Zuerst holprig, dann entkrampft – Wie Markus Bänziger der IHK St.Gallen-Appenzell ein neues Gesicht gegeben hat

Seit einem Jahr ist Markus Bänziger Direktor des mächtigsten Ostschweizer Wirtschaftsverbandes. 

Andri Rostetter
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«Deutlich weniger verbissen»: IHK-Direktor Markus Bänziger.

«Deutlich weniger verbissen»: IHK-Direktor Markus Bänziger.

Bild: Urs Bucher

Es war ein holpriger Start. Wenige Wochen, nachdem Markus Bänziger sein Büro an der Gallusstrasse 16 bezogen hatte, brodelte es in der Gerüchteküche. Die exklusive Adresse im St.Galler Klosterviertel ist der Hauptsitz der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell (IHK), des mächtigsten Ostschweizer Wirtschaftsverbandes. Die IHK vertritt die Interessen von 1600 Unternehmen mit insgesamt 85'000 Mitarbeitenden, eine mächtige Organisation, gern als «fünfte Fraktion» in der St.Galler Politik bezeichnet.

Im November 2018 wurde Bänziger neuer Direktor der IHK – und nicht einmal drei Monate später warf der stellvertretende Direktor Robert Stadler das Handtuch. Ungewöhnlich an Stadlers Abgang: Der ansonsten mitteilsame Verband verzichtete nicht nur auf ein Communiqué, auch hatte Stadler noch keine neue Stelle in Aussicht. Rasch machten Gerüchte die Runde. Der neue Direktor habe das Heu nicht auf der gleichen Bühne wie sein Stellvertreter, Stadler sei bei weitem nicht der einzige Abgang, überhaupt sei der IHK-Haussegen unter dem neuen Chef zünftig in Schieflage geraten. Bänziger wiegelte ab. Hauskrach? Ach woher, alles im Rahmen des Üblichen. «Es ist klar, dass es bei einem Führungswechsel zu personellen Änderungen kommen kann», so Bänziger.

Andreas Widmer, CVP-Fraktionschef.

Andreas Widmer, CVP-Fraktionschef.

Regina Kühne

«Nicht jeder Nagel am richtigen Ort»

Ein knappes Jahr später spricht niemand mehr davon, im Gegenteil. «Das Verhältnis zur IHK hat sich entkrampft», sagt Andreas Widmer, CVP-Fraktionschef und Geschäfts­führer des St.Galler Bauernverbands. «Bänziger ist ein angenehmer Gesprächspartner, der offen gegenüber anderen Ideen ist. Er weiss, dass es neben der IHK noch andere Organisationen gibt, die ebenfalls ihre Interessen verfolgen.» Bänziger habe zwar noch nicht so viele Nägel einschlagen können wie sein Vorgänger Kurt Weigelt, «aber vorher war auch nicht jeder Nagel am richtigen Ort», sagt Widmer.

Andreas Hartmann.

Andreas Hartmann.

Benjamin Manser

Auch Andreas Hartmann, Präsident des St.Galler Gewerbeverbands, neben der IHK die zweite grosse Organisation der regionalen Wirtschaft, findet nur lobende Worte für Bänziger. «Er ist sehr kommunikativ, er weiss, wie man auf die Leute zugeht. Und man spürt, dass er sich eingearbeitet hat. Er hat sehr klare Vorstellungen, wo er mit der Wirtschaft hin will.» Bänziger setze zwar die Schwerpunkte leicht anders, «wohl auch herkunftsbedingt», meint Hartmann. «Der Autobahnanschluss vor seiner Haustür ist ihm ein erkennbares Anliegen.» Auch Widmer sieht diese lockere Bodenständigkeit beim neuen IHK-Direktor:

«Bänziger ist deutlich weniger verbissen, er steht mit beiden Beinen auf dem Boden, man spürt seine ländliche Herkunft.»

Kritische Stimmen zu Bänziger sucht man vergebens, nicht einmal die Linke mag sich über den IHK-Direktor auslassen. «Ist uns zu wenig bekannt», heisst es von Seiten der SP-Parteileitung knapp. Damit spricht die Partei zugleich ein Manko von Bänziger an: Der Mann ist noch kein grosser Name.

Bänzigers Vorgänger ist in der Ostschweiz nach wie vor sehr vielen ein Begriff, nicht zuletzt dank Weigelts pointierten Auftritten. Hinter vorgehaltener Hand wird Bänziger angekreidet, dass er sich nie im St.Galler Parlament blicken lässt. Er nutze auch seine Narrenfreiheit als IHK-Direktor zu wenig. Er müsse ja nicht wiedergewählt werden und könnte frei in die Debatten eingreifen. Doch öffentlich will das niemand sagen.

Dass der Chefwechsel ohne Nebengeräusche über die Bühne gehen würde, hatte kaum jemand erwartet. Bänziger galt als Gegenentwurf zu seinem Vorgänger. Hier der Briefträgersohn aus Teufen, ein freundlich-konzilianter Typ, der niemandem auf die Füsse tritt. Da der weltläufige Unternehmer aus dem St.Galler Establishment, ein Rechtsfreisinniger mit einer Schwäche für provokative Zwischenrufe und dominante Auftritte. Weigelt hatte den Verband nicht nur elf Jahre lang geführt, er hat ihm seinen Stempel aufgedrückt. Unter seiner Führung zettelte die IHK fast im Jahresrhythmus politische Debatten an, einmal mit unausgegorenen Ideen, dann wieder mit ausgefeilten Konzepten: ein Tempotarif für die Bahn, eine neue Stipendienordnung, ein Ostschweizer ETH-Ableger, eine Neuordnung der Spitallandschaft. Auch nach Bänzigers Amtseinsetzung wirkte Weigelt im Hintergrund weiter. Noch bis Ende Jahr ist er als «persönlicher Mitarbeiter» von Bänziger aufgeführt.

Bänziger versuchte rasch, sich von seinem Vorgänger abzugrenzen. «Ich bin keine Kurt-Weigelt-Kopie», sagte er in dieser Zeitung vor gut einem Jahr. Er sehe sich als «Impulsgeber und Brückenbauer», von ihm seien kaum Provokationen im Stil Weigelts zu erwarten: «Wenn Initianten den Exekutivpolitikern zuerst einmal eins an die Ohren geben, wenn sie etwas wollen, dann führt das nicht zum Ziel. Und es ist auch nicht mein Stil.» Bänziger sprach von einer «gesamtheitlichen Sicht» auf die Ostschweiz, von gesellschaftlichem Wandel, von familienergänzender Kinderbetreuung, Tagesschulen und individuellen Arbeitsmodellen.

Weit hinten auf der Prioritätenliste

Dass er es ernst meint, zeigte sich spätestens Mitte November. Für das Kulturforum «Zukunft Ostschweiz», dem jährlichen Stelldichein in den Olma- Hallen mit rund 1000 Unternehmern, Politikern und anderen Meinungsmachern, setzte Bänziger ein Thema, das unter seinem Vorgänger noch deutlich weiter hinten auf der Prioritätenliste stand: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Thomas Toldo, FDP-Kantonsrat.

Thomas Toldo, FDP-Kantonsrat.

Bild: Regina Kühne

«Das war mutig, aber sicher nicht falsch», sagt Strassenbauunternehmer und FDP-Kantonsrat Thomas Toldo. Dass Bänziger frische Ideen in die IHK bringe, habe er schon in den Treffen der Wirtschaftsgruppe des Kantonsrats bemerkt. In diesem knapp 50-köpfigen Club sitzen neben den wirtschaftsfreundlichen Parlamentariern auch die wichtigsten Wirtschaftsvertreter des Kantons, darunter etwa der Kantonalbank-Präsident – und eben auch der IHK-Direktor. Hier werden Debatten lanciert und wichtige Parlamentsgeschäfte vorgespurt. «Bänziger hat eine gewinnende Art und bringt neue Impulse.» Ein holpriger Start? Nicht im Geringsten, meint Toldo. «Der Mann macht einen guten Eindruck.»

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