Glosse

Züridütsch an Ostschweizer Bahnhöfen: SBB testen neue Stimme für Durchsagen an den Perrons

An einigen Ostschweizer Bahnhöfen ist eine neue Stimme aus dem Lautsprecher zu hören. Sie kündet die Züge auf Hochdeutsch an – mit klarem Zürcher Einschlag.

Roger Berhalter
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Neue Durchsagen am Perron: Die SBB führt an verschiedenen Bahnhöfen einen Pilotversuch durch.

Neue Durchsagen am Perron: Die SBB führt an verschiedenen Bahnhöfen einen Pilotversuch durch.

Bild: Gian Ehrenzeller (St. Gallen, 23. März 2020)

Manchem Zugpendler dürfte sie schon aufgefallen sein, die neue Stimme, die an einigen SBB-Perrons aus den Lautsprechern tönt. Sie sagt zum Beispiel: «Gleis 1 Einfahrt des Intercity 5 nach Uzwil, Flawil, St.Gallen, Abfahrt 11.26 Uhr.» Oder: «Das Restaurant in Sektor C ist unbedient.»

Das akustische Signal am Anfang der Durchsage klingt vertraut. Die Stimme danach aber ist neu: Eine Frau, die Hochdeutsch spricht – mit unüberhörbarem Zürcher Einschlag.

SBB-Durchsagen an Ostschweizer Bahnhöfen

Neu in Züridütsch

Nur ein Pilotversuch

Die SBB begeben sich mit den neuen Durchsagen auf ein sprachpolitisches Minenfeld. Eine Zürcher Computerstimme, die auf Ostschweizer Bahnhöfen die Züge ankündigt? Das hat dem St.Galler und der Gossauerin gerade noch gefehlt! Warum nehmen die Bundesbahnen auf lokale Präferenzen nicht mehr Rücksicht und künden den Intercity am St.Galler Hauptbahnhof im schönsten Brodworscht-Idiom an? Oder mit thurgauisch eingefärbten Durchsagen? Oder gar mit keckem Appenzeller oder rauem Rheintaler Dialekt? Weshalb die Zürischnurre?

Nur ein Testbetrieb, beschwichtigt ein Sprecher der SBB-Medienstelle. «Die Stimme ist noch nicht im Endzustand.» Man führe lediglich Tests an verschiedenen Bahnhöfen durch und teste dabei nicht die Stimme, sondern die Systemstabilität. «Danach wird der Pilotversuch analysiert, wo notwendig korrigiert, und zusätzliche Funktionalitäten nachgebaut.»

Zürich rückt näher an St.Gallen – auch akustisch

Aus Ostschweizer Sicht besteht also noch Hoffnung, dass die Stimme «im Endzustand» nicht mehr allzu sehr nach Zürich klingt. Es genügt ja schon, dass Zürich mit dem so genannten Bahnausbauschritt 2035 näher an St.Gallen rückt. Nur noch 52 statt 62 Minuten wird die schnellste Verbindung zwischen den Städten dauern. Ob die SBB deshalb die Zürischnurre auspacken? Dass sich der Wiler an seinem Perron schon jetzt ein bisschen wie in Zürich fühlen kann?

Jedenfalls hätten wir schon jetzt ein paar Inputs für die Analyse des Pilotversuchs: Als «zusätzliche Funktionalitäten» empfehlen wir dringend ein paar Dialekte mehr.

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