Zürich – die wahre Hauptstadt der Ostschweiz

Auftakt zur Zürich-Woche unserer Zeitung

Stefan Schmid
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Die Stadt Zürich ist die kulturelle und gesellschaftliche Metropole der Deutschschweiz. Über 20 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts werden im Kanton Zürich erwirtschaftet. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Die Stadt Zürich ist die kulturelle und gesellschaftliche Metropole der Deutschschweiz. Über 20 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts werden im Kanton Zürich erwirtschaftet. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Zürich, das ist Geld. Viel Geld. Nirgendwo ist der Reichtum der Schweiz sichtbarer als an den Ufern der Limmat. Wohn- und Bürotürme schiessen in die Höhe, aus ehemaligen Industriebrachen werden hippe Trendquartiere, die modernen Nomaden des globalisierten Kapitals lassen sich in chicen Wohnungen nieder, zu horrenden Mietkonditionen. Züridütsch ist nur noch eine von vielen Sprachen, die im Alltag gesprochen werden. Jeder Zehnte parliert englisch. Jeder Dritte ist Ausländer. Der Flughafen platzt aus allen Nähten. Zürich wächst. Zürich boomt. Und selbst der FCZ darf nächste Saison wieder oben mittun.

Mittlerweile hängt der wirtschaftliche Erfolg des ganzen Landes von Städten wie Zürich ab. Über 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts werden im Kanton Zürich erwirtschaftet. Die wahre Bedeutung von Downtown Switzerland ist angesichts vieler Zupendler aus umliegenden Kantonen noch grösser. Landwirtschaftssubventionen und dezentrale Siedlungspolitik in Ehren: Die nationale Politik sollte sich entschlossener auf die Zentren fokussieren. Dort geht die Post ab. Dort entscheidet sich, ob die Schweiz international konkurrenzfähig bleibt. Österreich hat Wien. Dänemark pusht Kopenhagen. Finnland Helsinki. Nur die Schweiz leistet sich den Luxus, die Metropole(n) bewusst klein zu halten.

Doch die Zeiten ändern sich – sogar bei uns. Und wie meistens in der Schweizer Geschichte gelingt der Wandel nur mit Hilfe von Fremden. Zürich gewinnt dank der Zuwanderung an Kontur, trotz Kantönligeist, trotz biederen regionalpolitischen Verteilkämpfen im Bundeshaus, wo es zum guten Ton gehört, sich als Vertreter einer Randregion aufzuspielen. Von Randregionen hat niemand gelebt. Ein starkes Land braucht starke Zentren. Und die schwächelnden Ränder können davon via Finanzausgleich profitieren.

Zürich ist Geld – und Geist. Alleine auf Stadtgebiet sind 57 Museen angesiedelt. Hinzu kommen unzählige grosse und kleine Bühnen, Kinos, Konzerte und eine Clubszene, die es mit grossen europäischen Städten aufnehmen kann. Zürich ist die kulturelle und gesellschaftliche Metropole der Deutschschweiz. Was in Zürich interessiert, wird mit Verzögerung auch in Rorschach oder Appenzell aufgenommen. Wer sich verwirklichen will, wer einen spannenden Job sucht, wer Karriere plant, zieht nach Zürich. Darunter unzählige Ostschweizer. Tausende pendeln täglich nach Zürich. Frauenfeld und Wil sind zu bezahlbaren Vororten des Millionen-Zürich aufgestiegen. Hinzu kommen die vielen Ostschweizer Studenten an ETH und Uni.

Grund genug für uns, den journalistischen Fokus etwas zu verändern. Während einer Woche arbeitet das Ressort Ostschweiz in Zürich, wo wir bei der NZZ Gastrecht geniessen. Wir berichten bis Samstag täglich auf zwei Seiten über dieses Zentrum, das wie kein zweites nach oben strebt. Eine pulsierende Stadt, die fasziniert. Eine Stadt aber auch, die wegen ihrer schieren Grösse da und dort freundeidgenössische Abwehrreflexe provoziert. Wir lassen Ostschweizer zu Wort kommen, die in Zürich leben – und nie mehr zurück in den ruralen Osten wollen. Und Zürcher, denen es in St. Gallen ähnlich geht, unter umgekehrten Vorzeichen. Wir gehen nachts auf die Pirsch und segeln auf dem Zürisee, der es – natürlich – nie mit dem Bodensee aufnehmen kann. Zürich soll, zumindest für eine Woche, die Hauptstadt der Ostschweiz sein.

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