Zum Valentinstag: «An unserer Hochzeit verstand ich nicht einmal den Pfarrer» – Die Liebe dieses Ostschweizer Paares geht über die Grenze 

Binationale Ehen werden seltener. Ein Paar erzählt aus seinem Doppelleben.

Rossella Blattmann
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«Eine binationale Beziehung ist eine Bereicherung»: Rita Hedley aus Mosnang ist seit 22 Jahren mit dem Engländer Mark verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne im Teenageralter.

«Eine binationale Beziehung ist eine Bereicherung»: Rita Hedley aus Mosnang ist seit 22 Jahren mit dem Engländer Mark verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne im Teenageralter. 

Bild: Urs Bucher

Charlie schläft. Der graubraun getigerte Kater von Rita und Mark Hedley döst friedlich auf einer dunklen Holzbank vor sich hin. Die Decken im modern renovierten Toggenburger Haus in Mosnang sind tief. «Passen Sie auf ihren Kopf auf!», sagt Rita Hedley zum hochgewachsenen Fotografen, als dieser mitsamt seiner Ausrüstung die gemütliche Stube betritt. 

Die quirlige 47-Jährige mit den langen, schwarzen Haaren ist in Bütschwil, unweit des aktuellen Wohnortes Mosnang, aufgewachsen. Mark Hedley, ein athletischer 54-Jähriger mit wachen, blauen Augen, stammt ursprünglich aus Newcastle-upon-Tyne, einer Stadt im Nordosten Englands unweit der schottischen Grenze. Die Hedleys haben sich nicht etwa auf der britischen Insel, sondern auf dem europäischen Festland in Belgien kennen gelernt. «Wegen eines anderen Mannes», sagt Rita Hedley, und rührt in ihrem Schwarztee mit Milch. 

Die Liebe wuchs mit der Zeit 

1994 war Rita Hedley, die damals noch Grämiger hiess,  in einer Beziehung mit einem Iren. Dieser lebte in Brüssel, Hedley in Bütschwil. Ohne lange darüber nachzudenken, folgte sie ihrem Freund in die belgische Hauptstadt. Sie sagt:

«Wenn man jung ist, dann geht man einfach.»

Die Beziehung ging in die Brüche. Doch bald traf die Toggenburgerin auf ihren zukünftigen Ehemann. Mark Hedley arbeitete damals als Schreiner in Brüssel. Es sei keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. «Wir sind uns immer wieder im selben Pub über den Weg gelaufen», sagt das Paar. Mit der Zeit wuchs auch die Liebe zwischen der unternehmungslustigen Toggenburgerin und dem ruhigen Engländer. Marks ausgeglichene Art habe ihr von Anfang an gefallen, sagt Rita Hedley. Doch die Anziehungskraft war auch optischer Natur. 

«Ich dachte schon damals: Er sieht gut aus in seiner Handwerkerkluft!»

An einem Konzert der amerikanischen Singer-Songwriterin Melissa Etheridge habe es schliesslich gefunkt. Mark Hedley erinnert sich: «Weil ich mir den Kiefer gebrochen hatte, war mein ganzer Mund verdrahtet. Ich konnte gar nicht richtig mit Rita sprechen.»

Die Sprache war das grösste Hindernis

Während gemeinsamer Ferien auf Santorini folgte der Antrag, am 8.8.98 die Hochzeit und der Aufbau eines gemeinsamen Lebens im Toggenburg. «Der Anfang war sehr schwierig», sagt Mark Hedley in leicht englisch angehauchtem Hochdeutsch. Er habe kein Deutsch gesprochen. Schweizerdeutsch schon gar nicht. 

«An unserer Hochzeit verstand ich nicht einmal den Pfarrer.»

Dass ausser Rita Hedleys Bruder niemand in der Familie Englisch sprach, erschwerte die Situation zusätzlich. «Ich musste immer wieder zwischen Mark und meiner Familie übersetzen.» Das sei nicht immer einfach gewesen: «Manchmal vergass ich etwas. Mark sass da und verstand nichts.»

Arbeiten erleichterte die Integration

Newcastle-upon-Tyne ist eine Universitätsstadt mit 300'000, Mosnang ein Dorf mit 3000 Einwohnern. «Mein Vater sagte: Das ist doch ein Städter, der wird sich hier nicht wohl fühlen», so Rita Hedley. Auch sie habe sich den Kopf darüber zerbrochen, ob es ihrem Mann im Toggenburg gefallen werde. Doch die Bedenken waren unbegründet. «Mark wurde von meiner Familie und meinen Freunden mit offenen Armen empfangen. Alle hatten Freude an ihm.» Als ihr  Bruder kurz danach eine Tschechin heiratete, habe der Vater einmal  gescherzt, warum seine Kinder denn keine Schweizer heimbrächten. Die unterschiedlichen Nationalitäten seien nie wirklich ein Problem gewesen. «Für uns sowieso nicht», sagen Rita und Mark Hedley. 

«Eine binationale Beziehung ist eine Bereicherung.»

Beide sind der Meinung: «Kulturelle Unterschiede bringen Leben in eine Beziehung.»

Dass er in seiner neuen Heimat mit offenen Armen empfangen worden sei, hat für Mark Hedley vor allem einen Grund. Der Schreiner, der heute bei Stadler Rail in Bussnang für die Montage und den Innenausbau von Zügen zuständig ist, sagt: «Auch wenn ich noch kein Deutsch sprach: Ich bin Handwerker. Ich konnte sofort arbeiten, anpacken, hier etwas flicken, da etwas zusammenbauen. Das hat bei der Integration enorm geholfen.»

Sehnsucht nach einem richtigen englischen Pub

Sehnsucht nach seiner alten Heimat habe er nicht, sagt Mark Hedley. Newcastle, Brüssel – Grossstädte habe er in seinem Leben genug gesehen.

«Die Ostschweizer Natur, die frische Luft, die Berge: All das möchte ich nicht mehr missen.»

Er sei schon so lange weg aus England. Er vermisse nicht viel. Mit einer Ausnahme:

«Ein richtiges englisches Pub, mit richtigem Ale – das ist schon einzigartig.»

Auch wenn es in der Ostschweiz zahlreiche Pubs gebe: es sei einfach nicht dasselbe wie in England. 

Charlie der Kater schläft noch immer. Er bleibt die ganze Zeit ruhig und zurückhaltend. «Ein typischer Engländer eben», sagt Mark Hedley, und streicht seinem Charlie übers Fell. 

Kulturelle Unterschiede beleben die Beziehung

Heute sind immer weniger der neu geschlossenen Ehen zwischen Partnern verschiedener Nationalitäten. Gemäss Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) sind heutige Generationen gegenüber anderen so offen wie keine zuvor, doch bei der Paarfindung bleiben sie lieber unter sich. Das es auch anders sein kann, zeigen Rita und Mark Hedley. Sie sind seit 22 Jahren verheiratet und sagen: «Kulturelle Unterschiede bringen Leben in eine Beziehung.» (bro)

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