Kommentar

Zum Abtritt von Thomas Bieger als Rektor der Universität St.Gallen: Sein Erfolg wurde der HSG zum Verhängnis

Neun Jahre lang war Thomas Bieger Rektor der Universität St.Gallen. Nun tritt er ab. Eine Würdigung. 

Odilia Hiller
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Odilia Hiller, Stv. Chefredaktorin, Regionalleiterin.

Odilia Hiller, Stv. Chefredaktorin, Regionalleiterin.

Michel Canonica

15 Jahre lang wirkte Thomas Bieger an der Spitze der Universität St.Gallen, davon neun Jahre als Rektor. Ihm nahestehende Personen nennen Integrität, Disziplin, Gewissenhaftigkeit, aber auch Offenheit als besondere Merkmale seines Wesens. Auch Freundlichkeit und Verlässlichkeit fallen immer wieder.

Tatsächlich deutet nichts darauf hin, dass der scheidende «Primus inter pares» einer der besten europäischen Kaderschmieden von jenem Hochmut oder der Selbstüberschätzung befallen gewesen wäre, die man einigen Exponenten der Institution nachsagt. Thomas Bieger engagierte sich aus Überzeugung für die regionale Verankerung der HSG. Mindestens so intensiv war sein Bestreben, die globale Expansion weiterzuführen.

Eindrückliche Zahlen sprechen für sich

Hier hat die HSG viel erreicht und eindrückliche Zahlen vorzuweisen: eine Erhöhung der Wertschöpfung für die Region von 194 auf 245 Millionen Franken, 87 statt 71 Professuren, 9000 statt 6700 Studierende – das muss man erst einmal stemmen. Nicht zu vergessen auch der Vorstoss von Platz 16 auf Platz 4 der besten europäischen Business Schools im internationalen Ranking der «Financial Times».

Obwohl Wachstum und Erfolg der HSG bestimmt nicht allein auf die Person Bieger zurückzuführen sind: Als Ermöglicher, Förderer und Katalysator ist er zumindest mitverantwortlich. Im Wissen darum, dass die Freiheit von Forschung und Lehre zentral sind für Erfolg und Qualität der Wissenschaft, legte er den Boden für den Expansionskurs. Gleichzeitig gelang es ihm, Errungenschaften und Reformen seiner Vorgänger Rolf Dubs, Peter Gomez und Ernst Mohr in den Bereichen Weiterbildung, Bologna-Prozess und Innovation im Unibetrieb zu verankern.

Die einen nennen es Pech

Trotz all dieser Bemühungen blieb es Thomas Bieger nicht erspart, mit der Universität in die möglicherweise schwerste Krise ihrer Geschichte zu schlittern. Die einen – eher in der Minderheit – nennen es Pech, dass sich die Nachrichten von fragwürdigem Geschäftsgebaren verschiedener Exponenten der Uni ab 2018 plötzlich häuften. Andere, mittlerweile in der Mehrheit, sehen zwischen dem rasanten Wachstum der Universität und den dadurch offensichtlich überforderten Strukturen einen Zusammenhang.

Ob in Grossunternehmen, Unis oder in der Natur: Wo etwas zu schnell wächst, entstehen Risse.

Strukturen geraten ins Wanken. Das innere und äussere Gerüst, das einen wachsenden Organismus stützt, muss stetig angepasst werden. Dass dies in der Wachstumseuphorie nicht ausreichend geschah, wurde der Universität schliesslich zum Verhängnis.

Eines der deutlichsten Symptome des überforderten Systems war das Totalversagen der Krisenkommunikation im Schreckensjahr 2018. Hätte der Rektor nicht monatelang auf Tauchstation verharrt, als Spesenmissbrauchsfälle und Nebentätigkeitskalamitäten in und um die HSG aufplatzten wie kleine Eiterbeulen, wäre das Missfallen der Öffentlichkeit wohl geringer ausgefallen. Hier hätte Bieger es wesentlich früher in der Hand gehabt hinzustehen, Verantwortung zu übernehmen und den einen oder anderen Fehler einzugestehen.

Mühseliges Ringen um Informationen und Transparenz

Dass stattdessen ein mühseliges Ringen um Informationen und Transparenz begann, daran hatte der Rektor einen bedeutenden Anteil. Kommunikation ist Chefsache. Das wird auch an der HSG gelehrt. Für Thomas Bieger spricht, dass er sich nicht zu schade war, deswegen später auch Selbstkritik zu üben.

Die Fähigkeit zu Demut und Einsicht ist bei weitem wichtiger, als fehlerlos zu sein.

Davon könnten sich bis heute einige aus dem Sack voller Flöhe namens Lehrkörper, den Bieger zu hüten hatte, eine Scheibe abschneiden.

Wird sich dereinst alles wieder etwas beruhigt haben und das neue Universitätsgesetz einen einer internationalen Eliteuniversität würdigen Rahmen setzen, sollte sich die Universität schnellstens darauf verlegen, bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit den Anschluss an die Weltspitze nicht zu verlieren.