten. Etwa im Jahr 2035 ist wohl Schluss, danach zeichnet sich ein Betrieb mit Bussen ab. Denn der hohe touristische Wert der Linie, auf den Lokalpolitiker und Bahnfans hingewiesen haben, bestätigte sich laut den Kantonen nicht: «Die touristische Bedeutung dieser Linie ist klein, da sie nicht an den SBB-Bahnhof Altstätten angeschlossen ist», heisst es im Communiqué. «Busse könnten diese Lücke problemlos schliessen», sagt der Ausserrhoder Verkehrsdirektor Dölf Biasotto. Demgegenüber sei es illusorisch, die Zahnradlinie quer durch die Stadt zu verlängern. Die Busverbindungen wären darum für Touristen sogar attraktiver als die heutige Situation mit der Bahn. Das gelte selbst für Wintersportler, die auf der alten Stossstrasse schlitteln wollen, so Biasotto: «Schlitten lassen sich auch in einem Busanhänger transportieren.» Zugleich sei das Potenzial für zusätzliche Pendler auf der Strecke klein.

Die Stadt Altstätten – sie war wie die anderen betroffenen Gemeinden in die Abklärungen involviert – hofft zwar, dass sich die Zahnradbahn doch noch längerfristig sichern lässt. Damit sich die Anschaffung neuer Wagen aber lohnt, müsste die Auslastung deutlich steigen. Dass das gelinge, sei aus heutiger Sicht nicht realistisch, sagt der St.Galler Verkehrsdirektor Bruno Damann.

Linie Rorschach-Heiden bleibt

Bessere Chancen sehen die Kantone für die Rorschach-Heiden-Bahn: Sie wird ohne Ablaufdatum weiterbetrieben. «Die touristische Bedeutung der Linie wiegt den Vorteil einer Umstellung auf Bus mehr als auf», heisst es in der Mitteilung. Die Bahn habe Zubringer von Schiene, Strasse und Bodensee-Schifffahrt. Busse könnten zwar ein grösseres Gebiet entlang der Strecke erschliessen. «Dafür wären aber zwei Busverbindungen notwendig und Wienacht hätte keinen direkten Anschluss mehr nach Rorschach.» Zudem hoffen die Kantone, dass ab 2022 in Rorschach wieder attraktivere Anschlüsse an den Fernverkehr möglich werden.

Gute Zukunftschancen – auch dank dem Anschluss an die Bodensee-Schifffahrt: Die Rorschach-Heiden-Bahn am Hafenbahnhof in Rorschach.

Gute Zukunftschancen – auch dank dem Anschluss an die Bodensee-Schifffahrt: Die Rorschach-Heiden-Bahn am Hafenbahnhof in Rorschach.

Raphael Rohner

Automatischer Fahrbetrieb in Rheineck – mit Seil statt Zahnrad?

Bruno Damann, St.Galler Verkehrsdirektor.

Bruno Damann, St.Galler Verkehrsdirektor.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Überlebenschancen hat laut den Studien auch die Rheineck-Walzenhausen-Bahn. Steigende Passagierzahlen seien auf dieser Linie zwar nicht zu erwarten, sagt Damann. «Hier geht es eher um eine Kostensenkung.» Die Strecke mit Bussen zu bedienen, sei kompliziert, darum stehe derzeit ein automatisierter Bahnbetrieb im Vordergrund. Das heutige Fahrzeug der Zahnradbahn ist veraltet und könnte jederzeit den Geist aufgeben. Die Appenzeller Bahnen prüfen darum momentan verschiedene Möglichkeiten für die Linie - auch solche ohne Zahnrad. «Ich könnte mir sogar eine Luftseilbahn vorstellen», sagt Damann. Das sei jetzt zwar nur «laut gedacht» – aber Seilbahnen seien in Betrieb und Unterhalt deutlich weniger aufwendig als Zahnradbahnen.

Für die Linie Rheineck-Walzenhausen wird ein automatisierter Fahrbetrieb angestrebt. Derzeit laufen dazu noch Abklärungen.

Für die Linie Rheineck-Walzenhausen wird ein automatisierter Fahrbetrieb angestrebt. Derzeit laufen dazu noch Abklärungen.

Raphael Rohner

Über 200'000 Franken zu wenig pro Jahr

Auch wenn jetzt klar ist, in welche Richtung sich die Zahnradbahnen entwickeln sollen: Das Thema ist für die Kantone nicht erledigt. Bis Ende Jahr werden sie mit den Appenzeller Bahnen eine Vereinbarung abschliessen. Dabei geht es zum Beispiel um Werbemassnahmen. Eine weitere Vereinbarung mit den Gemeinden wird regeln, wie die Entwicklung der Linien überprüft wird. Das Ziel: Der Kostendeckungsgrad soll steigen. «Falls das nicht gelingt, müssen wir mit den Gemeinden darüber diskutieren, wer die Defizite deckt», sagt Biasotto. Heute liegt die Rorschach-Heiden-Bahn jährlich um 125'000 Franken zu tief, die Altstätten-Gais-Bahn um 76'000 Franken und die Walzenhausenbahn um 25'000 Franken. Sinkt der Deckungsgrad weiter, droht sich zudem der Bund aus der Finanzierung zu verabschieden. Für das Überleben des Zahnrads in der Ostschweiz wird ein kurzfristiger Coronaeffekt bei den Passagierzahlen also kaum ausreichen.

Mehr zum Thema