Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ZÜRICH: Die Bratwurst-Kandidaten: Ostschweizer wollen Zürich erobern

Wenn die Stadtzürcher am 4. März zur Urne schreiten, wählen sie wohl wieder mehrere Ostschweizer ins Parlament – und vielleicht sogar in die Regierung. Wer sie sind und was sie in der Grossstadt erreichen wollen.
Janina Gehrig
Olma-Bratwurst statt Züri-Gschnätzlets in der heimlichen Hauptstadt? So weit wird es wohl nie kommen. (Bilder: Urs Bucher, Getty)

Olma-Bratwurst statt Züri-Gschnätzlets in der heimlichen Hauptstadt? So weit wird es wohl nie kommen. (Bilder: Urs Bucher, Getty)

Janina Gehrig

janina.gehrig@ostschweiz-am-sonntag.ch

In zwei Wochen wählt die Stadt Zürich ihr neues Parlament. Zugleich stehen die Gesamterneuerungswahlen der neunköpfigen Stadtregierung an. So richtig turbulent wurde der Wahlkampf erst vor kurzem, als sich Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen (SP) aus dem Stadtratsrennen genommen hat. Gemäss einer Umfrage folgt nun ein enges Rennen auf die drei vakanten Stadtratssitze. Unter den Bewerbern sind auch zwei gebürtige Ostschweizer. Einerseits der 42-jährige CVP-Kandidat Markus Hungerbühler aus dem Thurgau, der den Sitz des abtretenden Stadtrats Gerold Lauber (CVP) verteidigen soll. Ihm werden eher geringe Chancen eingeräumt.

Eine Wilerin im Zürcher Stadtrat?

Susanne Brunner (Bild: PD)

Susanne Brunner (Bild: PD)

Ein kleines politisches Erdbeben wäre es, wennSusanne Brunnernach 28 Jahren wieder einen Sitz für die SVP in der Zürcher Stadtregierung holen würde. Brunner stammt aus Wil, besuchte die Kantonsschule Wattwil und studierte an der Uni St. Gallen Internationale Beziehungen, bevor sie im Jahr 2000 nach Zürich zog. Die einstige Kantonsrätin (2008–2011) leitet die Geschäftsstelle von Economiesuisse in Bern und möchte Zürich «aus der linksgrünen Sackgasse holen», sagt sie. Man müsse die hohen Schulden abbauen, die «gewerbefeindliche Haltung» der Stadt korrigieren und die Verkehrspolitik wieder so gestalten, dass die Autofahrer «nicht einseitig schikaniert» würden. «Man muss wieder mehr Mass halten in dieser Stadt, in der das Geld mit vollen Händen ausgegeben wird», sagt Brunner.

Das Massvolle, Bodenständige und Geerdete sei etwas, was sie aus der Ostschweiz mitbringe. Sie, die von Kolleginnen gerne «Botschafterin der Ostschweiz» genannt werde, gehe ein- bis zweimal jährlich nach St. Gallen an die Anlässe der Studentenverbindung AV Notkeriana, wo sie einst aktiv war. Und sie gehe häufig wandern im Toggenburg. «Die Hügel, die Bauernhäuser, der Blick auf die Churfirsten, da geht mir das Herz auf.» Nichtsdestotrotz fühlt sich die 46-Jährige nun in Zürich heimisch. «Zürich ist eine offene Stadt, wo man sich als Auswärtige gut einbringen und Karriere machen kann.»

1054 Kandidaten für 125 Sitze

Bei der Wahl ins Zürcher Stadtparlament wird es unübersichtlicher. Um die insgesamt 125 Gemeinderatssitze weibeln nicht weniger als 1054 Kandidatinnen und Kandidaten aus neun Wahlkreisen. Auch unter ihnen finden sich neben Bündnern, Aargauern und Wallisern zahlreiche Ostschweizer. Auf der Liste der grössten Fraktion im Gemeinderat, der SP, stehen etwa Barbara Spirig, Nadia Huberson, Jerome Lutz, Stefan Bruderer, Barbara Wiesmann, Benedikt Knobel oder Andrea Fuchs-Müller.

Patrick Hadi Huber (Bild: PD)

Patrick Hadi Huber (Bild: PD)

Aus dem thurgauischen Bichelsee-Balterswil kommt etwaPatrick Hadi Huber. Er ist seit 2011 im Zürcher Parlament und inzwischen der amtsälteste SP-Gemeinderat aus dem Kreis 4, sagt er auf Anfrage der «Ostschweiz am Sonntag» stolz. Seine Herkunft hört man ihm kaum mehr an. Dabei hätte es auch anders kommen können. Im Jahr 2000 kandidierte er noch für die Thurgauer Grossratswahlen, verpasste aber den Einzug ins Parlament. Huber zog wegen des Studiums der Politikwissenschaften nach Zürich – und weil er die Grossstadt gesucht habe. «Zürich hat Sogwirkung. Erst lebt man anonym hier, dann entdeckt man das Dörfliche in den Quartieren. Das gefällt mir an der Stadt besonders gut.» Einen Rückzug in den Osten kann sich der 37-Jährige nicht mehr vorstellen, wolle er doch die Zürcher Stadtentwicklung weiterhin mitprägen, etwa den gemeinnützigen Wohnungsbau weiter vorantreiben. «Noch gibt es viel zu tun.»

Eine Umfrage bei der Stadtzürcher FDP ergibt, dass auch auf deren Listen die Ostschweiz gut vertreten ist, etwa mit Marc ­Ruppli aus Sommeri, Elisabeth Schoch aus Herisau, Matthias Wälchli aus Zuckenriet, Philipp Binswanger aus Kreuzlingen, Silvan Wildhaber und Jan ­Jaeger aus St. Gallen, Thomas Hofstetter aus Arbon oder Patrick Albrecht aus Mels.

Martin Machytka (Bild: PD)

Martin Machytka (Bild: PD)

Nur ungern aus St. Gallen weggezogen ist etwaMartin Machytka. Der gebürtige Tscheche war 1986 als Flüchtling nach St. Gallen gekommen, wo er als Priester tätig war und später an der Uni St. Gallen den Executive-MBA-Titel erwarb. Nachdem ihm der Bischof nicht gestattet hatte, als Arbeiterpriester oder als Hochschulseelsorger zu arbeiten, zog er 2006 wegen seiner Frau nach Zürich und arbeitete als Personalmanager im Private Banking der Credit Suisse. «Das war ein Schockerlebnis», sagt Machytka rückblickend. Auch St. Gallen habe er vermisst: «Zu Fuss unterwegs zu sein in der Innenstadt, die Leute auf der Strasse zu kennen.» Bald kehrte Machytka dem Bankenwesen den Rücken und hielt Vorträge über Unternehmensethik, um sich später als Berater selbstständig zu machen. Mittlerweile ist er geschieden.

Zurückkehren nach St. Gallen will er aber nicht. «Jetzt würde ich Zürich vermissen. St. Gallen hat sich zwar auch stark verändert in den letzten Jahren, scheint mir aber irgendwie abgehängt.» Für die FDP kandidiere er «auf dem hoffnungslosen 14. Platz». Das Engagement in der Politik sei denn auch eher der Versuch, der Schweiz, die ihn als Flüchtling auf menschliche Art empfangen habe, «etwas zurückzugeben».

Sich über die «Zürcher Arroganz» geärgert

Markus Knauss (Bild: PD)

Markus Knauss (Bild: PD)

Als Bisheriger erneut antreten wirdMarkus Knauss(Grüne), der in Wattwil geboren wurde und seit 30 Jahren in Zürich wohnt. Noch immer verfolge er die Politik in seinem Heimat­kanton. «Ich finde es bemerkenswert, wie sich im Toggenburg die politischen Gewichte weg von der FDP und der CVP zur SVP hin verschoben haben», sagt der Co-Geschäftsführer des VCS Zürich. Auch habe er sich schon oft über die Zürcher Arroganz geärgert, die Ostschweiz generell als provinziell zu betrachten.

Martin Götzl (Bild: PD)

Martin Götzl (Bild: PD)

Nach einer Legislatur erneut auf der Liste steht auch der SVP-Gemeinderat und FraktionspräsidentMartin Götzl. Der Berufsschulfachlehrer für Automobilmechatroniker hat im Jahr 1997 den «Weg in die Grossstadt gesucht». Er ist geblieben, «auch wenn ich mich mal verirrt habe und während einer Stunde den Nachhauseweg nicht mehr fand». Und obwohl er den Säntis und den Geruch nach Land und Gülle vermisse. Der Mann aus Brunnadern ist 20 Minuten von Toni Brunners Hof entfernt aufgewachsen.

Das Politisieren als SVP-Politiker wäre in seinem Heimatkanton wohl attraktiver, sagt er. «Im rot-grünen Zürcher Stadtparlament sind wir fast immer auf der Verliererseite. Doch aus der Opposition heraus Vorstösse zu lancieren, spornt mich an. Wir sind noch nicht kampfesmüde», sagt er.

Was möchte er in Zürich bewegen, falls er die Wiederwahl schafft? «Die Migrationspolitik ist verheerend. Es werden zu viele Asylbewerber aufgenommen, die Sicherheit beeinträchtigt, die Sozialwerke ausgehöhlt», sagt er. Auch die Finanzen seien in Schieflage. Und, nicht zuletzt, sagt Götzl im Scherz, «sollte man die Olma-Bratwurst anstelle des Züri-Gschnätzlets zum Kantonsgericht erklären».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.