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«Zärtlich sollte er sein»: Mit der Schatzkiste hat Rorschach jetzt eine Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung

Ramona Vock, 54, wünscht sich eine Liebesbeziehung. Joshua Rothenhäusler, 24, sucht eine Freundschaft. Beide sind bei der Schatzkiste Rorschach registriert, einer Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung.
Katharina Brenner
Ramona Vock und Joshua Rothenhäusler haben sich bei der Schatzkiste Rorschach, einer Partnervermittlung für Menschen mit Beeinträchtigung, angemeldet. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ramona Vock und Joshua Rothenhäusler haben sich bei der Schatzkiste Rorschach, einer Partnervermittlung für Menschen mit Beeinträchtigung, angemeldet. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Manche Männer wollen keine Frau, sondern eine Vorzeigepuppe», sagt Ramona Vock. Sie hat in den letzten Jahren einige Männer kennen gelernt. «Bei den meisten habe ich mich nicht wohl gefühlt. Einem war ich zu hässlich, einem anderen zu dumm.» Vock hatte über eine professionelle Partnervermittlung gesucht und 1000 Franken dafür bezahlt. «Mein Beistand war so nett, das zu unterstützen.» Seit fünf Jahren arbeitet sie beim HPV Rorschach, einer Institution mit Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnplätzen für Menschen mit Beeinträchtigung. Sie fertigt Gehäuse für Lippenstifte an, versendet Briefe, macht Hefte.

Ramona Vock: «Manche Männer wollen keine Frau, sondern eine Vorzeigepuppe.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Ramona Vock: «Manche Männer wollen keine Frau, sondern eine Vorzeigepuppe.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Ramona Vock, 54, wohnt selbstständig in einer Wohnung in Rorschach, unterstützt vom HPV. «Ich hatte in meinem Leben immer wieder psychische Probleme. Ich mache alles ein bisschen langsamer als andere.» Gerade geht es ihr gut. Vor zwei Jahren hörte sie von der Schatzkiste Zürich, einer Partnervermittlung für Menschen mit Beeinträchtigung. «Ich muss sehen, ob ich mit der Behinderung des Partners überfordert bin. Aber alle sind ehrlich. Und es passt besser als mit Akademikern.» Einmal hatte Vock Erfolg. Vier Monate war sie mit einem Mann aus Frauenfeld zusammen, am Ende passte es doch nicht. Zwei andere Vorschläge lehnte sie ab.

Mit 20 wegen eines Mannes in die Schweiz gekommen

«Ich wünsche mir jemanden, mit dem ich mich gut verstehe. Zu dem ich gehen kann, wenn ich Sorgen habe, der zu mir kommt, wenn er Sorgen hat. Und natürlich ist da die Liebe. Zärtlich sollte er sein.» Und ehrlich. «Mein Ex-Mann hat mich angelogen. Das war nicht schön.» Seit 19 Jahren ist Ramona Vock geschieden. Aufgewachsen in Bayern, verliebte sie sich als junge Frau in einen Mann aus Kriens, zog zu ihm, heiratete, wurde Schweizerin. Als sie 24 war, kam ihr Sohn zur Welt. Weihnachten feiert sie mal mit ihm, mal mit Kollegen vom HPV. Vocks grosser Wunsch: Weihnachten dieses Jahr mit Partner zu feiern.

Auf der Suche nach einer Freundschaft

Joshua Rothenhäusler: «Ich suche jemanden, der humorvoll ist.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Joshua Rothenhäusler: «Ich suche jemanden, der humorvoll ist.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Von Rorschach nach Zürich zu fahren, war für Joshua Rothenhäusler zu umständlich. Er freut sich, dass es das Angebot der Schatzkiste jetzt auch an seinem Wohnort gibt. Die Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung vermittelt vor allem Personen auf der Suche nach einer Beziehung. Sie vermittelt aber auch Freunde. Ein Freund ist, was Joshua Rothenhäusler sucht. «Jemand, der Fussball mag, und mit dem ich gemeinsam Matches anschauen kann.» Jemand, der humorvoll und verständnisvoll sei. «Jemand, mit dem ich an Konzerte gehen kann.» Am liebsten Hardrock. «Oder jemand, mit dem ich mal einen Spaziergang machen kann.» Alter und Geschlecht seien nicht so wichtig. «Männer mögen Fussball meistens lieber als Frauen.»

Die Räder von Rothenhäuslers Rollstuhl leuchten gelb. Darauf steht in Schwarz: BVB 09. Kurze Wege kann er auch zu Fuss gehen, etwa vom einen Gebäude des HPV Rorschach zum anderen. Der Weg zu seiner Wohngruppe auf der anderen Seite der Gleise wäre allerdings zu weit. Rothenhäusler kam mit Spina Bifida zur Welt, einer Fehlbildung des Zentralnervensystems. Aufgewachsen ist er in Berneck. Seit fünf Jahren arbeitet er beim HPV, macht Verpackungs- und Versandarbeiten. Gerne würde er in den ersten Arbeitsmarkt wechseln, am liebsten in den Verkauf.

Sein Tattoo warnt ihn vor Erwartungen

Ein Gespräch mit den Verantwortlichen der Schatzkiste Rorschach hatte er bereits. Sie kennen seine Wünsche. Jetzt wartet Rothenhäusler auf einen Vorschlag. Auf dem rechten Unterarm trägt er ein Tattoo: «Habe Hoffnungen, aber niemals Erwartungen. Dann ­erlebst du vielleicht Wunder, aber ­niemals Enttäuschungen.»

Partnersuche mit Beeinträchtigungen

Seit Juni bietet die Schatzkiste Rorschach eine Partnervermittlung für Menschen mit Beeinträchtigung an. Nach Zürich und Zetzwil ist es das dritte Angebot dieser Art in der Schweiz; der Verein hat auch Ableger in Deutschland und einen in Österreich. 90 Prozent der Interessenten suchen eine Beziehung, sagt Manuela Breu. Sie leitet die Fachstelle Selbstvertretung beim HPV Rorschach, einer Institution mit Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnplätzen für Menschen mit Beeinträchtigung. Bisher seien nur Anfragen von Heterosexuellen eingegangen, die Schatzkiste sei aber auch offen für andere sexuelle Orientierungen.

Allfällige Kritik spricht Breu von sich aus an: «Das gesellschaftliche Ziel ist Inklusion. Warum also eine Partnervermittlung extra für Menschen mit Beeinträchtigung?» Breu schiebt die Antwort gleich nach: «Weil es für sie schwierig ist, jemanden ausserhalb von Einrichtungen kennen zu lernen. Und weil das Verständnis grösser ist.»

Interessierte aus der Ostschweiz mussten bislang nach Zürich. «Optimal war das nicht, weil die meisten jemanden aus der Nähe kennen lernen wollen», sagt Micha Seiler von der Schatzkiste Zürich. Seit der Gründung vor drei Jahren haben sich 200 Personen registriert. Für einige sei es das erste Date gewesen, das sie je hatten. Einige Paare seien seit Längerem glücklich zusammen. Die Anmeldung bei der Schatzkiste kostet zehn Franken. «Das ist symbolisch», sagt Breu. Für die Finanzierung sei man im Gespräch mit Stiftungen.

Wer sich anmeldet, wird von Breu oder einem Teammitglied zum Gespräch eingeladen. Sie tragen Wünsche und Interessen, einen kurzen Lebenslauf und ein Foto in eine Datenbank ein. Passen zwei Personen zusammen, erhalten beide einen Brief. Sie haben dann zwei Wochen Zeit, um abzusagen oder einem ersten Treffen zuzustimmen. Ab 100 Anmeldungen könne man gut vermitteln, so Breu. Rund 20 Anmeldungen seien es bisher, laufend kommen neue dazu. «Bald können wir die ersten Briefe versenden.» (kbr)

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