ZUGVÖGEL: Die Störche sind zurück

Am Bodensee und im Rheintal wurden Störche gesichtet. Normalerweise kommen die Vögel erst später im Frühling. Über die Gründe sind sich Experten uneins.

Lisa Wickart
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In der Ostschweiz wurden die ersten Störche gesichtet. Sie sind früh zurückgekehrt. (Bild: Archiv)

In der Ostschweiz wurden die ersten Störche gesichtet. Sie sind früh zurückgekehrt. (Bild: Archiv)

Lisa Wickart

lisa.wickart@tagblatt.ch

Die Störche sind aus dem Süden zurück: Seit einigen Tagen werden sie in Liechtenstein gesichtet. In Mauren, Ruggell und Eschen haben die ersten Störche die Horste bezogen. Auch im St. Galler Rheintal und am Bodensee können Storchengruppen beobachtet werden. Die Rückkehr ist früh: «Die meisten Störche kommen zwischen März und April», sagt Reto Zingg, Präsident der Schweizerischen Stiftung für Vogelschutzgebiete und Storchenexperte. Die frühe Rückkehr und die Überwinterung am Bodensee solch grosser Gruppen sei ein ganz neues Phänomen. «Die Ursachen werden gesamtschweizerisch untersucht», sagt Zingg. Der Storchenexperte vermutet, dass der Klimawandel der Hauptauslöser ist: «Die Winter sind nicht mehr gleich lang und streng wie früher. So bleiben Störche vermehrt hier, anstatt in den Süden zu fliegen.»

Zugzwang in den Süden überwinden

Tiefe Temperaturen machen den Störchen nichts aus. Bei rauem Wetter sei die Nahrungsbeschaffung das grosse Problem. Zugvögel haben den Zugzwang in ihren Genen. Die Experten sind sich uneins, wie die Störche den Trieb, in den Süden zu fliegen, überwinden können.

Nach wie vor gibt es viele Zugvögel, die in den Süden ziehen. Der Weissstorch ist ein Segelflieger, der zum Zug warme Aufwinde nutzt. Vor zehn Jahren flogen die meisten Störche noch bis nach Afrika, heute wählen sie den kürzeren Weg nach Spanien. «Der Weg nach Afrika ist viel anstrengender und gefährlicher», sagt Zingg. Zum einen würden Störche in Afrika noch immer abgeschossen, zum anderen ist der Weg nach Afrika bedeutend länger. Neu ist, dass Störche , die früher den mühsamen Weg auf sich genommen haben, plötzlich die einfachere Variante wählen: «Wegen eines ausreichenden Nahrungsangebots in Spanien verzichten die Störche auf einen Weiterflug über Gibraltar nach Afrika.» Erfreut ist Zingg über diese Entwicklung nicht: «In Spanien halten sich die Störche oft bei Mülldeponien auf und fressen Abfall.» Ausserdem bestehe die Gefahr, dass die Tiere Verpackungsteilchen verschlucken und daran sterben.

Ein weiterer Grund für Störche in der Region könne auch sein, dass sich einige lediglich auf der Durchreise in nördlichere Gebiete befinden und in der Schweiz eine Pause einlegen. Durch die frühe Rückkehr beginnen Brutvorbereitungen auch eher. Ein Vorteil sei, dass die jungen Störche so bis zum Mai genug Federn gegen das wechselhafte Wetter hätten.

Störche fliegen meist in grossen Gruppen aus dem Süden zurück. Das Männchen kehrt zuerst zurück und wartet auf das Weibchen. Wenn es nicht kommt, sucht es sich eine neue Partnerin. Wenn das alte Weibchen trotzdem noch eintrifft, kommt es laut Reto Zingg zu einem Kampf zwischen der vorherigen Partnerin und dem neuen Weibchen. Die Störche nisten sich meist auf dem Horst ein, in dem sie zuvor auch schon waren. «Eine neue Entwicklung ist, dass sich Störche selbst einen Horst bauen, obwohl es genug von Menschen gefertigte Brutplätze gibt», sagt Zingg. Die Experten sind sich über die Gründe nicht einig. «Es könnte damit zusammenhängen, dass Störche Magnetfelder und elektrische Strahlung stark wahrnehmen.»

Im Jahr 1950 galt der Storch in der Schweiz als beinahe ausgestorben. Gründe für den dramatischen Bestandsrückgang waren in erster Linie die Verbauung der Flüsse und Bäche, die Trockenlegung von Feuchtgebieten und die Mechanisierung der Landwirtschaft, die eine immer eintönigere Landschaft schuf. Seit der Wiederbesiedlung nimmt der Storchbestand in der Schweiz – vor allem dank der Neuschaffung von Feuchtgebieten – stetig zu.