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«Sehr kurzsichtig»: Der Traum von einem Zeughaus der Gestaltung in St.Gallen ist ausgeträumt

In der Vorlage zur Gesamterneuerung des Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen wird die Schule für Gestaltung im Riethüsli konzentriert. Eine Auslagerung ins Zeughaus wurde verworfen, doch bleibt das Wunschobjekt für die Kultur ein Thema.
Marcel Elsener
Die Postkarte zur Idee: 2012 vom (inzwischen verstummten) Freundeskreis der Schule für Gestaltung gedruckt, kam sie nicht gross in Umlauf. (Bild: PD)

Die Postkarte zur Idee: 2012 vom (inzwischen verstummten) Freundeskreis der Schule für Gestaltung gedruckt, kam sie nicht gross in Umlauf. (Bild: PD)

Pinsel statt Panzer, Grafikcomputer statt Sturmgewehre, Designer statt Soldaten? Solche Fantasien hegten manche St. Galler vor fünf Jahren. Da wurde erstmals die Idee bekannt, das alte Zeughaus an der Kreuzbleiche für die Schule für Gestaltung zu nutzen. Als Provisorium oder gar langfristiger Standort für die gestalterische Bildung – dafür prüfte das kantonale Hochbauamt das Militärgebäude.

Ende 2012 lag ein Umbruch in der Luft, der Künstler Josef Felix Müller und sein Freundeskreis der Schule für Gestaltung organisierten einen Redeprotest: 150 Personen aus der regionalen Kultur und Kreativwirtschaft bekannten sich in der Lokremise für eine stärkere, eigenständigere Schule für Gestaltung. Diese könnte als einzige ihrer Art in der Ostschweiz ein «Leuchtturm» sein und die Textilhochburg St. Gallen wie einst ein «Mekka der Gestaltung» – so sie denn vereinheitlicht und aus dem Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen (GBS) herausgelöst werde.

Die Schule selber war in Aufruhr: Nach einem politischen Streit um die Vorkursgebühren und der Entlassung eines Abteilungsleiters versprach sich die Kulturlobby mit einem eigenen Standort eine bessere Zukunft. Ob sich eine Mehrheit für die Zeughaus-Idee gewinnen liesse, blieb zweifelhaft: Die Ausbaupläne der bürgerlichen Entscheidungsträger gälten klar der HSG und der FHS, für die stärkere SfG fehle wie schon früher der politische Wille. Prompt war die Antwort der Regierung auf einen SP-Vorstoss 2016 ernüchternd: Guter Standort, schönes Gebäude mit passenden Strukturen, hiess es grundsätzlich, aber eben: keine Alternative für die dortigen militärischen und polizeilichen Einrichtungen verfügbar. Zudem könne am bisherigen Standort Riethüsli die GBS-Infrastruktur besser genutzt werden.

Der Auszug des Militärs aus dem Zeughaus kommt sowieso

Eine verständliche Absage, doch in Kulturkreisen hielt sich ein Fünkchen Hoffnung. So wurde jüngst an Workshops für die städtische Kultur das Zeughaus mehrfach für die Gestaltung und Kunst ins Spiel gebracht. Und es ist kein Geheimnis, dass Militär und Zivilschutz mit ihren Lagern, Reparaturstätten und Büros nicht ewig im 1899 erbauten Zeughaus bleiben werden: Spätestens wenn der Kanton sein geplantes Sicherheitszentrum West baut, dürfte das Zeughaus für neue Nutzungen bereitstehen.

Nun liegt die Bauvorlage für die Gesamterneuerung der GBS vor, und sie scheint die Idee eines eigenen Standorts zu begraben. In der 111-Millionen-Vorlage ist von Alternativen für die Schule der Gestaltung mit keinem Wort die Rede – und vom Zeughaus schon gar nicht. Vielmehr bleibt die Gestaltung an ihrem Standort an der Demutstrasse verortet: Ihre bisherigen Schulräume für Grundbildung und Weiterbildung sowie die Lehrwerkstätten (Gestalter Fachklasse) sollen saniert werden. Zudem werden ihre gemieteten Räume im Schulhaus Bild aufgehoben: Die Steinbildhauer werden künftig im Riethüsli schaffen.

Die Gestaltung bleibt demnach räumlich und strukturell unter dem Dach der GBS-Zentrale, ihr Ruf nach Eigenständigkeit ist unerhört verhallt. Zwar wird unter den geprüften drei Varianten die «dauerhafte Auslagerung einer grossen Abteilung» genannt, doch wird die Idee lapidar verworfen: Die Auslagerung der – ungenannten – Abteilung «in eine andere kantonale Liegenschaft fiel im Auswahlprozess weg», heisst es, «da für diese Lösungsstrategie aktuell kein geeignetes Objekt zur Verfügung steht».

Die Schule für Gestaltung, die am meisten Raum beansprucht, wird laut Vorlage im 40-jährigen Altbau belassen. Im Neubau, einem «flexibel strukturierten Erweiterungstrakt», werden die spezialisierten Fachzimmer der Abteilungen Technik und Dienstleistung installiert.

Nach langer Planerei die Sanierung endlich an die Hand nehmen

Ist mit der Vorlage die Idee einer eigenständigen St. Galler Schule für Gestaltung gestorben? Welches Departement hat schliesslich die Oberhand gewonnen, der Bau oder die Bildung? Und welche Rolle haben das Militär und der Zivilschutz gespielt, die 2012/13 das Zeughaus kategorisch für sich reklamierten? Mit diesen Fragen tun sich alle Beteiligten schwer. «Zementiert ist damit noch nichts», sagt Kantonsbaumeister Werner Binotto und verweist auf Dominoeffekte und Rochaden bei der grossräumigen Planung von kantonalen Liegenschaften in den 2020er- und 30er-Jahren.

Eine Auslagerung der Gestaltung sei letztlich ein Bildungsentscheid, meint Bauchef Marc Mächler. Derweil schiebt Bildungschef Stefan Kölliker den Ball an die Bauleute zurück, die ihre Planungen vorantreiben wollten. Dass zeitweise eine Mehrheit der Regierung, sprich vier Regierungsräte, mit einer Gestalterschule im Zeughaus liebäugelten, will niemand bestätigen. Offiziell gab es von Regierungsseite tatsächlich nie eine Absichtserklärung für die Idee.

Auch die GBS-Leitung hütet sich, allfällige frühere Sympathien für das Zeughaus zu bestätigen. Rektor Lukas Reichle sagt:

«Die Bauvorlage ist das Ergebnis eines langen Prozesses, der vor zehn Jahren mit ersten Abklärungen zur Planung einer Sanierung des Hauptgebäudes an der Demutstrasse angefangen hat. Und der hat sich aus politischen Gründen – Moratorium Schulstandorte, Sparvorlagen – bis jetzt hingezogen.»

Die Schulleitung habe ihre Anliegen einbringen können und sei froh, «dass sich jetzt ein Horizont für eine zeitgemässe, klimafreundliche und nutzengerechte Sanierung auftut».

Den Einbezug der Steinmetz-Ateliers im Riethüsli wird bei der Schule für Gestaltung begrüsst. Oder in den Worten des Rektorats: «Die Verlagerung der Berufe und Angebote im dreidimensionalen Bereich vom Schulstandort Bild an den Standort Demutstrasse ermöglicht eine optimale Synergienutzung im gesamten Gestaltungsbereich, einen zusätzlichen Austausch unter Lernenden und Lehrenden der Schule für Gestaltung am GBS und eine Bündelung der Interessen und Kräfte, was dem Bestreben auch nach aussen wahrnehmbaren Kompetenzzentren entgegenkommt.»

Weniger der Austausch mit anderen Berufen, wohl aber die Bündelung wäre auch anderswo möglich. Bedauert die Schulleitung das Ende der Vision für das Zeughaus oder die Hauptpost? Beide Gebäude seien «sehr schöne und repräsentative Örtlichkeiten», meint Rektor Reichle. «Eine Nutzung derselben, die die Stadtentwicklung bestmöglich unterstützen würde, ist sicher wünschenswert und Bildung ein wichtiger Standortfaktor von St. Gallen.» Klarer will er nicht werden.

Mit Blick auf die Zukunft fragt sich Reichle allerdings, ob «das Lehren und Lernen zwingend an zentrale räumliche Voraussetzungen geknüpft sein wird». Praxisnahe Bildung werde «künftig verstärkt in Kooperationen an vielen verschiedenen (auch virtuellen) Orten stattfinden», und um mit der digitalen Entwicklung Schritt zu halten, müsse man «noch näher zum Kunden rücken».

Eine einzige kritische Stimme – und eine überraschende Aussage

Kritik an der Vorlage ist nicht zu vernehmen; die Kulturschaffenden, zumal jene mit Anstellung an der Schule, scheinen sich mit den Plänen arrangiert zu haben. Enttäuscht zeigt sich einzig Josef Felix Müller, der die Sanierung begrüsst, aber den «teuren Erneuerungsbau in einer landschaftlich schützenswerten Zone» hinterfragt. «Hier wären interessantere und günstigere Lösungen möglich», glaubt Müller und meint eine von Kreativen «seit Jahrzehnten geforderte eigenständige räumliche Lösung» für die Gestaltung. «Ich empfinde es als sehr kurzsichtig, wenn diese Option nicht ernsthaft diskutiert wird», sagt Müller. «Mitten in der Stadt hätten wir mit der Hauptpost oder dem alten Zeughaus wunderbare Alternativen für Schulungs- und Atelierräume. Es könnten enorme Kosten eingespart werden, und St. Gallen hätte die Chance, sich endlich zu einer kreativen Stadt mit Pfiff zu entwickeln.»

Die Option Zeughaus sei 2013 mit der zu frühen Bekanntmachung gestorben, sagen Beteiligte. Im Sicherheits- und Justizdepartement sei die Empörung gross gewesen, man habe die Diskussion verweigert. Umso verblüffender die Aussagen von Departementschef Fredy Fässler, der die Vorwürfe zurückweist. «Ich habe immer gesagt, dass ich Verständnis für die Idee habe, das Zeughaus aufgrund seiner Lage und Architektur für eine Bildungs- oder Kulturinstitution zur Verfügung zu stellen», erklärt Fässler. «Ich habe aber auch darauf hingewiesen, dass die Realisierung dieser Idee voraussetzen würde, dass dem Amt für Militär und Zivilschutz alternative Räume zur Verfügung gestellt werden müssten. Bis heute hat aber niemand ein ernsthaftes Interesse an der Liegenschaft Zeughaus gezeigt, sodass wir uns auch nicht auf die Suche nach alternativen Standorten gemacht haben. Es sind also nicht Militärvertreter, welche da blockieren oder verhindern.»

Wer sonst, fragt man sich und kann über verletzte Eitelkeiten und Machtspiele in der Verwaltung nur mutmassen. Vieles spricht dafür, dass die Bildungsverantwortlichen der Idee von Anfang wenig abgewinnen konnten; sie bevorzugen einen homogenen Campus. Tal der Demut statt St. Galler «Central Park» – es bleibt der Eindruck, dass niemand so recht an ein Zeughaus der Gestaltung glaubt(e). Trotzdem träumt die Kultur weiter vom Haus, im Ohr ein Song der Band Tocotronic, schon in vielen Kulturkasernen gespielt: «Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.»

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