«Wöchentlich fünf bis zehn Stunden trainiert»: Das sind die sieben World-Skills-Teilnehmer aus der Ostschweiz

Sie zeigen, was sie draufhaben: Sieben junge Berufsleute aus der Ostschweiz treten im russischen Kazan gegen 1600 Kontrahenten an.

Christoph Zweili
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«I like to participate, but I prefer to win!» – «Ich mache gerne mit, aber ich gewinne lieber!», sagt Julian Ferrante im Kurzinterview auf Youtube zu den Berufsweltmeisterschaften in der russischen Stadt Kazan. Der 20-jährige Bronschhofer bezeichnet sich als «Rezeptionist aus Leidenschaft».

Ein Rezeptionist an den World Skills? Anders als bei den übrigen Teilnehmenden im Schweizer Team ist der Beruf Hotelrezeptionist dieses Jahr zum ersten Mal zugelassen. Ferrante hat den Berufsverband an einer mündlichen Berufskunde-Prüfung von sich überzeugt und sich im Bewerbungsprozess gegen alle Nominierten durchsetzen können. Nun wird er ab Freitag im Rahmen seiner Wettbewerbsaufgabe seine Fähigkeiten (Skills) in einem Rollenspiel mit einer Rundumbetreuung eines Gastes zeigen. Das Wort Konfliktmanagement lässt vermuten, dass es nicht zwingend ein einfacher Gast sein wird.

Auch die sechs weiteren Ostschweizer Teilnehmenden, vier Frauen und zwei Männer, sind mit hohen Ambitionen an die World Skills gereist – Nina Kahl (22), die Goldschmiedin; Samanta Kämpf (19), die Möbelschreinerin; Martina Wick (21), die Restaurationsfachfrau; Ilona Züst (22), die Polygrafin; Dario Colucci (19), der Drucktechnologe, und Damian Schmid (20), der Automobil-Mechatroniker, der wissen will «wie die Sachen funktionieren».

Anknüpfen an die 20 Medaillen in Abu Dhabi

41 junge Berufsleute repräsentieren die Schweiz und unser
Berufsbildungssystem an den World Skills vom 22. (Eröffnungsfeier) bis 27. August (Schlussfeier), an denen 1600 Berufsleute aus 63 Nationen vertreten sind. Der viertägige Wettkampf findet vom Freitag, 23. bis Montag, 26. August statt: Die Resultate werden an der Schlussfeier am Dienstagabend bekannt. Nach dem herausragenden Abschneiden an den Word Skills vor zwei Jahren in Abu Dhabi mit 20 Medaillen – davon elf goldene, sechs silberne und drei bronzene – ist die Schweizer Delegation mit grossen Ambitionen nach Kazan gereist.

Nationenwertung an den Berufsweltmeisterschaften

Wie die Schweiz zwischen 2003 und 2017 abgeschnitten hat
2017 Abu Dhabi Vereinigte Arabische Emirate 2. Platz 11 Gold, 6 Silber, 3 Bronze, 13 Diplome
2015 São Paulo Brasilien 4. Platz 1 Gold, 7 Silber, 5 Bronze, 23 Diplome
2013 Leipzig Deutschland 2. Platz 9 Gold, 3 Silber, 5 Bronze, 18 Diplome
2011 London England 3. Platz 6 Gold, 5 Silber, 6 Bronze, 11 Diplome
2009 Calgary Kanada 2. Platz 7 Gold, 2 Silber, 5 Bronze, 16 Diplome
2007 Shizuoka Japan 3. Platz 4 Gold, 5 Silber, 4 Bronze, 16 Diplome
2005 Helsinki Finnland 1. Platz 5 Gold, 7 Silber, 6 Bronze, 10 Diplome
2003 St.Gallen Schweiz 1. Platz 10 Gold, 9 Silber, 3 Bronze, 10 Diplome

Das Ziel ist eine Top-3-Platzierung in der Nationenwertung. Das liegt durchaus drin, wie der Blick auf die Jahre 2003 bis 2017 zeigt: Die Schweiz lag zweimal auf dem ersten Platz (2003/2005), dreimal auf dem zweiten (2009/2013/2017) und zweimal auf dem dritten Rang (2007/2011).

«Wöchentlich fünf bis zehn Stunden trainiert»

Auch in den Berufen, in denen das Ostschweizer Team antritt, stehen die Chancen gut. Im Bereich Mechatronik/Automatiker wurden in den Jahren 1997 bis 2017 drei Gold-, drei Silber- und drei Bronzemedaillen erzielt. Bei den Möbelschreinern sind die Chancen mit vier Gold-, einer Silber- und zwei Bronzemedaillen noch besser. Nur bei den Goldschmieden reichte es bisher nie für eine Medaille, sondern lediglich für vier Diplome.

«Wer sich alles zutraut, wird alle andern übertreffen», sagt Polygrafin Ilona Züst aus Heiden. Sie bezeichnet das Layouten von Printprodukten als «sehr schöne Arbeit». Wöchentlich fünf bis zehn Stunden hat die 22-jährige Heidlerin zusammen mit ihrem Experten Ronald Studer aus Solothurn trainiert. «Die Schweiz als erste Polygrafin vertreten zu dürfen, ist eine grosse Ehre für mich.» Ihr Ziel sei es, das Beste zu geben, ihre beste Leistung abzurufen und «das i-Tüpfelchen wäre natürlich – eine Medaille»!

Acht Ostschweizer Coaches

In Kazan dabei sind auch acht Ostschweizer Experten, die Berufsleute an den Berufsweltmeisterschaften betreuen:
- August Kuster, Schmerikon, Experte Steinmetz EFZ (coacht Max Kohli aus Dottikon AG)
- Ruedi Signer, Wilen bei Wil, Experte Maurer (betreut Jérôme Hug aus Willisau)
- Tobias Hugentobler, Rickenbach, Experte Möbelschreiner (coacht Samanta Kämpf, Dettighofen)
- Rolf Wyss, Amriswil, Experte Drucktechnologen, tätig an der GBS Schule für Gestaltung (ist für Dario Colucci, St. Gallen, zuständig)
- Daniel Inauen, Appenzell, Experte Koch (betreut Martin Amstutz, Sachseln OW)
- Martin A. Erlacher, Niederhelfenschwil, Chefexperte ­Restaurationsfachmann EFZ (coacht Martina Wick, Arnegg)
- Sabrina Keller, Heiden, Expertin CSE Restaurationsfachfrau EFZ (zuständig für Martina Wick, Arnegg)
- Martin Schär, Lütisburg-Station, Experte Bau- und Land­-maschinenmechaniker (coacht Christof Röllin, Menzingen). (cz)

So lernen Lehrlinge in Russland

Wer in Russland Automechaniker, Schlosser oder Bäcker werden will, sucht nicht etwa eine Lehrstelle. Denn Lehrstellen wie in der Schweiz gibt es in Russland nicht. Die Berufslehre erfolgt in Schulen, Arbeitserfahrung sammelt man im Praktikum.

Nach neun oder elf Jahren Regelschule können sich Jugendliche, die einen praktischen Beruf wählen, in einem Berufslyzeum, einem Technikum oder einem College zu Facharbeitern oder sogenannten Spezialisten ausbilden lassen. Das russische Bildungssystem hat eine hohe vertikale Durchlässigkeit. Wer über eine mittlere Berufsausbildung verfügt, kann sich auch auf einen Studienplatz an einer Universität bewerben.

Praktische Berufe kommen langsam zurück

Bis vor wenigen Jahren hatten die praktischen Berufe in Russland einen schweren Stand. In der Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre kürzten viele Betriebe, die mit technischen Schulen zusammenarbeiteten, ihre Ausbildungsbeiträge. So setzten die meisten Jungen auf ein Hochschulstudium, was zu einem gewissen Überangebot an Akademikern beziehungsweise Mangel an Spezialisten führte. Derzeit laufen Bestrebungen, die Berufsausbildung wieder attraktiver zu machen. 2012 nahm Russland zum ersten Mal an den World Skills teil. Sieben Jahre später wird der Wettbewerb im russischen Kazan ausgetragen.
Ein eigentliches Berufsbildungssystem wurde in Russland Mitte des 19. Jahrhunderts aufgebaut. Schon damals basierte das System nach französischem Vorbild auf Schulen – und nicht etwa auf Ausbildung im Betrieb. Grund dafür waren zum einen eine hohe Analphabetenrate unter den Auszubildenden. Zum andern kannte Russland kein Zunftwesen, an dessen Ausbildungstradition man hätte anknüpfen können. (al)