Zusammen unterrichten, was nicht zusammengehört?

Seit zehn Jahren gilt an Schweizer Schulen der Grundsatz des integrativen Unterrichts. Doch der hält noch nicht, was die Theorie verspricht. 

Kaspar Enz
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Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Alle Kinder sollen im gleichen Schulzimmer lernen, lernschwache oder beeinträchtigte Schülerinnen und Schüler werden nicht mehr ausgegrenzt. Denn gerade diese lernen so mehr und haben später bessere Chancen im Berufsleben. Und die anderen Mitschüler gewinnen an sozialer Kompetenz, wenn die einstigen Kleinklässler dazugehören. So gut ist der integrative Unterricht, zumindest in der Theorie.

Seit zehn Jahren läuft in der Deutschschweiz bereits der Praxisversuch. Alle Kinder sollen in Regelklassen unterrichtet, auf Kleinklassen soll möglichst verzichtet werden. Die Resultate scheinen aber durchzogen. Zwar spricht die Forschung von Erfolgen und lobt die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer. Doch diese tun sich immer noch schwer mit der integrativen Schule.

Zehnjährige Baustelle

Das zeigte jüngst die Arbeitszeiterhebung des Schweizerischen Lehrerverbandes. Danach steht zwar eine Mehrheit der Lehrpersonen der Idee immer noch positiv gegenüber. Doch mit der integrativen Schule kommen zusätzliche Belastungen auf sie zu, sagte Verbandspräsident Beat Zemp. Sie bringen die Lehrpersonen und das Regelschulsystem an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Das System der integrativen Schule sei in Gefahr. Tatsächlich wird mancherorts die Zahl der Kleinklassen wieder erhöht, viele Schulen experimentieren mit neuen Modellen. Das ist nicht schlecht, aber es zeigt: Die integrative Schule ist noch immer eine Baustelle.  

Das ist auch nicht verwunderlich. Die Idee, alle Kinder gleich zu behandeln, trifft auf eine Gesellschaft, die immer individualistischer wird. Und sie driftet immer weiter auseinander und mit ihr die Kinder in der Schule: Die einen können kaum Deutsch, die andern sind an ständige Behütung durch Helikoptereltern gewohnt. Das Schuljahr ist für alle gleich lang, doch die Schüler in der Klasse lernen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Das zu berücksichtigen, verlangt von den Lehrpersonen bereits viel – auch ohne schwierige Schüler, die die ganze Aufmerksamkeit brauchen. Deshalb fordert Lehrerpräsident Zemp mehr Unterstützung für die Lehrerinnen und Lehrer, mehr Heilpädagogen und Sozialarbeiter.

Mehr als Wunschliste

Das ist nicht nur eine Wunschliste der ewig jammernden Lehrer. Wenn die letzten zehn Jahre eines zeigen, dann dies: Um ihre hehren Versprechen einzulösen, braucht die integrative Schule genug Ressourcen. Sonst verliert die schöne Idee den Rückhalt bei den Lehrpersonen endgültig. Die Lehrer der Stadt St. Gallen drücken schon auf die Bremse und fordern mehr Kleinklassen. Geschieht nichts, ist weder Kindern noch Lehrern gedient. Und man müsste sich die Frage stellen, ob die Übung nach zehn Jahren nicht doch noch abgebrochen werden soll.