Überhöhte Schadstoffwerte: In St.Galler Bächen fliesst zu viel Gift

Es gibt noch zu wenig Daten zu den Pestizidresten in kleinen Fliessgewässern. Eine Untersuchung im Kanton St.Gallen ist aber ernüchternd.

Christoph Zweili
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Schadstoffe werden in kleinen Gewässern schlechter verdünnt als in grossen: Daher ist die kritische Grenze schneller erreicht.

Schadstoffe werden in kleinen Gewässern schlechter verdünnt als in grossen: Daher ist die kritische Grenze schneller erreicht.

Bild: Getty

Die Schweiz ist stolz auf ihr sauberes Trinkwasser. Doch ganz so sauber, wie immer betont, sind die Gewässer nicht. Der Ruf ist angekratzt, seit bekannt ist, dass Schweizer Flüsse und Bäche einen ganzen Cocktail an Pestiziden enthalten, vor allem Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft. Für die St.Galler Regierung sind die Belastungen mit Pestiziden der grösseren Fliessgewässer, des Grund- und des Trinkwassers aber «nicht besorgniserregend», wie sie in der Antwort auf einen Vorstoss schreibt.

Das Sorgenkind sind die kleinen Fliessgewässer, weil hier die kritische Grenze bei einer Verunreinigung schneller erreicht ist. Sie machen mit 3400 Kilometern Länge rund drei Viertel des St.Galler Fliessgewässernetzes aus. «Diese Bäche sind als Lebensraum für die Biodiversität sehr wichtig», sagt Michael Eugster, Leiter des Amts für Wasser und Energie. Der Kanton habe früh damit begonnen, auch diesen kleinen Bäche genauer zu untersuchen: Seit neun Jahren werden jährlich etwa zehn davon unter die Lupe genommen.

Grob-Check für eine Handvoll Flüsse jährlich

Dabei bewerten Spezialisten den Zustand des Fliessgewässers aufgrund einfacher biologischer Beurteilungsmethoden. «Erhält ein Fluss bei diesem Grob-Check schlechte Noten, schauen wir genauer hin», sagt Eugster.

Das Ergebnis ist ernüchternd: 70 Prozent der bisher getesteten Fliessgewässer entsprechen den gesetzlichen Qualitätsanforderungen nicht. Was sagt das aus bezüglich der Pestizidbelastung? «Dazu haben wir erst von einigen wenigen Gewässern Daten», sagt der Amtsleiter. «Bei ungenügender Qualität kommen als Verursacher neben der Landwirtschaft auch Strassenabwasser und Industrieareale in Frage.» Der Nachweis der einzelnen Spurenstoffe sei aber aufwendig. «Ein Objekt untersuchen wir derzeit mit Unterstützung der angrenzenden Landwirte sehr genau. Wir wollen die Prozesse besser verstehen und Lösungen finden, um die Belastungen zu minimieren.»

Die Antwort der St.Galler Regierung beruhigt Meinrad Gschwend nicht. Den grünen St.Galler Kantonsrat hatten im November zwei aktuelle Studien des Eawag, des Wasserforschungsinstituts der ETH, aufgeschreckt. Diese zeigten klar, dass Gewässer in landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet sind. In den meisten Proben wurden 30 oder mehr verschiedene Wirkstoffe gemessen. Und: Die Konzentrationen einzelner Stoffe liegen längere Zeit über Werten, «ab denen für Pflanzen und Tiere im Wasser ein akut toxisches Risiko besteht».

Der Altstätter Politiker wollte in einer Einfachen Anfrage wissen, ob die Studienergebnisse auf den Kanton St.Gallen übertragbar seien. Er erkundigte sich nach der Qualität der Fliessgewässer, des Grundwassers und des Trinkwassers im Kanton.

Wasserversorger müssen Höchstwerte kontrollieren

Beim Trinkwasser gilt die Selbstkontrolle. In der Pflicht sind die Wasserversorger – sie sind verantwortlich, dass die gesetzlichen Höchstwerte im Trinkwasser eingehalten werden. Sie müssen ihre Wasseruntersuchungen belegen. Das Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen als kantonale Lebensmittelkontrollbehörde überprüft die Umsetzung unter anderem mit Proben.

Gschwend ist misstrauisch. Er traut den Wasserversorgern im aufgeheizten Klima im Vorfeld der Abstimmung über die «Trinkwasserinitiative» und die «Anti-Pestizid-Initiative» nicht. Zusätzlicher Druck komme noch von der Landwirtschaft, die damit in Bedrängnis geraten sei. Die beiden nationalen Initiativen kommen zwar voraussichtlich erst im November an die Urne, aber Gegner und Befürworter drehen schon lange im roten Bereich. Im August 2019 hat nun die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerates eine parlamentarische Initiative eingereicht. Sie will das Risiko beim Einsatz von Pestiziden durch einen Absenkpfad mit Zielwerten gesetzlich verankern.

Punkto Pestizide bleibt es im Kanton St.Gallen vorerst bei den 2019 veröffentlichten Ergebnissen von fünf untersuchten kleinen Bächen. Bei allen fünf wurden die Qualitätskriterien für problematische Spurenstoffe überschritten. Bei 74 von 109 gefundenen Spurenstoffen handelte es sich um Pestizide. Der Kanton geht damit von Belastungen aus, wie sie auch in den nationalen Messkampagnen von 2015 und 2017 ausgewiesen wurden.