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Zwei Drittel der Mitarbeitenden betroffen: Bischoff Textil will Produktion nach Fernost verlagern

Verlagerung St.Galler Stickereien sind modisch und technisch top, aber hierzulande ist die Industrie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Grossteil hat ins Ausland gezügelt.
Thomas Griesser Kym
(Bild: Urs Bucher)

(Bild: Urs Bucher)

68'000 Beschäftigte zählte die Schweizer Stickereiindustrie im Jahr 1910. Auf die Ostschweiz konzentriert, lebte hier rund ein Viertel der Bevölkerung von diesem Zweig. Über 50 Prozent der Weltproduktion an Stickereien stammte aus St.Gallen. Mit 18 Prozent Anteil an allen Schweizer Ausfuhren waren diese Textilien das wichtigste Exportgut des Landes.

Heute ist die Blütezeit der Schweizer Textilindustrie und damit auch jene der Stickereibranche längst vorbei. Neben einigen Nischenanbietern sind zwei grössere Sticker übrig geblieben: Forster Rohner, die sich 2016 Jakob Schlaepfer einverleibte, und Bischoff Textil.

Der Verband Swiss Textiles führt Stickereien in seiner Berichterstattung gar nicht mehr separat auf, sondern wirft sie mit «Plüsch, Tüll, usw.» in einen Topf. Im ersten Halbjahr 2018 hatten die Ex­porte dieser Warengruppe einen Wert von 30,7 Millionen Franken – was für 4,3 Prozent aller Textilausfuhren steht und für einen Bruchteil der Schweizer Gesamtexporte von 117,5 Milliarden Franken.

Wie die Textilindustrie generell hat auch die Stickereibranche unter mehreren Strömungen gelitten: Die Automatisierung hat die Beschäftigung reduziert, aufstrebende Konkurrenz vor allem aus Asien aufs Geschäft gedrückt. Modetrends haben das Übrige getan. Die Sticker haben den Einschnitten und dem Kostendruck Rechnung getragen, indem sie immer mehr Teile ihrer Produktion an Standorte mit tieferen Löhnen verlagert haben, vor allem nach Asien. In der Schweiz verblieben sind häufig nur noch die Administration, die Kreativabteilung und die Herstellung hochmodischer und technischer Spezialitäten.

Hier behält Bischoff lediglich technische Spezialitäten

Diesen Wandel hat auch die rund 90 Jahre alte Bischoff Textil AG durchgemacht. Seit geraumer Zeit betreibt sie zwei Joint Ventures, eines in Thailand, das andere in Sri Lanka. Dort sind die meisten der rund 1000 Angestellten tätig. In der Schweiz verblieben sind 76 Angestellte inklusive 6 Lernender. Davon arbeiten 53 am Hauptsitz in St.Gallen und 23 in Diepoldsau.

Doch nun zwingen, wie das Unternehmen mitteilt, «wirtschaftliche Gründe» zu einer weiteren Verlagerung der Produktion an die asiatischen Standorte. Zwar ist dies erst beabsichtigt, doch die Erfahrung lehrt, dass auch Konsultationsverfahren am Grundsatzentscheid meist nichts zu ändern vermögen. Drei ­Wochen hat die Belegschaft nun Zeit, Vorschläge einzureichen, um den bis Sommer 2019 geplanten Abbau von rund 50 Stellen zu verhindern oder zu verringern.

«Wir werden alle Ideen seriös prüfen», sagt Bischoff-Sprecher Sven Bradke. Sollte die Verlagerung indes durchgezogen werden, sollen die Betroffenen aus einem Vorsorgefonds des Unternehmens, der als Stiftung organisiert ist, «grosszügige finanzielle Unterstützung» erhalten. Auch bei der Stellensuche will das ­Un­ternehmen helfen, und ein besonderes Augenmerk gelte den Lernenden. Härtefälle sollen laut Bradke in jedem Fall vermieden werden. «Die Angestellten werden gut begleitet, und ihnen werden freiwillige, individuelle Personalgespräche angeboten.» Um ihren Arbeitsplatz bangen müssen Beschäftigte in der Produktion und in produktionsnahen Abteilungen.

In der Region bleiben dürften, falls die Verlagerung kommt, gut zwei Dutzend Arbeitsplätze. Der Grossteil wird auf technische Textilien für das Gesundheitswesen entfallen, deren Produktion Bischoff Textil am Standort Diepoldsau zu erhalten beabsichtigt. Ein wichtiger Pfeiler der Firma bleiben die Immobilien.

Wie Bradke sagt, sind die Mitarbeitenden am Donnerstag über die Wirtschaftslage und die Beweggründe informiert worden. Auch die Behörden und der Kantonale Gewerkschaftsbund seien ins Bild gesetzt. «Für die Kunden und Lieferanten der Bischoff Textil ändere sich überhaupt nichts, betont Bradke: «Alle Aufträge werden erfüllt.» Nicht betroffen sei auch die Bischoff Interior AG mit 15 Mitarbeitenden, die funktionale Stoffe für Möbel, Vorhänge usw. herstellt und als Teil der Bischoff-Gruppe ebenfalls im Gebäude der Bischoff Textil an der Bogenstrasse in St.Gallen untergebracht ist.

Gewerkschaften sind «entsetzt»

Der Gewerkschaftsbund des Kantons St.Gallen ist "entsetzt" über die Ankündigung. Die Gewerkschaften fordern die Unternehmensleitung dazu auf, das eigene Firmencredo umzusetzen, schreiben sie in einer Mitteilung. Die Bischoff Textil AG streicht auf ihrer Internetseite die Bedeutung des Standortes Ostschweiz hervor: «Wir produzieren aus Überzeugung in der Schweiz», steht dort. «Mit der angekündigten Massenentlassung von gegen 50 Mitarbeitenden an den Standorten St.Gallen und Diepoldsau widerspricht das Unternehmen aber den eigenen Beteuerungen», schreiben die Gewerkschaften.

Diese Verlagerung sei ein harter Schlag für die Ostschweizer Textilbranche. Noch laufe die gesetzliche Konsultationsfrist während der die Betriebsangehörigen Vorschläge zur Rettung der Arbeitsplätze machen könnten. «Die Gewerkschaften erwarten, dass entsprechende Vorschläge von der Firmenleitung ernsthaft geprüft und auch umgesetzt werden. Das Konsultationsverfahren darf nicht zu einer Alibiübung verkommen.»

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