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ZUM FALL RUPPERSWIL: «Nicht jeder, der nett scheint, ist nett»

Der Täter von Rupperswil kommt wohl kaum wieder frei, sagt Monika Egli-Alge. Die Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz arbeitet regelmässig mit schweren Straftätern. Einen Pädophilen könne man nicht heilen, sagt sie.
Kaspar Enz
«Wir müssen dem Täter klarmachen, dass er allein die Verantwortung für seine Tat trägt», sagt Psychologin Monika Egli-Alge. (Bild: Reto Martin)

«Wir müssen dem Täter klarmachen, dass er allein die Verantwortung für seine Tat trägt», sagt Psychologin Monika Egli-Alge. (Bild: Reto Martin)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Monika Egli-Alge, der Vierfachmörder von Rupperswil bekommt lebenslänglich und soll ordentlich verwahrt werden. Ein gutes Urteil?
Soweit ich das beurteilen kann, ist es wohl das einzig richtige Urteil. Thomas N. hat nur eine kleine Chance, wieder freizukommen. Nur zwei Prozent der ordentlich Verwahrten kommen wirklich wieder frei.

Trotzdem forderten viele die lebenslängliche Verwahrung. Im Internet bieten sich ­manche als Henker an.
Dass der Volkszorn nach einer drastischen Strafe ruft, verstehe ich gut. Um Sühne geht es beim Strafrecht ja auch. Aber die lebenslängliche Verwahrung ohne regelmässige Überprüfung braucht es nicht. Aus psychologischer Sicht ist es unmöglich, zu sagen, jemand sei bis ans Ende seines Lebens, vielleicht 40 oder 50 Jahre lang, nicht therapierbar.

Was heisst «therapierbar»?
Eine Therapie kann erreichen, dass der Täter sein Verhalten, seine Einstellung ändert. Dass er Verantwortung übernimmt und sich unter Kontrolle hat. Das geht nicht immer. Aber wenn jemand noch nie in Behandlung war, weiss man das noch nicht. Wenn man nach zehn Jahren sieht: Der Täter von Rupperswil ist zu stur, er verändert sich nicht, dann kann man immer noch sagen, er hat seine Chance gehabt, und er hat sie nicht gepackt.

Das Monster von Rupperswil zeigte sich im Prozess nett, eloquent. Woran merkt man, dass er es ernst meint?
Wir glauben nicht jedem, der nett scheint, dass er nett ist. Der ­Umgang mit manipulativen Persönlichkeiten ist unser Job. Über längere Zeit funktioniert eine Täuschung selten.

Sie haben es mit Mördern, mit Vergewaltigern zu tun. Da spürt man auch Wut.
Natürlich, wir sind Menschen. Aber wir werfen unsere Emotionen nicht unreflektiert zurück. Aggression gegenüber dem Täter ist meist kontraproduktiv. Man sagt: «Sie haben vier Menschen umgebracht. Erklären Sie mir das.» Man konfrontiert sie mit ihrer Tat, immer und immer wieder. Man bleibt bei den Fakten. Wir sagen dem Straftäter, was wir von ihm denken. Wenn uns jemand zu wütend macht, können wir beispielsweise den Therapeuten wechseln.

Trotzdem müssen Sie versuchen, den Täter zu verstehen. Geht das bei so einer Tat?
In der Tätertherapie gibt es einen Grundsatz: Wir verurteilen ­Taten, aber nicht den Menschen. Gerade bei schweren Taten ist das nicht einfach. Aber wir haben einen humanen Rechtsstaat. Wir müssen versuchen, die Leute wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Das ist auch ein Grund für unsere tiefe Kriminalitätsrate. Der Mensch hat auch ein natürliches Strafbedürfnis.

Er will bestraft werden?
Ja, manche Täter wären härter zu sich, als es der Staat ist. Wir ­hatten es mal mit einem Mörder zu tun, der sagte: Was ich getan habe, lässt sich nicht wiedergutmachen, man müsste mir das Leben nehmen. Aber man kann ein Tötungsdelikt nicht mit einem andern wiedergutmachen. Sonst hört es nie auf.

Wenn jemand für eine Tat bestraft werden will, weiss er, dass es falsch war. Warum tut er es dann?
Weiss man, warum der Täter von Rupperswil die Tat beging? Es ist auch die Aufgabe einer Therapie, ein Bild zu bekommen, warum er es getan hat. Das ist ein längerer Prozess. Aber erst dadurch weiss man, wo man ansetzen muss. Und dadurch kann man auch das Rückfallrisiko beurteilen.

Wo ist die Grenze zwischen Verstehen und Rechtfertigen?
Man muss eine Vorstellung entwickeln, warum jemand etwas getan hat. Man darf die Tat aber nie rechtfertigen oder die Aus­re­den des Täters akzeptieren. Als The­rapeuten müssen wir ihm klarmachen, dass er allein die Verantwortung für seine Tat trägt.

Thomas N. fiel vorher kaum auf. Warum tut der plötzlich so etwas?
Das zeigt auch, wie lange jemand problematische Persönlichkeitsaspekte unter Kontrolle halten kann. Es fragt sich, was hier den Ausschlag gab.

Nach der Tat hat er scheinbar bereits weitere Opfer ausgespäht. Ist hier ein Damm gebrochen?
Das müsste man herausfinden. Aber man muss auch sehen: Thomas N. hat gegen aussen unauffällig gelebt, aber er verhielt sich schon auffällig. Er hat seine Mutter nach Strich und Faden hintergangen, er hat ein Lügengebilde aufgebaut. Er musste zunehmend mehr lügen. Das ist hochgradig stressig. Irgendwo haben die Kontrollmechanismen versagt.

Die Kontrolle muss er aber wieder zurückgewinnen?
Ja, darum geht es in der Täter­therapie. Nicht Heilung, sondern Kontrolle ist das Ziel. Einen Mörder kann man nicht heilen.

Sie sind auf Pädophilie ­spezialisiert. Kann man das auch nicht heilen?
Nein. Pädophilie bleibt auf Lebenszeit bestehen. Es geht darum, dass ein Pädophiler deliktfrei lebt. Sexuelle Fantasien sind das eine, sein Verhalten ist das andere. Das Zweite ist, dass man der Sache ins Gesicht schaut: Denn was man verdrängt, kann man nicht oder viel weniger kontrollieren.

Wann kann man jemanden laufen lassen?
Das entscheidet nicht der Therapeut alleine. Man muss ganz genau schauen, wie hoch das Rückfallrisiko ist. Das ist sehr schwierig. Menschliches Verhalten kann man nicht voraussagen.

Und wenn es schiefgeht, folgt der Aufschrei – und der Ruf nach härteren Strafen.
Das ist auch jedes Mal wahnsinnig tragisch. Man muss alles tun, um Rückfälle zu verhindern. Aus Fällen wie Adeline oder Lucie hat man aber viel gelernt im Strafvollzug. Wenn man unsicher ist, gibt es genug Möglichkeiten, jemanden drin zu behalten.

Therapie für Pädophile

Die Psychologin Monika Egli-Alge ist Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz ­(Forio) mit Sitz in Frauenfeld. Seit 2003 befasst sich Forio mit psychologischen Fragestellungen im Strafvollzug: Es erstellt Gerichtsgutachten und behandelt ­Straffällige. Ein Spezialgebiet des ­Instituts ist die Behandlung von pädophilen Straftätern. Forio hat heute drei Standorte. (ken)

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