Zwei ehemalige Thaler Heimkinder erzählen: «Ich sehe mich sieben Jahre lang tagtäglich allein in eine kalte, luftleere, enge und niedrige Betonzelle ohne Lichteinfall eingeschlossen»

Ein Blick ins Innere des Kinderheims zum Andwiler in Thal offenbart erschütternde Verhältnisse in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Zwei ehemalige Heimkinder erinnern sich mit Grauen.

Rolf App
Drucken
Teilen
Das ehemalige Kinderheim zum Andwiler in Thal.

Das ehemalige Kinderheim zum Andwiler in Thal.

Bild: Nik Roth

Sieben Jahre bereits hat Robi Minder in der fernen Ostschweiz im Kinderheim zum Andwiler in Thal zugebracht, als er sein Schweigen bricht. In den Weihnachtsferien erzählt der Elfjährige seiner Mutter von den Gewaltexzessen der Hausmutter in der gefürchteten Waschküche. Einige Monate später holt ihn seine Basler Fürsorgerin aus der Klasse. «Ich musste wiederholen, was ich zu Hause erzählt hatte», erinnert sich der heute 71-Jährige.

«Das Muetti, wie wir Frau Kellenberger immer nennen mussten, sass kreidebleich da und zitterte.»

Er ist dann im Sommer 1962 zu einem Bauern gekommen – nach fast zehn Jahren im Heim. Später hat er gehört, «dass die Basler Fürsorge fortan keine Kinder mehr nach Thal geschickt hat».

Auch bei Diana Bach kommt der Moment, da sie sich jemand anderem anvertraut. Auch sie erzählt von der Waschküche, in die sie befohlen worden sei. Dort habe Frau Kellenberger sie geschlagen, bis sie geblutet habe, mit der Erklärung, sie müsse ihr den Hoffahrtsteufel austreiben. Die Tante geht mit dieser Schilderung zum Amtsvormund in Zürich. Der wiegelt ab, obschon auch ihm die religiöse Art der stark evangelikal ausgerichteten Kellenbergers nicht behagt. In der Frage der Gewalt rettet er sich in den Konjunktiv: «Wenn davon auch nur ein kleiner Teil zutreffen würde, wäre eine sofortige Wegnahme Dianas gerechtfertigt», schreibt er – und verzichtet auf weitere Abklärungen.

«Die Erziehung ist vortrefflich», schreibt ein Inspektor

Erst 1980 stellt das Kinderheim zum Andwiler mangels Nachfrage seinen Betrieb ein. Nach aussen hin gilt, was ein Inspektor des kantonalen Departements des Innern 1956 in seinem Antrag zur Bewilligungserteilung festgestellt zu haben glaubt: «Die Erziehung ist vortrefflich.» Damit das auf dem Papier so bleibt, findet sich von Robi Minders Geständnis vor der zitternden Hausmutter in den Akten kein Wort. Man wolle «milieugeschädigten Kindern eine Heimat bieten», verkündet ein Hochglanzprospekt vielmehr: «Ein warmes Nest, wo sie sich geborgen fühlen und froh und unbeschwert ihre Jugendjahre verbringen können.»

Dass dieses Nest keineswegs Geborgenheit vermittelt, sondern im Gegenteil tiefe, bis heute nicht verheilte – und auch niemals heilbare – Verletzungen hinterlassen hat, davon erzählen Robi Minder und Diana Bach in einem langen Gespräch, als ob es gestern gewesen wäre. Bach fasst danach ihre Erinnerung an eine Zeit zusammen, in der sie aufgehört hat zu leben:

«Ich sehe mich sieben Jahre lang, von Neun bis Sechzehn, tagtäglich allein in eine kalte, luftleere, enge und niedrige Betonzelle ohne Lichteinfall eingeschlossen.»

Und weiter: «Das einzige Glück (!), wenn die seelentyrannisierende Zellenwärterin nicht auftauchte. Dann nämlich drückte mich ihre Bosheit und Härte auch noch auf den kalten Betonboden nieder.»

Nackt vor allen anderen

Robi Minder aber schildert nicht nur die Demütigungen und Brutalitäten, die er selber erlitten hat, sondern kommt auf seine jüngere Schwester Elisabeth zu sprechen, auch sie eines der Opfer dieses Heims. Elisabeth Minder hat im Anhang zum Buch, in dem die Autorin Lisbeth Herger die Geschichte von Diana Bach und Robi Minder – noch mit anonymisierten Namen und Orten – aufgezeichnet hat, bis ins schmerzhafte Detail beschrieben, was sie erlebt hat.

Sie muss früh arbeiten und noch vor ihrem fünften Geburtstag riesige Kübel Kartoffeln schälen. «Wehe, wenn etwas weisse Schale geschält wurde, musste ich diese roh essen», schreibt Elisabeth Minder in ihrem Bericht. Das selbe geschah, wenn sie sich übergeben hatte.

«Erbrochenes muss wieder hinuntergegessen werden, wenn nicht am Tisch, dann aus der Hundeschale draussen im Gang.»

Weitere Demütigungen kommen hinzu: Als Strafe fürs Bettnässen muss sie «total nackt Kopfstand vor dem Esszimmer machen, sodass jeder an mir vorbeilaufen muss.» Und wer nach einer Beschreibung dessen sucht, was Sadismus ist, der findet sie in diesem Vorkommnis: Nach einem Spitalaufenthalt wird Elisabeth Minder eine salzlose Diät verschrieben. «Und was tat diese grausame Frau, die auch eine Ausbildung als Krankenschwester hinter sich hat, sie gibt mir trockenes Brot mit viel Salz bedeckt. Ich darf nichts trinken, und als ich fast am Verdursten bin, trinke ich aus der Toilette.»

«Riesige Demütigungen und Scham»: Diana Bach und Robi Minder verbringen in den 1950er-Jahren einen Teil ihrer Kindheit im religiös geführten Kinderheim zum Andwiler in Thal.

«Riesige Demütigungen und Scham»: Diana Bach und Robi Minder verbringen in den 1950er-Jahren einen Teil ihrer Kindheit im religiös geführten Kinderheim zum Andwiler in Thal.

Bild: Jonas Landolt

«Die Gesellschaft hat weggeschaut»

Zur «riesigen Demütigung und Scham» kommen die Schläge und das Eingesperrtsein im «Dunkelkämmerli», einem engen Verlies ohne Licht. «Diesen Hass verstehe ich nicht», schreibt Elisabeth im Jahr 2016, auch mehr als fünf Jahrzehnte danach noch immer fassungslos. Es ist dieser Hass und diese Kälte, die auch Robi Minder und Diana Bach bis heute verfolgen. «Man sagt uns oft, wir sollten diese Erlebnisse doch hinter uns lassen», zieht Diana Bach Bilanz.

«Doch es geht nicht. Wir fühlen uns, als hätten wir keinen Boden unter den Füssen.»

Die Schläge hat sie – im Unterschied zu Robi Minder – «vergessen, weggedrängt, abgespalten». Geblieben ist ein tiefer Schatten über ihrem Leben, und ihre lebenslange Angst vor Begegnungen.

Doch ein Einzelfall sind sie keineswegs. «Es gab in dieser Zeit, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, viel Gewalt und viele Übergriffe, gerade in religiös geführten Heimen», sagt Lisbeth Herger, die in ihren Büchern Opfern einer dunklen Zeit eine Stimme gibt, und sie auch in ihrem «Erzählcafé» zu Wort kommen lässt. Sie fährt fort:

«Und die Gesellschaft hat weggeschaut, weil sie arme Leute, Scheidungskinder und unehelich Geborene als minderwertig betrachtet hat.»

Doch wie hat es funktioniert, dieses kollektive Wegschauen? Wie konnte Anny Kellenberger ihre sadistischen Neigungen ausleben, ohne dass jemand darauf reagiert hat? Und: Welche Rolle spielte dabei die Religion? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen muss man zuerst einen Blick auf das Heim werfen. Es wird getragen von einer Stiftung, die der Rheinecker Textilindustrielle Alfred Bärlocher ins Leben ruft, nachdem er aus einer Lawine gerettet worden ist.

1947 ersteigert sie sich die Liegenschaft «Zum Andwiler» am Dorfrand von Thal, im selben Jahr noch wird das Kinderheim eröffnet, das bis zu seiner Schliessung 118 Kinder für kürzere oder längere Zeit beherbergen wird. Geführt wird es bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974 von Bärlochers Angestellten Arnold Kellenberger, der für die Erledigung des reichlich anfallenden Briefverkehrs mit Angehörigen und Amtsstellen einen halben Tag in der Woche frei bekommt. Und der sich, als die Pläne für ein Heim konkret werden, sehr rasch eine Frau suchen muss.

Verwischte Spuren der Misshandlungen

Ob Arnold Kellenberger vom Abgrund weiss, der sich in seiner Abwesenheit auftut? Robi Minder und Diana Bach sind sich da unsicher. Libeth Herger sagt: «Er hätte es wissen können. Aber er wollte nicht, denn das hätte alles in Frage gestellt.» Entgegen kommt ihm dabei, dass Anny Kellenberger sehr darauf achten, die Spuren ihrer Misshandlungen rechtzeitig aus dem Weg zu räumen.

Die Kinder behält sie unter strenger Aufsicht. Kaum ist die Schule aus, müssen die rigide kontrollierten Kinder auf allerschnellstem Weg heimkehren. «Wir sollten möglichst wenig Kontakt haben», sagt Robi Minder.

«Und hatten wir die Schulaufgaben erledigt, so mussten wir arbeiten.»

Nur der Sonntagnachmittag bleibt frei. Dann schreiben die Kinder Briefe, die von den Heimeltern kontrolliert werden. Kein Wort über das Erlittene soll nach aussen dringen.

Die Kellenbergers führen ein zugleich offenes wie verschlossenes Haus. Verschlossen bleibt es fremden Kindern und Erwachsenen, denen Anny Kellenberger nicht traut. Offen steht es jenem Personenkreis, auf den die Kellenbergers angewiesen sind, und dem sie sich religiös verbunden fühlen. In ihrem Gebetskreis finden sich Lehrer und Kindergärtnerinnen, wie religiöse Rituale im Heimleben überhaupt eine wichtige Rolle spielen. Unablässig müssen die Kinder beten – oder in einer beklemmenden Stimmung vor den andern ihre Sünden bekennen.

So verschwindet die Gewalt unter einem «Berg des Verschweigens», wie Lisbeth Herger feststellt. Das ist beileibe kein Einzelfall. Gerade befasst sie sich mit der Geschichte einer Frau, die mit Zwölf von mehreren Bauern immer wieder missbraucht worden ist. «Was wäre geschehen, hätte sich dieses Mädchen bei den Behörden gemeldet?» fragt sie – und gibt gleich die Antwort: «Man hätte ihr nicht geglaubt.» Umsichtig haben auch die Kellenbergers an ihrer Fassade christlichen Eifers und bürgerlicher Wohlanständigkeit gebaut, und sind dafür bei ihrem Abgang auf Bärlochers Antrag von der Stiftung mit einer Sonderprämie geehrt worden.

Alle schauen weg – oder zumindest nicht genau hin. Die wenigen im Staatsarchiv abgelegten Inspektionsberichte des Departements des Innern warten mit Sätzen auf, die geradewegs aus den Andwiler-Prospekten abgeschrieben scheinen. Und als es Lisbeth Herger gelingt, ein Lehrerpaar ausfindig zu machen, das diese Zeit noch erlebt hat, reagiert der Mann erstaunt und die Frau ungläubig. Ihm ist einzig aufgefallen, wie verschlossen diese Heimkinder waren. Genauer nachgefragt hat er nicht.

Der Dorfarzt hätte es merken müssen

Auch nicht der Dorfarzt, dem die teils gravierenden Verletzungen der Kinder aus dem Heim und ihre häufigen Treppenstürze hätten auffallen müssen. Und von dessen Hunden Robi Minder damals beim Pro-Juventute-Markenverkauf angefallen worden ist. Die Frau des Arztes habe ruhig zugeschaut, wie die Tiere ihn herfielen, erinnert Robi Minder sich. Was sie sich dabei gedacht hat? Er vermutet:

«Ist nur ein Heimkind, das ist nicht viel wert.»

Von «Menschen zweiter Klasse» spricht Lisbeth Herger, und schlägt den Bogen ins Gesellschaftliche. «Da werden soziale Probleme moralisiert, und das faschistische Bild des Untermenschen wird in den Kalten Krieg übernommen. Erst mit der 68er-Bewegung kommt man dann langsam davon los. Und noch länger dauert es, bis sich mit der Aufarbeitung der Entmündigungen der Kinder von Jenischen durch das Hilfswerk ‹Kinder der Landstrasse›, später dann mit den Verdingkindern die damals an den Rand Gedrängten selber zu Wort melden.»

Bleibt die Frage, warum sich so viel Gewalttätigkeit unter dem Deckmantel einer Religion entfalten kann, die doch die Nächstenliebe in ihr Zentrum stellt. Es gibt, gerade im Fall des Kinderheims zum Andwiler, gewiss individuelle Gründe, über die man nur Vermutungen anstellen kann. Robi Minder und Diana Bach fragen sich noch heute, was eigentlich in dieser Anny Kellenberger vorgegangen ist. «Ich glaube nicht, dass es der religiöse Hintergrund war», sagt Diana Bach. «Oder höchstens insofern, als sie die Erwartungen ihres Mannes und des Stifters, ihr religiöses Ansehen im Dorf und ihre Lage es ihr nicht erlaubte, aus einer Situation auszusteigen, der sie aufgrund ihres Charakters und ihrer psychischen Veranlagung in keiner Weise gewachsen war. Denn sie hat diese Funktion einer Heimmutter nicht von sich aus gesucht.»

«Nehmen Sie sich Zeit und schlagen Sie weiter»

Auf der andern Seite ist es kein Zufall, dass der Rahmen so sehr religiös geprägt war. Der Glaube an die Erbsünde habe die Menschen schon früh zur Überzeugung gebracht, «dass man Kindern den Teufel aus dem Leib prügeln müsse», hat der deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer kürzlich erklärt. Aus breit angelegten Befragungen zieht er den Schluss:

«Je gläubiger die Eltern sind, desto mehr schlagen sie zu.»

Besonders verbreitet ist solche Gewalttätigkeit in jenen evangelikalen Kreisen, zu denen die Kellenbergers zählten, und die in den USA besonders stark verbreitet sind. «Das Kind sollte die Rute in ihrem ganzen ruhigen, überlegten und beherrschten Geist kommen sehen», zitiert Pfeiffer einen in den USA verbreiteten evangelikalen Erziehungsratgeber. Und weiter: «Nehmen Sie sich Zeit zum Erklären und schlagen Sie weiter, hören Sie mit Ihrer Disziplinierung nie auf, bevor das Kind sich ergeben hat.»

Lisbeth Herger: «Lebenslänglich. Briefwechsel zweier Heimkinder», Verlag Hier und Jetzt.