Zwei Kerzen für die Ehemänner

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Beschenkt alle zehn Enkelinnen: Hedwig Brocker im Altersheim Risi, Wattwil. (Bild: Ralph Ribi)

Beschenkt alle zehn Enkelinnen: Hedwig Brocker im Altersheim Risi, Wattwil. (Bild: Ralph Ribi)

Seit 1979 feiert Hedwig Brocker an Heiligabend allein. Dann zündet sie zwei Kerzen an und denkt an ihre zwei Ehemänner. Der erste Mann litt an Tuberkulose und starb nach fünf Jahren Ehe. Die damals 28-Jährige blieb mit ihrer dreijährigen Tochter zurück. «Vier Jahre war ich Wittfrau.» Mit ihrem zweiten Mann, dem Wattwiler Gemeindeammann Robert Brocker, bekam sie zwei weitere Kinder. 1979, bei einem Spaziergang auf dem Bendel, fiel er plötzlich um und erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. Von da an wollte sie an Weihnachten allein sein. Ihre Kinder drängelten trotzdem: «Mutter, wir kommen dich holen, hast du es dir schon anders überlegt?» Doch Hedwig Brocker bleibt dabei. «Bei mir gibts kein Fernsehen an Heiligabend», sagt sie. «Einfach nur da sein, ganz in der Stille.»

Seit fünf Jahren wohnt die hellwache 98-Jährige im Watt­wiler Altersheim Risi. In einem Zimmer voller Engelfiguren. Die Kinder und Enkelinnen kommen oft zu Besuch; «ich bin da sehr verwöhnt». Sie öffnet eine Schublade voller Topf­lappen, Handtücher und Lätzli, die sie mit Blumen und Tierchen bestickt hat. «Ich habe zehn Grosskinder, alles Maitli. Das gibt zu tun, bis ich für alle ein Geschenk habe.» Sie ­lächelt. «Man kann auch mit 98 noch stolz und eitel sein. Sauber und anständig.»

In ihrer Jugend wollte Hedwig Brocker Krankenschwester werden, was ihre Gesundheit jedoch nicht zuliess. Sie pflegte eine kranke Tante und gründete einen freiwilligen Spitaldienst, chauffierte Patienten zum Arzt und bastelte mit kranken Kindern.

Die Tochter eines Kamin­fegermeisters erinnert sich auch lebhaft an die Weihnachtsabende ihrer Kindheit in Herisau. An die Anspannung, «wenn die Mutter mit dem Christkind in der Stube war». Die fünf Kinder mussten schlitteln gehen. Danach dampfte auf dem Tisch ein grosser Teekrug, und aus dem Kachelofen duftete es nach Bratäpfeln. «Ich hatte ein schönes Leben.» Wie wird man zufrieden alt? «Indem man auch an die ­anderen denkt, nicht nur an sich selber.»

Melissa Müller