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Zuhälterkriege, Killer und Prostituierte voller Saugülle: Als sich im Vorarlberg das Rotlichtmilieu bekriegte

Einst tobte im Vorarlberger Rotlichtmilieu ein Krieg zwischen Zuhältern. Nach 16 Morden haben sich die Wogen geglättet. Heute blüht das Geschäft im St.Galler Rheintal.
Gerhard Sohm
Das Geschäft mit dem käuflichen Sex – in den 70er-Jahren blühte es im Vorarlberg. (Symbolbild: Keystone)

Das Geschäft mit dem käuflichen Sex – in den 70er-Jahren blühte es im Vorarlberg. (Symbolbild: Keystone)

Mitte der 70er-Jahre blätterten Freier aus der Schweiz und Deutschland für Liebesdienste von «Gewerblichen» in Vorarlberg 100 Schweizer Franken hin. An die 300 Prostituierte empfingen im ganzen Ländle in Hotels und auf der Strasse zahlende Kunden, das Geschäft blühte. Aus dem Dreiländereck wurde ein «goldenes Dreieck». Das blieb nicht unverhallt. Zuhälter aus Salzburg und der Steiermark zogen nach Westen. Brutale Revierkämpfe mit alteingesessenen Milieugrössen waren programmiert. Und tatsächlich sollte ein noch nie dagewesenes Morden folgen.

Sprengstoffattentate, Messer, Pistolenkugeln, Handgranaten und Erwürgen. Das Repertoire an Tötungsmethoden liess beinahe nichts aus. Im August 1984 flog in Bregenz der Wohnwagen des amtsbekannten Zuhälters Kurt Sch. in die Luft, mit ihm wurde seine fünfjährige Stieftochter zerfetzt.

Fünf Jahre zuvor verübte der 24-jährige Grazer Zuhälter Harald M. unter Beteiligung sechs weiterer Standesgenossen – alle bewaffnet, unter anderem mit Eisenketten – in Lustenau einen Anschlag auf den Revierhalter Josef S. Er erschoss den Vorarlberger Zuhälter aus dem fahrenden Wagen und raste im Anschluss gegen das Haus eines weiteren amtsbekannten Zuhälters. Ähnliches trug sich 1982 ebenfalls in Lustenau zu. Ein konspirativer Plan unter ­Zuhältern endete im Gasthaus Helvetia mit einem filmreifen Schusswechsel, bei dem zwei «Strizzis» im Kugelhagel starben und ein weiterer schwer verletzt wurde.

Elf Zuhälter und fünf Prostituierte ermordet

Die Vorarlberger Kriminalstatistik weist bis zum Jahr 2008 elf Zuhältermorde und fünf Prostituiertenmorde auf. Von letzteren blieben drei ungeklärt, in zwei Fällen wurden die Täter ermittelt. In einem Fall der berüchtigte Serienmörder Jack Unterweger, der Heide H. erwürgte, das andere Mal Manfred K., der beim Lauteracher Jannersee eine Prostituierte erstach.

Etwas ruhiger ging es beim zweiten Rotlicht-Hotspot Feldkirch zu. Hier hatten neben 13 weiteren Zuhältern vor allem die sich konkurrierenden «Bosse» – der Bordellier Hans L. und der Zuhälter Franz H. – das Sagen. Ein gedungener Killer kam ins Spiel. Bei einem Schusswechsel in der Montfortstadt blieb ein Beteiligter tot liegen.

Auf Einladung des «Vorarlberg Museum» fand kürzlich im Palais Liechtenstein ein Vortrag zur Thematik statt, an dem unter anderen der ehemalige Chef-Staatsanwalt Franz Pflanzner und der ehemalige Chefinspektor Hans Poiger teilnahmen.

Die Situation im Fürstentum schilderte Liechtensteins Polizeichef Jules Hoch. Während in Vorarlberg angesichts des wuchernden Strassenstrichs eine eigene Sonderkommission gebildet werden musste, ergriffen die Liechtensteiner Bürger zu einer anderen rigorosen Methode. Hoch:

«Sie überschütteten die Prostituierten auf der Strasse einfach mit Saugülle und das Problem war vom Tisch.»

Heute etablieren sich Etablissements und ein «grenzüberschreitender Dienstleistungsverkehr» im Land des Fürsten, wie sich der Polizeichef ausdrückt.

Eine Prostituierte wartet 1978 in Vorarlberg auf einen Freier. (Bild: PD)

Eine Prostituierte wartet 1978 in Vorarlberg auf einen Freier. (Bild: PD)

Der pensionierte Chefinspektor Hans Poiger hat besonders viel zu erzählen. So seien die Zeiten der Zuhälterkriminalität in Vorarlberg vorbei. Und das vor allem aus drei Gründen:

«Die Zuhälter sind entweder ermordet worden, in Haft oder ins soziale Abseits geraten.»

Poiger, der im kürzlich veröffentlichten Werk «Das Böse war meine Kundschaft» mit Schriftsteller Franz Kabelka seine Erfahrungen im Kampf gegen das Milieu schilderte, zeichnet das Charakterbild des Zuhälters in einem speziellen Fall: «Ein Zuhälter fügte sich in Fussach einen Streifschuss am Unterarm zu und zeigte der Polizei ein Schussattentat auf ihn an. Der Schwindel wurde aufgedeckt. Sein Motiv für die Selbstverletzung: Als Zuhälter genoss man im Milieu grössten Respekt, wenn man sagen konnte, zum Ziel eines Attentats geworden zu sein.»

Nun reisen die Vorarlberger nach St.Gallen

Heute ist es ruhig geworden im Vorarlberger Milieu. Hans Poiger und Ex-Chefstaatsanwalt Franz Pflanzner rechnen dies unter anderem einer verschärften Gesetzeslage und dem Umstand zu, dass Strassenstrich für Frauen angesichts des steigenden Wohlstands unattraktiv geworden sei. Während es früher umgekehrt der Fall war, gehen Vorarlberger Freier aus «Anonymitätsgründen» ins St.Galler Rheintal. Dort blüht heute das Geschäft. Beispiel das grenznahe Au: Hier gibt es 4000 Einwohner, zwei Tankstellen und fünf Bordelle.

Auch bei den Eidgenossen machten sich Zuhältergrössen einen Namen. Und auch hier gab es Revierkämpfe mit tödlichen Gewaltdelikten. «Wir haben mit den St.Galler Behörden intensiv und sehr gut kooperiert», sagt Poiger. Das betraf jedoch vor allem den grenzüberschreitenden «Menschenhandel» mit Prostituierten.

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