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Ostschweizer Rennen um einen Bundesratssitz: Zerstört Würth die Träume Keller-Sutters?

Der St.Galler CVP-Regierungsrat Benedikt Würth wird als Nachfolger von Bundesrätin Doris Leuthard gehandelt. Würth könnte damit für den St.Galler Freisinn zum grossen Spielverderber werden.
Andri Rostetter
Familienmensch mit Festzelt-Eignung: Benedikt Würth. (Bild: Ralph Ribi)

Familienmensch mit Festzelt-Eignung: Benedikt Würth. (Bild: Ralph Ribi)

Lange wird sich Benedikt Würth nicht mehr verstecken können. Vielleicht noch Wochen, vielleicht nur Tage. Dann werden sich die Kameras auf ihn richten und er wird sich erklären müssen. Gut möglich, dass er sich noch ein letztes Mal in eine Wolke von Unverbindlichkeiten hüllt, irgendwo zwischen Kommentarverweigerung und Notlüge. So wie es jeder macht, der als Bundesratskandidat gehandelt wird. Wer früh vorprescht, wird früh angreifbar.

Seit Monaten wird in Bern darüber spekuliert, wann Doris Leuthard ihren Rücktritt bekannt gibt. Mindestens so lange ist die CVP daran, ihre Reihen nach geeigneten Nachfolgern zu durchforsten. Doch je näher der Termin rückt, desto mehr lichtet sich das Feld. Einer der aussichtsreichsten Kandidaten hat vergangene Woche das Handtuch geworfen: Konrad Graber, Luzerner Schwergewicht im Ständerat, kündigte das Ende seiner politischen Laufbahn an. Der nächste CVP-Bundesrat wird also nicht Graber heissen. Die übrigen Favoriten sind entweder bereits abgesprungen oder haben ein gewichtiges Handicap: Parteipräsident Gerhard Pfister nahm sich schon im Mai aus dem Rennen, Ständerat Pirmin Bischof hat als Solothurner die falsche Herkunft, der Bündner Ständerat Stefan Engler ist dem Bauskandal zu nahe gekommen. Die Basler Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter hat zu wenig Gewicht, die Walliserin Viola Amherd ist zu links – und über den Innerrhoder Daniel Fässler redet niemand.

Keller-Sutter und dann lange niemand

Jetzt steht plötzlich Benedikt Würth auf der Liste der potenziellen Nachfolger. Würth, der grundsolide Finanzdirektor, Typ Familienmensch mit Festzelt-Eignung, einer, den alle mögen. Ein Glücksfall für die gebeutelte CVP?

Würths Lebenslauf wirkt wie ein langer Anlauf für den ganz grossen Sprung. Zuerst HSG-Studium mit Nachdiplom in internationalem und europäischem Wirtschaftsrecht, dann Partei- und Fraktionssekretär, Bezirksparteipräsident, persönlicher Mitarbeiter des Finanzdirektors, Vizepräsident der Kantonalpartei, Gemeindepräsident, Kantonsrat, Stadtpräsident, Präsident der Ostschweizer Regierungskonferenz. Seit anderthalb Jahren ist er Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen. Höher geht es auf dieser Ebene nicht. Würth ist jetzt 50, die beiden Kinder im Teenager-Alter, ein idealer Zeitpunkt für einen Karriereschritt. Dass Würth in den Bundesrat will, bezweifelt niemand. Jede Äusserung wird mittlerweile als verkappte Ankündigung einer Kandidatur gelesen. «Würth wählt seine Worte mit so viel Bedacht, dass der Gedanke naheliegt, er strebe ein höheres Amt an», schrieb die «Weltwoche» kürzlich in einem mehrseitigen Porträt. Wer ihn direkt nach seinen Ambitionen fragt, bekommt immer die gleiche Antwort: «Es steht keine Wahl an. Es gibt darum auch nichts zu kommentieren.»

Solche Sätze hört man derzeit auch von einer anderen Ostschweizer Politikerin: Karin Keller-Sutter, St.Galler Ständerätin, Kühlerfigur des Schweizer Freisinns und nach wie vor mit guten Karten für die Nachfolge von Bundesrat Schneider-Ammann. Nach ihrer Niederlage bei den Bundesratswahlen 2010 verkündete die Wilerin zwar, es sei ihre erste und letzte Kandidatur gewesen. Doch seither ist viel passiert. Keller-Sutter wurde in den Ständerat gewählt, erarbeitete sich über Parteigrenzen hinweg Respekt, stieg zu einer der mächtigsten Figuren im Bundeshaus auf. In der Partei heisst es mittlerweile: KKS – und dann lange niemand.

Zusammenarbeit - aber keine Freundschaft

Doch mit dem Rückzug des CVP-Mannes Graber hat sich das Blatt überraschend gegen Keller-Sutter gewendet. Und seit in Bern mit dem 21. September ein mögliches Datum für Leuthards Demission herumgeboten wird, steigt die Nervosität der St. Galler FDP-Zentrale. Tritt nämlich Leuthard vor Schneider-Ammann zurück, müsste der St.Galler Freisinn allenfalls mitansehen, wie Würth in den Bundesrat einzieht. Damit wäre die Ostschweiz wieder in der Landesregierung vertreten, der Bundesratstraum des Ostschweizer Freisinns zerstört, der Weg für Keller-Sutter endgültig verbaut. Dass ausgerechnet Würth der FDP-Frau einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist nicht ohne Ironie. Keller-Sutter sass bereits acht Jahre in der St.Galler Regierung, als der damals 42-jährige Würth im November 2010 gewählt wurde – wenige Wochen nach Keller-Sutters Nichtwahl in den Bundesrat.

Würth und Keller-Sutter sassen nicht lange gemeinsam in der Regierung. Dass aus der Zusammenarbeit keine Freundschaft wurde, hat aber andere Gründe. Politisch stehen sich Würth und Keller-Sutter zwar näher, auf der persönlichen Ebene hat die Wilerin aber den deutlich besseren Draht zu ihrem linken St.Galler Ratskollegen Paul Rechsteiner. Keller-Sutter und Rechsteiner sind kühle Strategen, unbeugsame Perfektionisten, in der öffentlichen Wahrnehmung eher unnahbar, reserviert. Würth dagegen ist ein Instinktpolitiker, kein jovialer Schulterklopfer zwar, aber gmögig und querbeet beliebt. Ein patenter Kerl, der bei jeder Fraktion am Stammtisch willkommen ist. Ob er das Format für den Bundesrat hat, wird aber da und dort bezweifelt. Ein «geschmeidiger Verwalter» sei er, keine prägende Figur, zu defensiv, zu langsam, zu wenig zupackend. Einer, der bei Prestigeprojekten gern vorne mitmische, das trockene politische Tagesgeschäft aber gern anderen überlasse, sagen seine Kritiker.

Die grossen Würfe blieben aus

Würths bislang grösster Erfolg war die Fusion von Rapperswil und Jona im Jahr 2007. Er trat 2000 als Gemeindeammann von Jona an und ging 2011 als Stadtpräsident von Rapperswil-Jona. Ansonsten blieben die grossen Würfe aus. Insbesondere der Freisinn hat es Würth bis heute nicht verziehen, dass er als Volkswirtschaftsdirektor den Ostschweizer Innovationspark in den Sand gesetzt hat. Zwei Dossiers hatte Würths Departement in Bern eingereicht, beide wurden vom Bund zerzaust. Würth habe sich zu wenig dafür interessiert, zu wenig dafür eingesetzt, hiess es damals. Würth war es auch, der an vorderster Front für eine Expo in der Ostschweiz weibelte. Aus Sicht seiner Kritiker auch hier mit zu wenig Herzblut. Das Volk schickte die Pläne bachab. In der Verkehrspolitik stand Würth lange auf der Bremse – so lange, bis ausgerechnet Keller-Sutter und Rechsteiner das Heft in die Hand nahmen und aus dem Bundeshaus heraus den Ostschweizer Bahnausbau vorantrieben. Und in seiner Zeit als Stadtpräsident von Rapperswil-Jona setzte Würth alle Hebel für eine Musical-Bühne am See mit 2500 Plätzen in Bewegung, gegen den Widerstand der Umweltverbände, gegen die Zweifel des Kantons. Auch dieses Projekt scheiterte.

Zum Erstaunen von Freund und Feind stand Würth nie als grosser Verlierer da.

Die Niederlagen perlten an ihm ab, die üblichen Schlappen halt, politischer courant normal. Man verzeiht Würth rasch und viel. Sogar seine Gegner hüten sich vor zu scharfen Tiraden gegen den CVP-Mann, kaum je greift jemand Würth direkt an. Wohl auch aus Rücksicht auf die eigenen Wahlchancen: Wer einen beliebten Politiker angreift, macht sich selber unbeliebt. Schon bei den Regierungswahlen 2012 erzielte Würth das drittbeste Resultat, vier Jahre später überflügelte er alle.

In der CVP gibt es deshalb Stimmen, die sich wenig euphorisch über eine allfällige Bundesratskandidatur Würths äussern. Für die eidgenössischen Wahlen 2019 benötigen die St.Galler Christlichdemokraten dringend ein politisches Schwergewicht, um den an die SP verlorenen Ständeratssitz zurückzugewinnen. In der Partei ist man sich einig, dass Würth mit Abstand der aussichtsreichste Kandidat wäre.

Die Saftwurzel und der Kleiderschrank

Jetzt wird Würth aber als Bundesratskandidat gehandelt. Würde er gewählt, wäre es das dritte Siebnergremium in seinem Leben – Würth wurde 1968 als jüngstes von sieben Kindern geboren. Sein Vater war damals schon zehn Jahre Gemeindepräsident von Mörschwil, eine autoritäre Saftwurzel, im Dorf «Kaiser Franz» genannt. Das Autoritäre geht dem jüngsten Sohn ab, doch das Saftwurzelhafte hat er von seinem Vater geerbt: Benedikt Würth hat das seltene Talent, eine umgänglich-volksnahe Lockerheit mit magistraler Ausstrahlung zu verbinden. Dabei kommen ihm seine sonore Bassstimme und seine Statur entgegen, die je nach Bankett-Frequenz zwischen kräftig und massig schwankt. Böse Zungen behaupten, der grösste Gegenstand in Würths Haus sei sein Kleiderschrank: Wegen seiner Gewichtsschwankungen benötige er Garderoben in mehreren Grössen. Wäre die äussere Erscheinung das alleinige Kriterium für den Bundesrat, Würth wäre so gut wie gewählt.

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