Zu wenig Essen und gemischter Massenschlag im Lager: Jugendliche, Eltern und Betreuer klagen über Missstände im Uznacher Kinderheim

Während des Winterlagers des Uznacher Kinderheims Speerblick mussten Betreuer und Kinder unterschiedlichen Geschlechts im selben Raum schlafen. Auch andere Vorkommnisse lassen aufhorchen. So klagen einige Teenager über zu wenig Essen. Der Kanton St.Gallen hat Massnahmen ergriffen.

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Jugendliche im Uznacher Kinderheim Speerblick klagen über zu wenig Essen.

Jugendliche im Uznacher Kinderheim Speerblick klagen über zu wenig Essen.  

Symbolbild: Imago Images

(red) Das Uznacher Kinderheim Speerblick steht in der Kritik: Ehemalige Betreuer, Eltern und Jugendliche berichten von einem teils fragwürdigem Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, angespannter Stimmung und zahlreichen Kündigungen. Als Beispiel nennt der «Tagesanzeiger» ein einwöchiges Winterlager, welches vor einem Jahr stattfand. Dieses fand in einem abgelegenen Maiensäss statt – ohne Strom, fliessendes Wasser und Handyempfang. Die Kinder, zwei Buben und zwei Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren, mussten mit der Heimleiterin sowie mit zwei Betreuern in einem Zimmer schlafen.

Interne Bedenken seien nicht ernst genommen worden, sagt eine ehemalige Betreuungsperson gegenüber der Zeitung. Matthias Dürr, Präsidenten des Trägervereins, sei bewusst gewesen, dass eine Übernachtung im Massenschlag heikel sei: «Wir haben deshalb bei der Heimaufsicht des Kantons St.Gallen nachgefragt und das Okay erhalten.»

Das Lager sei freiwillig gewesen, sagen Präsident und Kanton. Bei den Eltern kam diese Information offenbar nicht an. «Ich war nicht einverstanden, aber es hiess, das Lager sei für die jüngeren Kinder obligatorisch», sagt eine Mutter. Auch ehemalige Betreuer sagen gegenüber dem «Tagesanzeiger», dass das Lager nur für die Jugendlichen freiwillig gewesen sei. Diese wollten nicht mitgehen.

Vertrag unterschrieben, keine sexuellen Handlungen durchzuführen

Fragwürdig ist auch die Reaktion des Heims auf eine Beziehung einer 15-Jährigen mit einem 22jährigen Auswärtigen. Die beiden mussten ein Dokument unterschreiben, mit welchem sie erklärten, keine sexuellen Handlungen durchzuführen. Diese Dokument hätten auch die Heimleiterin und der Vormund des Mädchens unterzeichnet. «Das Heim stahl sich damit aus der Verantwortung», kritisiert eine ehemalige Betreuungsperson.

Ein anonymer Heimleiter einer anderen Institution hingegen sagt, eine Institution dürfe eine derartige Beziehung keinesfalls bagatellisieren. Treffen seien höchstens in einem geschützten Rahmen tolerierbar.

Neues Konzept, viele Wechsel im Team

Im Mai 2018 war der bisherigen Heimleitung gekündigt und diese freigestellt worden; über die Gründe wurde Stillschweigen vereinbart. Die neue Heimleiterin krempelte unter anderem das pädagogische Konzept um. Daraufhin wurde innert weniger Monate das halbe Team ausgewechselt. «Leider trugen nicht alle Mitarbeitenden das neue Konzept loyal mit», sagt Trägervereinspräsident Dürr. Er räumt gegenüber der Zeitung aber auch Fehler der Heimleitung und des Trägervereins ein, «vor allem bei der Kommunikation».

Auch das Ernährungskonzept erfuhr Änderungen. Trägervereinspräsident Dürr spricht gemäss «Tagesanzeiger» von einem gesünderen, leichteren Abendessen à la Café complet, ergänzt mit Salat, manchmal Suppe, Pizza oder Pasta. Jugendliche sagen, sie würden nicht mehr satt und wer zu spät komme wegen einer Schulveranstaltung oder Sporttraining, der bekomme kein Essen mehr. Dürr widerspricht:

«Jeder wird satt, jeder bekommt genug.»

Ausnahme: Es könne mal sein, dass jemand nachträglich nichts Warmes mehr bekommt, wenn er das Nachtessen schwänzt. «Der Speerblick legt viel Wert auf das gemeinsame Nachtessen.»

Kantonale Heimaufsicht hat Verfahren eingeleitet

Bei der St.Galler Heimaufsicht gingen derweil mehrere Beschwerden von Mitarbeitern, Eltern und Jugendliche ein. Das eingeleitete Verfahren sei unterdessen abgeschlossen und Massnahmen würden umgesetzt. Es gebe «derzeit keine Gründe, davon auszugehen, dass sich die Institution nicht positiv weiterentwickeln wird». Kritiker kontern allerdings, es habe sich nichts geändert.