Yucatán – das trügerische Paradies

Ariadna Arce wirbt für Schokolade aus Mexiko. Javier Diaz ist vor der Krise in Spanien geflüchtet, und die kleine Lola arbeitet noch um Mitternacht: Alle drei leben im mexikanischen Teil der Halbinsel Yucatán, wo der Massentourismus auf die Spuren einer alten Hochkultur trifft.

Chris Gilb
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An der gleichen Strasse wie die Fabrik liegt das Hotel, in dem Jesus Casanova arbeitet.

An der gleichen Strasse wie die Fabrik liegt das Hotel, in dem Jesus Casanova arbeitet.

Mérida an einem warmen Sonntagabend; ein Teil der Plaza Grande, des grossen Platzes im Herzen der Stadt, verwandelt sich zu einer Tanzfläche. Jung und Alt bewegt sich gemeinsam zur vielseitigen Musik des Bundesstaates Yucatán, die sowohl von spanischen, indigenen wie auch karibischen Einflüssen geprägt ist. Mérida ist dessen Hauptstadt. Yucatán ist einer von drei mexikanischen Bundesstaaten auf der gleichnamigen Halbinsel. Die anderen heissen Campeche, mit der gleichnamigen Hauptstadt, und Quintana Roo, mit der Hauptstadt Chetumal. Alle drei haben denselben kulturellen Hintergrund: das Volk der Maya. Die gesamte Halbinsel, die nebst einem Teil von Mexiko auch Teile von Belize und Guatemala umfasst, ist übersät mit Ruinen – Überbleibsel der einstigen Hochkultur. Vier Millionen Einwohner zählt der mexikanische Teil der Halbinsel.

Wer die Widersprüche Mexikos besser verstehen will, für den ist eine Reise durch den Norden der Halbinsel ein guter Anfang. Er stösst dort auf bittere Armut, Auswüchse des Massentourismus, auf Aussteiger und Glückssucher. Aber er trifft auch auf eine phantastische Kultur und Natur – und auf umtriebige Einheimische. Eine davon ist Ariadna Arce. Die 40-Jährige führt Besucher durch die Schokoladenfabrik der Cooperativa Cacao (Kakao-Genossenschaft). Die Fabrik ist in einem kleinen roten Steinhaus in Valladolid untergebracht, einer verschlafenen Kolonialstadt im Landesinneren von Yucatán.

In der Cooperativa werden die Bauern im Voraus bezahlt

Ariadna Arce macht sich Gedanken zu ihrer Heimat und will einen Beitrag zur Bewahrung der Kultur leisten. «In der Schweiz gibt es gute Schokolade, aber die ursprüngliche Schokolade wurde von den Völkern im heutigen Mexiko hergestellt», sagt sie. Drei Frauen produzieren in der Fabrik in klassischem Stil: Sie stellen die Schokolade mit Wasser statt Milch her und sie verwenden Holzwerkzeuge statt industrielle Maschinen. Die fertige Schokolade wird in Form von kleinen Kugeln in verschiedenen Sorten verkauft, auch mit Tequila-Geschmack. Die Führung durch die Fabrik mit integriertem Museum ist gratis. Die Genossenschaft will damit den Bekanntheitsgrad der Schokolade fördern, was nicht einfach ist. «Die grossen Unternehmen produzieren fast keine Schokolade mehr in Mexiko, es ist ihnen zu teuer geworden. Viele bevorzugen inzwischen Afrika», sagt Arce. Angebaut wird der Kakao, der in Valladolid verarbeitet wird, im Inneren des Landes, nahe Mexiko-Stadt. Das Nachhaltigkeitsprinzip der Kooperative, für das sie auch zertifiziert wurde, besteht unter anderem darin, die Campesinos, die Bauern, im Voraus für die Ernte zu bezahlen. Das hat seinen Preis: Ein Beutel mit Schokoladenbohnen kostet rund sieben Franken – Luxus für mexikanische Verhältnisse. «Bei den grossen Firmen werden die Bauern im Nachhinein pro Kilogramm bezahlt. Um überhaupt anbauen und ernten zu können, müssen sie sich oft verschulden, und dann erhalten sie meist nur drei, vier Pesos pro Kilo», erzählt Arce. Vier Pesos sind knapp 20 Rappen.

Dreimal wurde ihm aufgelauert, und sein Lohn war weg

Mit seinem Monatslohn könnte sich Jesus Casanova gerade einmal gut 30 Packungen der fairen Schokolade leisten, jedoch keine eigene Existenz für sich aufbauen. Alleine eine Single-Wohnung in Valladolid koste in etwa das, was er monatlich verdiene. Der 21-Jährige, der in einem Hostel in Valladolid arbeitet, bewohnt zur Untermiete ein kleines Zimmer im Haus seines Onkels. Seine Schicht geht von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Er arbeitet als «Mädchen für alles» – nimmt Gäste in Empfang, jätet Unkraut und reinigt den Pool. Ursprünglich stammt er aus der Partystadt Cancún, seine Eltern betreiben dort ein kleines Kleidergeschäft. Seine berufliche Leidenschaft aber ist eine andere: «Tourismus ist mein Leben. Ich liebe es, die vielen Sprachen um mich herum zu hören und auf unterschiedliche Kulturen zu treffen.» Sein Traum ist es, irgendwann wieder in einem der grossen Hotels an der Riviera Maya, der Karibikküste Yucatáns, zu arbeiten. Allein die 150 Hotels in Cancún beherbergen rund vier Millionen Touristen pro Jahr, die überwiegende Mehrheit davon kommt aus den USA und Kanada. Doch hat Casanova auch schon die Schattenseite dieser schillernden Küste erlebt, wo bittere Armut auf zur Schau gestellten Reichtum trifft. Die Kriminalität ist eine Folge davon. «Ich habe einmal in einem Hotel in Tulum ausgeholfen. Der Lohn wurde wöchentlich bar ausbezahlt. Dreimal wurde mir danach aufgelauert, dreimal war der Lohn weg!»

Der 40jährige Javier Diaz aus Málaga arbeitet an der Riviera Maya in einem unter Rucksacktouristen beliebten Hostel in Playa del Carmen. Für seine Arbeit erhält er kostenlos Logis und ein kleines Handgeld. Er sieht müde aus an diesem Morgen. «Es ist immer das Gleiche, die Hotelgäste wollen mit dem coolen Typen, der es ins Paradies geschafft hat, Party machen. Sie spendieren mir Getränke, obwohl ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, und wollen dafür, dass ich ihnen die beste Location in der Stadt zeige.» Zu feiern oder zu shoppen ist in Playa del Carmen kein Problem. Die Promenaden hinter dem prächtigen Sandstrand wimmeln von Shoppingcentern, Grossraumdiscos und italienischen Restaurants. Ursprünglich ist Diaz wegen der Wirtschaftskrise in Spanien nach Mexiko ausgewandert. «Ich habe in einer Fabrik gearbeitet, dann kam die Massenentlassung. Englisch, um im Norden arbeiten zu können, spreche ich nicht, also bleiben mir nur die spanischsprachigen Länder.» Der Vorteil von Mexiko sei, dass das Touristenvisum, wie in vielen anderen Ländern, nicht nur 90 Tage gelte, sondern problemlos auch für sechs Monate ausgestellt werde. Danach wechsle er kurz das Land und beantrage wieder ein neues.

Touristen würden ihn im Hotel immer mal auch nach Drogen fragen, erzählt Diaz, doch die Verkäufer müssten sie schon selbst finden. Er habe mit diesem Geschäft nichts am Hut. Es ist nicht schwer, die Dealer zu finden. An jeder Strassenecke auf der Touristenmeile flüstert es gedämpft: «Coca, Gras, was immer du brauchst, my friend.»

Einheimische profitieren nur bedingt vom neuen Weltwunder

Auch Lola arbeitet in Playa del Carmen. Das neunjährige Indiomädchen verkauft die halbe Nacht selbstgeknüpfte Bänder für zehn Pesos pro Stück in den Touristenrestaurants. Ihre Mutter macht in einiger Entfernung das Gleiche, Lolas kleinen Bruder trägt sie auf den Schultern. Ob sie schon einmal in der Schule war? «Nein, ich muss arbeiten», antwortet Lola. Laut mexikanischen Behörden sind im Bundesstaat Quintana Roo, zu dem Playa del Carmen gehört, rund sieben Prozent aller Kinder arbeitstätig. Seit einigen Jahren versucht die Regierung, diesem Problem mit verschiedenen Programmen entgegenzuwirken. Während Lola Bändel verkauft, verkaufen andere Kinder Modelle von Maya-Ruinen aus Plastik. Die berühmteste auf Yucatán heisst Chichén Itzá. «Seit diese Ruine zu einem der neuen sieben Weltwunder bestimmt wurde, können wir uns vor Touristen kaum retten», erzählt Oscar Gonzaléz, angehender Assistenzprofessor für Anthropologie in Mérida. Bevor er seinen Job antreten kann, muss er sich ein halbes Jahr ehrenamtlich für die Bewahrung der Maya-Kultur einsetzen. Er macht dies, indem er auf der Strasse Flyer für kulturelle Informationsveranstaltungen verteilt. Wie alle Bewohner Yucatáns nimmt er sich Zeit und klärt gerne über Entwicklungen in seiner Heimat auf. «Als die <Weltwunder-Touristen> kamen, waren auch die Libanesen und indirekt die Chinesen zur Stelle. Die Libanesen sind gewiefte Händler, die Chinesen verstehen sich aufs Kopieren.» Wie das Geschäft funktioniert? Die Libanesen würden die Waren bei den Chinesen in Auftrag geben und liessen diese dann später von Mexikanern auf den Strassen verkaufen, um den Touristen Echtheit vorzugaukeln, sagt Oscar Gonzaléz. «Unsere echten Textilprodukte enthalten dagegen alle Henequen.» Erst die Verwendung dieser Faserpflanze mache die Qualität der lokalen Produkte aus. Von den synthetischen Nachahmungen aus China würden die Touristen schwitzen und von den schweren falschen Hüten bekämen sie nur Kopfschmerzen. Auch in Mérida gibt es einige Kooperativen, die Maya-Produkte verkaufen. Bis zu 40 Prozent des Verkaufserlöses geben sie an die Bauern weiter.

Handwerk wird von Generation zu Generation weitergegeben

Einer, der selbst produziert, was er verkauft, ist Manuel Garcia. Sein Stand liegt auf dem Gebiet der Ruinen von Chichén Itzá, in der Nähe eines Cenote. Die ganze Halbinsel ist mit diesen Kalksteinlöchern, die mit Süsswasser gefüllt sind, übersät. Wissenschafter glauben, dass die Entstehung der für die Maya heiligen Gewässer mit dem Meteoriten Chicxulub zusammenhängt. Dieser Meteorit, der wahrscheinlich das Zeitalter der Dinosaurier beendete, soll auf der Halbinsel eingeschlagen sein. Während das Cenote in Chichén Itzá nur von oben zu bewundern ist, sind andere zugänglich und bieten in der sommerlichen Hitze Abkühlung. Auch sind sie prädestiniert für Taucher und Schnorchler. Garcia verkauft traditionelle Maya-Masken aus Holz, rund fünfeinhalb Stunden braucht er, um eine kleinere zu schnitzen und zu bemalen. «Ich habe das Handwerk von meinem Grossvater gelernt. Die Farben, die ich verwende, finden sich auch in den Ruinen. Schon die Maya haben diese eingesetzt, und das Holz stammt aus den hiesigen Wäldern.» Wenn Touristen, die sich das Cenote ansehen wollen, vorbeischlendern, steht Manuel, wie alle anderen Händler, auf und ruft in gebrochenem Englisch: «Best price!» Wer Spanisch kann, dem wird der vermeintlich halbe Preis geboten.

Unesco-Auszeichnung führt zum Ausverkauf

Auch Manuel stammt aus Mérida, der Stadt, die 2017 zum zweiten Mal Kulturhauptstadt Amerikas wird. In einer Show vor der Kathedrale wird die Bevölkerung an einem Juliwochenende auf die bevorstehenden Veranstaltungen im Rahmen dieser Auszeichnung eingestimmt, während auf dem grossen Markt dahinter kulinarische Delikatessen aus Yucatán feilgeboten werden, wie Panuchos, mit schwarzen Bohnen, Pouletfleisch, Zwiebeln, Tomaten, Lauch und Avocados gefüllte Tortillas. Südlich von Mérida, am Golf von Mexiko, wo das Wasser trüber als an der Karibikküste Yucatáns ist, liegt Campeche. Die Stadt mit Uferpromenade besticht durch kolonialen Reiz und eine bewegte Geschichte. Mehrfach war sie Schauplatz von Piratenangriffen. Die Altstadt ist deswegen von einem dicken Wall umgeben, der gut erhalten ist. 1999 wurde sie zum Weltkulturerbe erklärt. Die Altstadt besteht aus engen Gassen und sehenswerten farbigen Häusern. Augenfällig ist jedoch, dass an vielen Häusern und Geschäften ein «Zu vermieten»- oder «Zu verkaufen»-Schild hängt. Nach Meinung von Stadtführer Alberto Gutiérrez hat dies mit der Unesco zu tun. «Viele Bewohner versuchen notgedrungen, ihre Häuser bei geschlossenen Türen zu renovieren, denn wenn sie jemand anzeigt, müssen sie eine teure Busse bezahlen.» Die Vorgaben der Unesco würden es fast verunmöglichen, die teils baufälligen Häuser zu renovieren. Deshalb würden viele Bewohner versuchen, sie loszuwerden. «Viele Häuser verzeichnen, seit sie Teil des Kulturerbes sind, auch extrem gestiegene Mieten, und niemand kann sie sich mehr leisten. Wenn wir Pech haben, wird unsere Innenstadt irgendwann zur Geisterstadt.» Solche Labels seien für den Tourismus ein Segen, sagt er, hätten aber auch ihre Schattenseiten. Wie manch anderes auf der Halbinsel.

Innenstadt von Campeche: Viele Häuser stehen zum Verkauf.

Innenstadt von Campeche: Viele Häuser stehen zum Verkauf.

Ariadna Arce vor der kleinen Schokoladenfabrik einer Kooperative in Valladolid.

Ariadna Arce vor der kleinen Schokoladenfabrik einer Kooperative in Valladolid.

Die Ruinen von Chichén Itzá im Landesinneren der Halbinsel sind für viele der Höhepunkt ihres Yucatán-Besuchs. Doch die Einheimischen profitieren vom Touristengeschäft häufig nicht.

Die Ruinen von Chichén Itzá im Landesinneren der Halbinsel sind für viele der Höhepunkt ihres Yucatán-Besuchs. Doch die Einheimischen profitieren vom Touristengeschäft häufig nicht.