Zum Gedenken an Hans Hiller:Historiker, Mister Liberec und Puppenspieler

Anfang Juni ist Hans Hiller verstorben. Der frühere Kantonsschullehrer und Gründer der Kooperation St.Gallen-Liberec nahm seine zahlreichen Engagements ernst – Halbbatziges gab es bei ihm nicht. Ein Nachruf.

Regula Weik
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Hans Hiller an der Vernissage seines Buches über den St.Galler Staatsmann Arnold Otto Aepli, 2011 (Bild: Benjamin Manser)

Hans Hiller an der Vernissage seines Buches über den St.Galler Staatsmann Arnold Otto Aepli, 2011 (Bild: Benjamin Manser)

«Das ist doch alles nicht so wichtig. Lassen Sie uns wieder über die Kooperation reden.» Hans Hiller sagte es höflich, sein Blick war listig. Und dennoch war klar, dass es ihm mit seiner Bitte ernst war. Und so lenkte die Journalistin das Gespräch von seiner Person wieder auf die Städtepartnerschaft. Damals, es war 2002, trat Hiller als Leiter der Kooperation St.Gallen-Liberec zurück. Er war deren Gründer und geistiger Vater.

Angefangen hatte alles Ende 1989. Der Eiserne Vorhang war gefallen. Hiller, Hauptlehrer für Geschichte, Deutsch und Latein an der Kantonsschule St.Gallen, wusste: Den Leuten «dahinter» mangelte es an vielem. Er reiste hin, sprach mit ihnen, fragte sie nach ihren Bedürfnissen. Hilfspläne im Büro zu entwickeln, lag ihm fern. Sein Ansatz: konkret und in der Praxis Unterstützung leisten. Hiller bezeichnete sich selber als «eh­renamtlicher Hauptakteur». Er plante, koordinierte, packte an und ein, holte Hunderte Tschechen nach St.Gallen, begleitete St.Galler nach Liberec, um den Wissenstransfer auf Schul-, Gesundheits-, Wirtschafts- und Verwaltungsebene sicherzustellen.

Die von Hiller privat lancierte Partnerschaft wurde später auf staatliche Ebene gehievt. Seit 1992 war er Ehrenbürger von Liberec. Er habe inzwischen eine «ganze Sammlung von Ehrenmedaillen» zu Hause, meinte er bei einer späteren Begegnung schmunzelnd. Und wieder war spürbar: Er freute sich über die Anerkennung. Fast noch mehr aber darüber, dass «mit einer idealistischen Zielsetzung viel erreicht werden kann – und dies nachhaltig».

Pionier des St.Galler Puppenspiels

So wie der dreifache Familienvater durch sein Engagement zum «Mister Liberec» wurde, so war er zuvor in weiten, nationalen wie internationalen Kreisen «Mister Puppentheater» gewesen. Hiller wirkte drei Jahrzehnte als Präsident des St.Galler Puppentheaters, das er 1956 gegründet hatte. Er war Leiter, Organisator, Ausbildner, Regisseur und Puppenspieler. Er habe «keine grosse Ahnung von Puppen» gehabt, sagte er einmal, er sei einfach hineingerutscht.

Davon war nichts spürbar. Hiller nahm dieses wie all seine andern Engagements ernst, Halbbatziges gab es bei ihm nicht. Bei seinem Rücktritt hatte er insgesamt 3300 Vorstellungen begleitet und damit eine halbe Million Zuschauer erreicht – und die alte Puppenspieltradition für die Ostschweiz wiederbelebt. Die St.Gallische Kulturstiftung würdigte dies 1986 mit einem Anerkennungspreis.

Familienvater - Gärtner, Gegenleser, Umzugshelfer

Hiller, 1927 in St.Gallen geboren, blieb der Stadt zeitlebens treu. Ebenso seinem Prinzip, dass «Grundsätze es sind, die uns Halt, jedoch nicht Starrheit geben sollen». Sein unerschütterlicher Glaube an den demokratischen Rechtsstaat, an die politischen Prozesse in der Schweiz machten den Historiker aus.

Doch Hiller war auch Familienmensch. Fragten seine Kinder nach einem Chauffeur, setzte er sich ans Steuer. Zog die Jungmannschaft wieder einmal um, packte er mit an. Wucherte es im Garten, bändigte er das zu viele Grün. Er las Abschlussarbeiten und hütete Enkel. Mit seiner Frau Ursula war er fast 60 Jahre verheiratet.

Sich für vergessenen Staatsmann stark gemacht

Hiller war über 80, als ihn eine Person noch immer umtrieb: Arnold Otto Aepli. Er hatte über den wichtigen St.Galler Staatsmann des 19. Jahrhunderts seine Doktorarbeit geschrieben. Der «grosse Liberale» war in seinen Augen jedoch viel zu sehr in Vergessenheit geraten. In seiner typischen Manier – einer «sanften Hartnäckigkeit», wie es ein Weggefährte nannte – liess er nicht locker. Er veröffentlichte ein Buch, klopfte bei Behörden an, weibelte für eine öffentliche Anerkennung Aeplis. Mit Erfolg: Heute gibt es in der St.Galler Innenstadt einen Aepli-Platz. «Ein grosser Moment», meinte Hiller bei der Platztaufe 2013.

In den vergangenen Jahren wurde es ruhiger um ihn. Anfang Juni ist Hans Hiller 92-jährig gut umsorgt in der St.Galler Altersresidenz Singenberg verstorben.

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