Zu Tisch
Ein exotischer Tanz auf der Zunge: Schlemmen mit Seesicht im Restaurant Treichli in Wienacht-Tobel

Seit drei Jahren führen Michael und Lian-Ling Knellwolf das Ausflugsrestaurant Treichli in Wienacht-Tobel. Es thront wie ein Adlerhorst über dem Bodensee. Doch nicht nur die Aussicht begeistert, auch der Gaumen kommt auf seine Kosten.

Melissa Müller
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Küchenchef Michael Knellwolf: Sein Lokal ist bei gutem Wetter meist ausgebucht.

Küchenchef Michael Knellwolf: Sein Lokal ist bei gutem Wetter meist ausgebucht.

Bild: Ralph Ribi

Spiegelglatt breitet sich der Bodensee aus, wie ein perfekt gebügeltes Tischtuch. Der Blick aus dem Panoramafenster des Restaurants Treichli in Wienacht-Tobel ist atemberaubend. Küchenchef Michael Knellwolf fragt sich oft:

«Kommen die Gäste wegen der Aussicht oder wegen des Essens?»

Wir nehmen auf breiten, massiven Holzstühlen Platz und nippen an einem Prosecco mit Granatapfelkernen, die im Licht der untergehenden Sonne rubinrot funkeln (13.50).

Das «Treichli» thront wie ein Adlerhorst über dem See und verfügt über eine romantische Gartenterrasse mit Rosmarin- und Lavendeltöpfen. Frühzeitiges Reservieren lohnt sich, da das Lokal, das vor 30 Jahren ein Kiosk war, oft ausgebucht ist. Rundherum wurden damals Bungalows gebaut, die heute noch stehen.

Wir starten mit einem erfrischenden Wakame-Algensalat mit Ananas-Chili (12.50). Auch die drei hausgemachten, hauchdünnen Ravioli mit Ratatouillefüllung (16.50) sind eine gute Wahl. Das Topping besteht aus Balsamico-Zwiebeln, die mit Rotwein und Zucker eingekocht wurden – eine Geschmacksbombe. Dazu werden ofenfrische, noch warme Brötchen mit einem Klecks Knoblibutter gereicht.

Das Passionsfruchtsorbet ist ein Sommernachtstraum

Das graublaue Geschirr, das wie von Hand getöpfert wirkt, bringt die Speisen attraktiv zur Geltung. Etwa den Zander auf Rüebli und rotem Venere-Reis, der einen knackigen Biss hat und einen Kontrast zum schlunzigen Gemüse bildet (39.50). Das rassig gewürzte Linsen-Dal (29.50) wird mit einer veganen Joghurtsauce mit Limette serviert. Erdige und fruchtig-säuerliche Noten tanzen ein Duett auf der Zunge.

Restlos begeistert sind wir vom hausgemachten Passionsfruchtsorbet mit Crème brûlée (12.50) – die beste Glace, die wir diesen Sommer hatten. «Es ist orgiastisch», sagt das Gegenüber und leckt sich die Lippen ab.

Küchenchef will seinem Lehrling viel beibringen

Küchenchef Michael Knellwolf bereitet mit seinem Team alles selber und aus regionalen Zutaten zu – etwa arbeitet er mit Wasserbüffelfleisch vom Lutzenberg. Eigentlich hatte der Gastronom nie vor, sich selbstständig zu machen. Doch als ihm 2018 angeboten wurde, das «Treichli» zu übernehmen, wagte er den Sprung.

Alle vier Wochen schreibt er die Speisekarte neu. «Ich will, dass mein Lehrling etwas lernt und dass uns nicht langweilig wird», sagt der 35-Jährige, der seine Lehre im Bären in Grub AR absolviert hat und auch schon im «Rossbüchel» und im «Frauenhof» in Altstätten anspruchsvolle Gäste verwöhnt hat. Doch auch im Restaurant eines Supermarkts war er schon tätig, weil er in jüngeren Jahren am Abend und am Wochenende freihaben wollte. Er stieg zwar schnell auf, hatte aber auch Zweifel, weil häufig Fertigprodukte verarbeitet wurden:

«An solchen Orten verlernt man das Kochen. Ich wollte lieber wieder à la carte kochen.»
Auf der grosszügigen Gartenterrasse kommt Ferienstimmung auf. Man fühlt sich fast wie in Südfrankreich.

Auf der grosszügigen Gartenterrasse kommt Ferienstimmung auf. Man fühlt sich fast wie in Südfrankreich.

Bild: Ralph Ribi

Blumen, Kerzen, Keramiken – und Appenzeller Kitsch

Seine Frau Lian-Ling ist für die Finanzen und die Dekoration des Restaurants zuständig: Blumen, Kerzen und Retro-Keramiken in Erdtönen. Etwas süsslich geraten sind hingegen die Malereien einer lokalen Künstlerin, die an den Wänden hängen und mit stolzen Preisen angeschrieben sind. Die pastelligen Bilder zeigen Ziegen und Buben in Appenzeller Tracht.

Das Ehepaar Knellwolf, das mit seinen fünfjährigen Zwillingen in Heiden wohnt, beschäftigt einen Koch, einen Lehrling und einen Allrounder, der sich «um die Geschirrkosmetik» und den Rasen kümmert.

Gemütlich rustikal und trotzdem modern: Die Einrichtung im «Treichli».

Gemütlich rustikal und trotzdem modern: Die Einrichtung im «Treichli».

Bild: Ralph Ribi

Im «Treichli» werden nicht nur ausgefallene Spezialitäten zubereitet. Das Poulet im Chörbli mit Pommes frites steht seit 30 Jahren auf der Karte, samt hauseigener Gewürzmischung. «Kein Pächter kann es sich leisten, darauf zu verzichten», sagt Knellwolf, der das Poulet in einer kleinen Wanne aus Metall serviert. Das sei nicht nur origineller, sondern auch hygienischer als ein Körbchen.

Fazit: Der Service ist erstklassig und kompetent, das Timing perfekt, das Ambiente gemütlich und ungezwungen. Die raffiniert zubereiteten Speisen können mit der spektakulären Seesicht mithalten. Tipp: Besuch im Restaurant mit einer wunderschönen einstündigen Wanderung von Heiden nach Wienacht-Tobel durch Wald und Wiesen verbinden.

Restaurant Treichli

Unterwienacht 451,
9405 Wienacht-Tobel
www.treichli.ch
071 891 21 61
Mi bis Fr 17.30–22 Uhr, Sa bis So 11.30–22 Uhr
Vorspeisen ab 12.–, Hauptgang mit Fleisch ab 36.–,
Rotwein ab 7.–/dl

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