Zur Sache
«Man kann nicht einfach wieder das gesamte Land lahmlegen»: Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin wehrt sich gegen neuerliche Coronamassnahmen

Die Fallzahlen in der Schweiz, allen voran der Ostschweiz, steigen rapide an. Im TVO-Talk «Zur Sache» diskutieren Bettina Surber (SP) und Marcel Dobler (FDP) mit dem Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin darüber, ob und wann es neue Massnahmen braucht.

Alain Rutishauser
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Von links: Marcel Dobler (FDP), Bettina Surber (SP), Moderator Stefan Schmid sowie der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin.

Von links: Marcel Dobler (FDP), Bettina Surber (SP), Moderator Stefan Schmid sowie der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin.

Bild: Tobias Garcia

8585 neue Coronafälle meldet das Bundesamt für Gesundheit am Mittwoch. Damit ist der Negativrekord von über 10'000 Fällen vom Oktober 2020 fast erreicht. Und die fünfte Welle scheint erst gerade an Fahrt aufgenommen zu haben. Die St.Galler SP-Fraktion hat deshalb am Mittwoch in einem Communiqué zum Handeln aufgefordert.

«Die Hospitalisationen im Kanton St.Gallen haben sich seit vergangener Woche fast verdoppelt. Deshalb ist für uns klar, dass wir jetzt handeln müssen, damit diese Entwicklung gebrochen wird», sagt SP-Fraktionschefin Bettina Surber im TVO-Diskussionsformat «Zur Sache». Der Bund habe die Verantwortung klar den Kantonen übergeben. Im vergangenen Winter war die Schweiz in der gleichen Situation, und da hätten die Kantone ebenfalls nicht gehandelt. Surber:

«Dann zog der Bundesrat die Notbremse vor Weihnachten. Ich weiss nicht, wo wir heute wären, wenn er das nicht getan hätte.»

Die gesamte Sendung «Zur Sache» zum Nachschauen.

Video: TVO

FDP-Nationalrat Marcel Dobler fügt an, es habe sich gezeigt, dass die individuellen Massnahmen der Kantone nicht optimal funktioniert hätten. Daher wäre eine einheitliche Lösung des Bundes eine Möglichkeit. «Dagegen spricht, dass die Lage in den verschiedenen Kantonen sehr unterschiedlich ist. Wichtig ist aber, dass die Kantone mit höheren Fallzahlen und Hospitalisationen nun reagieren», fordert Dobler.

Moderator Stefan Schmid nennt als Beispiel die Ostschweizer Kantone, die mit hohen Zahlen und tiefer Impfquote von sich reden machten. Der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin wehrt sich allerdings gegen neuerliche Massnahmen: «Ja, wir haben aktuell stark steigende Fallzahlen, aber, und das ist eine erfreuliche Entwicklung, die Spitalauslastung ist wesentlich tiefer.» So seien derzeit 36 Personen im Kanton Thurgau in Spitälern und sechs auf der Intensivstation, nur zwei der Patienten seien geimpft. Vor einem Jahr seien hingegen 74 Personen hospitalisiert gewesen, 19 davon auf der Intensivstation. «Die Ostschweizer Kantone sind rege im Austausch. Nur weil keine Massnahmen beschlossen werden, heisst das nicht, dass nichts gemacht wird», betont Martin.

Eine Möglichkeit, um die Pandemie im Zaum zu halten, sieht Dobler in der Booster-Impfung. Es sei zentral, dass sich bis Ende Jahr alle vulnerablen Personen geboostert hätten. Denn: «Wenn es so weitergeht und überhaupt keine Massnahmen folgen, werden wir in drei Wochen wieder ein Problem mit den Intensivplätzen haben.» Surber fügt an: «Was wir alle als Letztes wollen, ist ein Lockdown.»

Martin verweist darauf, dass in den Spitälern und auf den Intensivstationen praktisch nur noch Ungeimpfte seien. Also müsse man sich fragen: Welche Massnahmen sind noch verhältnismässig für Geimpfte? «Man muss mit Augenmass agieren und kann nicht einfach wieder das gesamte Land lahmlegen», sagt Martin. Derzeit werde alles unternommen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Aber:

«Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass wir ohne steigende Fallzahlen durch den Winter kommen. Es wird Hospitalisierungen geben, es wird Intensivpatienten geben und es wird Todesfälle geben, vor allem Todesfälle bei Ungeimpften. Das ist ein Fakt.»

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