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Zehn statt zehntausend Franken: St.Galler Teppichhändler liquidiert seine Schätze

Der St.Galler Teppichhändler Nurtaç Kutlu gibt nach über 40 Jahren sein Geschäft auf. Mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge blickt der 77-Jährige auf sein Leben zurück.

Fabio Fornito
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Überall Teppiche: Aufgerollt und nummeriert, aufgehängt an den Wänden und im Schaufenster, gestapelt im ganzen Raum verteilt. Wolle und Seide dominieren das kleine Geschäft, unterbrochen nur von vier Stühlen, einem Holztisch und dem Mann, der diesen Raum seit über 40 Jahren sein eigen nennt. Mit kleinen Schritten und behäbigem Gang schlurft Teppichhändler Nurtaç Kutlu durch den Raum, betrachtet die gewobenen und geknüpften Kunstwerke, als wäre es zum letzten Mal. Dann lässt er sich auf seinen Stuhl fallen.

Es könnte durchaus das letzte Mal gewesen sein. Denn Kutlu muss schweren Herzens seinen anatolischen Teppichhandel auflösen. Seine Gesundheit lasse ihm keine andere Wahl. Seine Gehilfin bringt dem 77-jährigen Kutlu ein goldenes Feuerzeug und er zündet damit seine Pfeife an. Der schwere Rauch überdeckt schnell den leicht muffigen Geruch der Teppiche und derer Geschichte. Die Ladentür geht auf: Käufer.

Antatolische Teppiche mit einem Wert von tausenden von Franken werden verkauft.

Antatolische Teppiche mit einem Wert von tausenden von Franken werden verkauft.

Bild: Fabio Fornito

«Keine Frau ist so schön, wie ein handgeknüpfter Teppich»

Das Gefühl, Wolle zu berühren. Nicht als Wolle selbst. Gestaltet und geknüpft zu einem Kunstwerk. Und sie dann tief ins Herz schliessen: Die Teppiche seien ein Leben für sich, sagt Kutlu. Ein Leben in dem er sich ausserordentlich wohl fühle. «Keine Frau ist so schön, wie ein handgeknüpfter Teppich.» Kutlus Augen glänzen und er muss sich kurz räuspern. «Frauen sind natürlich auch schön», fügt er dann mit einem Schmunzeln an. Die Käufer haben mittlerweile ihre reservierten Teppiche bekommen. Nun beginnt der Tanz des Geldes.

Nachdem der in der Türkei geborene Kutlu 1974 sein Studium an der Universität St. Gallen abschloss, entschied er, selbstständig zu werden. Er habe sowohl das Interesse, als auch die nötigen Kontakte für ein Teppichgeschäft gehabt. Eine Idee war geboren. Das grosse Geld habe er damit nie gemacht – trotz verkauften Teppichen im Wert von bis zu 135’000 Franken. Als Liebhaber sei es aber die richtige Entscheidung gewesen. Auf das in der Türkei übliche Handeln geht Kutlu normalerweise nicht ein. Es gehöre nicht zur Schweizer Kultur. Doch heute ist das im Teppichladen anders. Die Käufer, ein älteres Ehepaar, erhalten die Teppiche schliesslich zu einem Bruchteil des Originalpreises. Kutlus Gehilfin will intervenieren. Kutlu winkt ab. «Hauptsache verkauft.»

Gibt sein Geschäft auf: Der 77-jährige Teppichhändler Nurtaç Kutlu.

Gibt sein Geschäft auf: Der 77-jährige Teppichhändler Nurtaç Kutlu.

Bild: Raphael Rohner

Anatolische Teppiche für Kunden aus der ganzen Welt

Als er sein Geschäft vor 41 Jahren eröffnete, gab es in St. Gallen keinen Markt für teure Teppiche; vielerorts wurde ihm eine rasche Pleite vorausgesagt. Dies stachelte Kutlu jedoch nur zusätzlich an. Mit der richtigen Marketingstrategie sei schliesslich alles möglich. Dies hat der Teppichhändler in den letzten Jahrzehnten grösstenteils erfolgreich bewiesen.

Vier Jahrzehnte lang hat Kutlu gehandelt, verhandelt und verkauft. Kaum etwas sei schöner, als ein wollenes Kunstwerk zu kreieren. Ein Kunstwerk, dass nicht nur in St. Gallen Gehör fand, sondern Menschen aus der ganzen Welt anlockte. «Ich hatte Kunden aus Deutschland, Österreich, England und sogar der USA», so Kutlu. Er lebe für seine Teppiche.

Rund 300 Teppiche stehen im Teppichladen zum Verkauf.

Rund 300 Teppiche stehen im Teppichladen zum Verkauf.

Bild: Fabio Fornito

Teppichliquidation auf Onlineauktionsplattform

Nun muss er seine Schätze liquidieren. Was nicht im Laden selbst verkauft wird, für einen Viertel des ehemaligen Ladenpreises, landet über die Liquidationsfirma Fuchs auf der Onlineauktionsplattform Ricardo. Teppiche im Wert bis zu 20’000 Franken werden – nach aktuellen Höchstgeboten – für 12 Franken über den digitalen Ladentisch gehen. Kutlu schüttelt den Kopf: «Es tut natürlich weh. Im Namen der Teppichkunst kann ich nur weinen. Doch was bleibt mir anderes übrig: Die Teppiche müssten schliesslich alle weg.» Er hofft auf seine Konkurrenz aus vergangenen Zeiten: «Wer was von Teppichen versteht, bezahlt auch einen fairen Preis.»

In seiner gut 40 Jahre langen Karriere sind Kutlu beim Anblick seiner Teppiche so einige Gedanken durch den Kopf gegeistert. Oftmals waren es Glück und Zufriedenheit, zuletzt aber Wehmut und Trauer. Vor kurzem seien ihm dabei sogar die Tränen gekommen:

«Es ist, als würde man ein Kind verlieren.»

Gerne hätte er die Schätze weitergepflegt, wäre er doch nur ein wenig jünger. «C’est la vie», meint der Mann aus Anatolien. Kutlu hofft, dass die Teppiche Orte finden, an denen sie willkommen sind und Ruhe und Schönheit ausstrahlen können. Die Faszination für die anatolischen Teppiche sei in den letzten Generationen aber rapide gesunken. 

Der Teppichhändler steht vor dem Ende seines Berufslebens. Nun bliebt ihm nur noch die Liquidiation.

Der Teppichhändler steht vor dem Ende seines Berufslebens. Nun bliebt ihm nur noch die Liquidiation.

Bild: Fabio Fornito

Auch liessen sich viele Schweizer lieber in Ferienstimmung auf türkischen Basaren über den Tisch ziehen, als in der Schweiz geprüfte Ware zu kaufen, so Kutlu. Er wird es wissen: Viele Ferienrückkehrer liessen ihre vermeintlich wertvolle Ware in seinem Geschäft prüfen, nur um zu erfahren, dass sie tausende Franken verschwendet haben. Dies ist Kutlu ein Dorn im Auge: «Dadurch wird der Ruf aller Teppiche ungerechtfertigt in Frage gestellt. Sie sind keine Kapitalanlagen, sondern eine Sache für Liebhaber.»

Türkische Geschichte statt anatolischen Teppichen

Für seine Zukunft lässt er vieles offen; ob er zurück in seine Heimat ziehen möchte? «Meine Heimat ist hier», entgegnet Kutlu. Dem Reisen ist der verheiratete Anatole aber nicht abgeneigt. Ausserdem will er mehr lesen. Besonders die Geschichte der Türkei und das Osmanische Reich haben es ihm angetan.

«C'est la vie», Nurtaç Kutlu ist zuversichtlich, dass all seine Schätze in gute Hände kommen.

«C'est la vie», Nurtaç Kutlu ist zuversichtlich, dass all seine Schätze in gute Hände kommen.

Bild: Raphael Rohner

Zurück in der Gegenwart ist das Geschäft von Gesprächen auf Türkisch erfüllt. Kutlus Gehilfin packt die Teppiche auf einen Vorsprung, der Mann des türkischen Pärchens zückt eine Tausendernote und übergibt sie Teppichhändler Kutlu. Das Geschäft ist vollendet. Das Ehepaar will die Teppiche erst später mit dem Auto abholen. Kutlu bleibt also noch etwas Zeit, um sich von seinen Schätzen zu verabschieden.

Die Ladentür geht wieder auf, das Käufer-Ehepaar geht nun den anderen Weg. Die gekauften Teppiche sollen ein Geschenk für die Kinder werden. Kutlu verabschiedet sie, die Gedanken gemischt. Drei weitere seiner Schätze, die nun anderswo glücklich werden sollen. Bleiben noch etwa 300 übrig.

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