Zurück in die Ursuppe

Ist man Cypress Hill oder der Wu-Tang Clan, kann man es sich einfach machen. Die alten Rap-Helden haben aus ihren glorreichen Zeiten in den 90ern so viele Hits im Rucksack, dass es völlig reicht, sie einfach alle aufzusagen. Das Publikum ist zufrieden. Ist man The Roots, hat man die nicht.

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Ist man Cypress Hill oder der Wu-Tang Clan, kann man es sich einfach machen. Die alten Rap-Helden haben aus ihren glorreichen Zeiten in den 90ern so viele Hits im Rucksack, dass es völlig reicht, sie einfach alle aufzusagen. Das Publikum ist zufrieden. Ist man The Roots, hat man die nicht. Ausser mit der Fast-Rock-Nummer «The Seed» sind sie in ihrer 24jährigen Bandgeschichte nie in die vorderen Charts-Ränge vorgestossen.

The Roots haben dafür etwas anderes, Instrumente nämlich. Seit ihrer Gründung sind sie nicht eine Gruppe von Rappern, sondern zuallererst eine Band. Was für eine, bewiesen sie am Samstagabend. Zwar ist ihr Soul- und jazzgetränkter Hip-Hop nicht mehr der letzte Schrei im Rap-Business. Aber darum brauchen sich die sechs Musiker aus Philadelphia nicht mehr zu kümmern, denn wie sie Hip-Hop in die Ursuppe afroamerikanischer Musik zurückführen ist zeitlos. Rapper Black Thought zitiert Lieder des nigerianischen Superstars Fela Kuti und vermischt sie mit eigenen Raps, während hinter ihm Schlagzeuger Questlove zeigte, warum er eine lebende Legende ist. Aus ihrem Klassiker «You Got me» machten die Roots einen kaum enden wollenden Jam, in den sie Lil Waynes «Lollipop» ebenso einbauten wie «Sweet Child o'Mine» von Guns'n'Roses. Viel zu früh, nach etwas über einer Stunde mussten sie die Bühne räumen. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr besser werden.

Den soulgetränkten Hip-Hop pflegen auch die beiden Rapper Mos Def und Talib Kweli. Mit ihrem gemeinsamen Projekt «Black Star» lieferten sie 1998 einen Meilenstein dieser Spielart. Zum Leidwesen der Fans trennten sich ihre Wege nach nur einem Album wieder. In Frauenfeld hätten sie wieder gemeinsam auftreten sollen, doch Mos Def sagte ab. Talib Kweli kam alleine, und was er bot, liess die Lücke verschmerzen. Seine vierköpfige Band schöpfte aus dem Vollen, baute die Beatles zu Rap um, und als Talib Kweli «Definition» anstimmte, den Hit aus «Black Star»-Zeiten, gab es kein Halten mehr. Für den Halt sorgte dann Cypress Hill: Die begannen pünktlich um 23.15 Uhr, auch wenn Talib Kweli noch nicht fertig war. Der schmiss sein Mikrophon auf die Bühne und ging.

Doch trotz dieses abrupten Endes war der Abend für Soulbrüder noch nicht zu Ende: Roots-Drummer Questlove kam nach Mitternacht noch ins Piazza-Zelt. Mit Laptop und Plattenspielern gab er dort eine dreieinhalbstündige Lektion in Musikgeschichte. Kaspar Enz