ZIVILKLAGE: Alles dreht sich um einen HIV-Test

Einer Ärztin wird vorgeworfen, bei einer Patientin einen HIV-Test unterlassen zu haben. Der Ehemann und die Tochter einer verstorbenen Frau fordern Schadenersatz in Millionenhöhe.

Regula Weik
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Regula Weik

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@tagblatt.ch

Die Frau stirbt kurz nach der Entbindung. Der Ehemann steht mit dem Baby alleine da. Er steigt mit der Urne seiner Frau ins Flugzeug, reist nach Thailand und bestattet die Verstorbene in ihrer Heimat. Der Tod der Ehefrau treibt ihn bis heute um. Genauer ist es ein HIV-Test, der nicht gemacht wurde. Hätte das Leben der Frau gerettet werden können, wenn sie getestet worden wäre? Dreizehneinhalb Jahre sind seit ihrem Tod ins Land gezogen.

Der Ehemann und die Tochter der Verstorbenen werfen der behandelnden Ärztin vor, sie habe es unterlassen, während der Schwangerschaft einen HIV-Test durchzuführen. Dies sei damals schon medizinischer Standard gewesen. Die Ärztin habe die Sorgfaltspflicht verletzt. Die Frau war mit einem Blasensprung ins Spital eingeliefert worden. Dort war ein HIV-Schnelltest durchgeführt worden, der positiv ausfiel. Das Kind wurde darauf per Kaiserschnitt zur Welt gebracht; die Mutter starb wenige Tage später (Ausgabe vom 17. Dezember). Der Kläger und seine Ehefrau hätten zu Beginn der Schwangerschaft explizit auf einen HIV-Test verzichtet, hält die Ärztin dagegen. Taten sie dies, weil die Frau bereits in ihrer Heimat getestet worden war – mit negativem Ergebnis? Oder hatte gar nie ein solcher Test stattgefunden? All die Fragen rund um den HIV-Test – oder vielmehr um den nicht gemachten HIV-Test – sind strittig und beschäftigen seit Jahren die Gerichte. Gestern kam es zu einer erneuten Beweisverhandlung vor dem St. Galler Kantonsgericht. Und dabei zu einer Zeugenbefragung.

Der Zeuge war von der Ärztin ins Spiel gebracht worden. Er ist Facharzt und – nach dem Gang über mehrere Instanzen – vom Bundesgericht vom Berufsgeheimnis entbunden worden. Der Kläger hatte ihn nach dem Tod der Ehefrau aufgesucht. Um bei ihm einen HIV-Test machen zu lassen, wie es ihm die Ärzte des Spitals, in welchem seine Frau entbunden worden war, empfohlen hatten? Oder um sich von ihm über die Notwendigkeit eines HIV-Tests während der Schwangerschaft informieren zu lassen? Darüber waren sich der Zeuge und der Kläger gestern nicht einig. Es ist nicht der einzige umstrittene Punkt. Auseinander gehen auch ihre Aussagen, ob der Zeuge dem Kläger empfohlen hatte, einen Anwalt zu nehmen. Und ob er ihm namentlich einen Gutachter genannt hatte. Der Kläger habe ihm im Gespräch gesagt, die Ärztin hätte ihnen (den werdenden Eltern) einen HIV-Test empfohlen, doch sie hätten diesen abgelehnt, da die Ehefrau bereits in Thailand negativ getestet worden sei, so der Zeuge. Einige Jahre später habe ihn der Kläger nochmals angerufen. Dieses Telefon sei dann aber abrupt beendet worden.

«Da wird hintenherum etwas gemauschelt»

Er sei wütend gewesen, sagt der Kläger. Der Zeuge soll zu ihm gesagt haben: «Wer derart exorbitante Forderungen stellt, von dem wende ich mich ab.» Der Kläger und die Tochter fordern von der Ärztin Schadenersatz und Genugtuung in der Höhe von 1,6 Millionen Franken. Er habe dem Zeugen nie etwas von diesen Forderungen erzählt, doch da sei für ihn klar gewesen, «da wird hintenherum etwas gemauschelt», sagt der Kläger. Sein Anwalt zweifelt die Aussagen des Zeugen massiv an. Mit der Zeit vermischten sich die Erinnerungen – auch bei Ärzten. Der Facharzt sei zudem befangen und voreingenommen. So habe er in einem Brief ans Bundesgericht geschrieben: «Ich könnte es nicht ertragen, eine unschuldige Berufskollegin verurteilt zu sehen.» Im Briefwechsel war es um die Aufhebung seines Berufsgeheimnisses gegangen. Die Wurzel des Unheils, so der Anwalt, liege in der unterlassenen Kommunikation der Ärztin mit ihrer Patientin und deren Ehemann. Die Ärztin habe weder einen HIV-Test veranlasst noch einen «Beweis» für den angeblich in Thailand erfolgten Test verlangt.

Sie führe HIV-Tests nur mit dem Einverständnis der Patienten durch, sagt die beklagte Ärztin. Sie vertraue darauf, dass die Aussagen ihrer Patienten korrekt seien. Seine Mandantin habe nicht nachprüfen müssen, ob der Test gemacht worden sei, sagt auch ihr Verteidiger. Bei der Patientin seien keine Symptome einer Immunschwäche erkennbar gewesen. Es liege keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vor. Der Zeuge sei glaubwürdig; es gebe vielmehr Widersprüche in den Aussagen des Klägers. Das Urteil steht noch aus.