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Vom Hochbeet bis zum Gin-Festival: Am St.Galler Güterbahnhof wuchert das Kreativquartier "Lattich"

Mitten in St.Gallen, auf dem Areal des Güterbahnhofs, ist in den vergangenen Jahren ein temporäres, kreatives Quartier namens Lattich entstanden. An den Gleisen wird gemalt, gegärtnert, gegessen und gesungen – und das soll erst der Anfang sein.
Roger Berhalter
Urban Gardening in Hochbeeten und kreative Ideen aus Schiffscontainern: Das Lattich-Quartier auf dem Areal des St.Galler Güterbahnhofs bietet viel Platz für Experimente. (Bild: Sabrina Stübi)

Urban Gardening in Hochbeeten und kreative Ideen aus Schiffscontainern: Das Lattich-Quartier auf dem Areal des St.Galler Güterbahnhofs bietet viel Platz für Experimente. (Bild: Sabrina Stübi)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Man sieht sie schon von weitem, die farbigen Schiffscontainer östlich des St.Galler Hauptbahnhofs. Wer durch das brachliegende Areal an den Gleisen spaziert, trifft eine bunt wuchernde Welt an. Wuchernd auch im Wortsinn: Aus zahlreichen Hochbeeten recken sich Tomaten und Salate Richtung Sonne. Lattich heisst dieses Kreativquartier am Güterbahnhof. Benannt nach dem Huflattich, jener Pflanze, die auf Brachen als erste wächst.

Der St.Galler Güterbahnhof ist schon länger eine Brache. 2007 lehnte das städtische Stimmvolk eine Umzonung und damit eine Überbauung des Geländes ab. Anfang 2016 sagte es zudem Nein zur Güterbahnhof-Initiative. Seither ist klar: Früher oder später dürfte es auf dem Areal einen Autobahnanschluss geben, samt einer zusätzlichen Strassenverbindung in Richtung Appenzellerland. Diese sogenannte Teilspange ist ein Grossprojekt, das nicht von heute auf morgen Wirklichkeit wird. Der St.Galler Güterbahnhof wird also noch lange brachliegen, mindestens für weitere zehn Jahre.

Bild: Ralph Ribi
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9 Bilder

St.Galler Gin-Festival feiert im Lattich Premiere

Vom zweimonatigen Test zum Halbjahresbetrieb

Ein freies Areal mit urbanem Charme, mitten in der Stadt: Das sind ideale Voraussetzungen für eine Zwischennutzung, dachte sich die Regio Appenzell-Ausserrhoden-St. Gallen-Bodensee, eine gemeinsame Organisation verschiedener regionaler Gemeinden. Die Regio stellte ein Team zusammen, das im Sommer 2016 unter dem Namen Lattich eine leer stehende Lagerhalle von den SBB mietete und darin einen zweimonatigen Versuch startete. In der Halle fanden kulturelle und gesellschaftliche Anlässe wie Filmabende, Flohmärkte und Kunstausstellungen statt. Mit Erfolg: 2017 gab es eine Fortsetzung, diesmal mit kuratiertem Kulturprogramm in der Halle und zusätzlichen Containern draussen.

Gabriela Falkner

Gabriela Falkner

Jetzt ist Lattich in der dritten Saison und vereint mehr Beteiligte denn je. «Im Vergleich zum vergangenen Jahr haben wir noch einmal einen grossen Schritt gemacht», sagt Gabriela Falkner vom Vorstand des übergeordneten Lattich-Vereins, der den Betrieb zusammenhält und koordiniert. Ein Teilprojekt ist nach wie vor die SBB-Halle, in der bis Ende Oktober zahlreiche Anlässe stattfinden: Flohmärkte, Jazzkonzerte, Hauptversammlungen, ein Slowfood-Markt und, so wie an diesem Wochenende, das erste «Gin Gin»-Festival.

Prost! Besucherinnen und Besucher stossen auf das erste "Gin Gin"-Festival an. (Bild: Ralph Ribi)

Prost! Besucherinnen und Besucher stossen auf das erste "Gin Gin"-Festival an.
(Bild: Ralph Ribi)

Die sechs Container unter freiem Himmel beherbergen verschiedene Mieter und Besitzer. Drei gehören der Klausgesellschaft St.Margrethen, zwei haben das frühere städtische Jugendsekretariat und die Schule für Gestaltung in Beschlag genommen. Dort können Jugendliche Ideen aushecken und verwirklichen.

Auch die Schule für Gestaltung und das städtische Jugendsekretariat haben auf dem Areal einen Container gemietet. (Bild: Sabrina Stübi)

Auch die Schule für Gestaltung und das städtische Jugendsekretariat haben auf dem Areal einen Container gemietet. (Bild: Sabrina Stübi)

Den vierten Container stellt der Altstätter Holzkünstler Urs Felber zur Verfügung, und in einem hat Hannes Rutishauser seine Ein-Mann-Metallwerkstatt eingerichtet. Dessen Vater, der Musiker Roman Rutishauser, hat ebenfalls einen eigenen Container aufgestellt. Er nutzt den ungewohnten Arbeitsort ganzjährig, um Musik zu unterrichten und Neues auszuprobieren. Zum Beispiel probt Rutishauser regelmässig mit dem von ihm gegründeten Lattich-Chor.

Musiker Roman Rutishauser (am Flügel) probt in seinem Container regelmässig mit dem von ihm gegründeten Lattich-Chor. (Bild: Benjamin Manser)

Musiker Roman Rutishauser (am Flügel) probt in seinem Container regelmässig mit dem von ihm gegründeten Lattich-Chor. (Bild: Benjamin Manser)

Die Hochbeete wiederum sind ein Projekt des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Es geht dabei nicht nur ums Gärtnern, die Tomaten und Zucchini werden von Migranten gepflegt und dienen auch der Integration. Regelmässig laden die Heks unter dem Titel «Deutsch reden zwischen Blumen, Gewürzen und Gemüse» zum interkulturellen Austausch.

Im Lattich-Quartier wird auch gegessen und getrunken. Im Restaurant, das freitags und samstags geöffnet hat, gibt es Cola und Bier, Eintopf und Fladen sowie Würste zum Selbergrillieren. Regelmässig finden Sonntagsbrunchs statt. Schliesslich bietet das Areal auch etwas für kleine Gäste: Entlang der Gleise hinter den Containern führt der erste Abschnitt des St.Galler Spielwegs.

45 Holzmodule für die Kreativwirtschaft

Die lange Aufzählung zeigt: Der Lattich ist ein vielschichtiges Gewächs und breit abgestützt. Vom Quartierverein bis zum Stadtpräsidenten sind alle an Bord, mittlerweile finden auch monatliche Austauschsitzungen mit Firmen und Institutionen auf dem Areal statt. «Vernetzung» lautet das Zauberwort, das in Gesprächen mit den Lattich-Machern immer wieder fällt. Es gibt kritische Stimmen aus der alternativen Kulturszene, die über diese «Zwischennutzung wie aus dem Kulturmanagement-Lehrbuch» die Nase rümpfen. Doch dadurch hat sich die Zwischennutzung auch etabliert; der Lattich wuchert weiter.

Visualisierung des geplanten Lattich-Baus. (Bild: PD)

Visualisierung des geplanten Lattich-Baus. (Bild: PD)

Die Schiffscontainer sind nur Vorboten einer grösseren Idee, welche die Lattich-Macher von Anfang an hatten: ein mehrstöckiger Bau mit Wohnungen und Arbeitsplätzen für die Kreativwirtschaft, vom Musiker bis zur Malerin, von der Textildesignerin bis zum Grafiker. Die Visiere stehen schon, derzeit ist noch eine Einsprache gegen das Bauprojekt hängig. Aber bis Ende Jahr soll der Bau stehen. Produzentin und Hauptinvestorin ist die Blumer-Lehmann AG aus Gossau. Deren Mitarbeiter werden 45 Holzmodule vorfertigen und, sobald es grünes Licht gibt, innert weniger Wochen am Güterbahnhof montieren.

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