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Wo Jugendliche den Rank finden sollen - 125 Jahre Platanenhof in Oberuzwil

Das Jugendheim Platanenhof in Oberuzwil, das seit 125 Jahren besteht, ist seit jeher auch ein Spiegel der Gesellschaft. Die Institution hat in dieser langen Zeit tiefe Wandlungen durchgemacht – zum Wohle der Jugendlichen.

Rolf App
Das Jugendheim Platanenhof führt eine geschlossene sowie eine offene Abteilung. (Bild: Benjamin Manser (Oberuzwil, 17. Mai 2019))

Das Jugendheim Platanenhof führt eine geschlossene sowie eine offene Abteilung. (Bild: Benjamin Manser (Oberuzwil, 17. Mai 2019))

Wie ein Leitmotiv taucht der Satz auf. Regierungsrat Fredy Fässler spricht ihn an, wenn er als Vorsteher des St. Galler Justiz- und Polizeidepartements auf die Gegenwart blickt. Der ehemalige Leiter Christian Crottogini erzählt davon. Die Historikerin Verena Rothenbühler spürt ihm durch eine 125 Jahre dauernde Geschichte des Jugendheims Platanenhof in Oberuzwil nach – die am 25. Mai mit einem Tag der offenen Tür begangen wird. Und in den Dokumenten des St.Galler Staatsarchivs findet man mannigfache Belege für jenen Wandel, den Fässler schon im März bei einer Tagung angesprochen hat. Man werde, sagt er, bei der Aufarbeitung der Geschichte dieser Institution «Erziehungsmethoden begegnen, die uns heute fremd sind. Aber auch die Gesellschaft hat sich verändert.» Mit andern Worten: Eine Institution wie diese ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und sie wandelt sich mit ihr.

Der «Jugendknast» als Stein des Anstosses

Fredy Fässler weiss aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. In den frühen Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat er noch während seines Studiums die Gruppe Strafreform St. Gallen-Appenzell mitbegründet. «Wir haben geschaut, was in den Vollzugsanstalten geht, und einen Beitrag zur Humanisierung geleistet», sagt er heute in der Rückschau. Zwei Ausbauvorhaben sind es, die vor allem Anstoss erregen: die neue, geschlossene Abteilung im Platanenhof und ihr Pendant im Mädchenheim Bellevue in Altstätten. Dass da Jugendliche festgehalten werden konnten, brandmarkten die Kritiker als «Jugendknast».

Auch Christian Crottogini kommt in dieser Zeit in Kontakt mit dem Thema. Er lebt im Rheintal, baut dort eine Beratungsstelle auf und beteiligt sich an der Opposition gegen das Bellevue-Projekt. Dann zieht er nach St. Gallen, erarbeitet Konzepte zur Drogenpolitik und schlägt 1995, als Vertreter der SP im Kantonsrat sitzend, die Zeitung auf: Ein Leiter wird gesucht für den Platanenhof. Zehn Jahre lang wird er ihn leiten, wird ein neues Kapitel in der wechselhaften Geschichte dieser Institution aufschlagen – und wieder einmal beweisen, dass der Platanenhof sich mit der Gesellschaft um ihn herum verändert.

Jugendlicher bei der Arbeit im Jugendheim Platanenhof. (Bild: Benjamin Manser)

Jugendlicher bei der Arbeit im Jugendheim Platanenhof. (Bild: Benjamin Manser)

Gegründet im «Jahrhundert der Anstalten»

«Man passte sich der Zeit an», fasst die Historikerin Verena Rothenbühler die vielen «Häutungen» des Platanenhofs zusammen. Sie arbeitet an einer Geschichte der Institution, die sie bis Ende Jahr abschliessen will. Am Anfang steht 1894 eine Initiative der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St. Gallen für eine «Besserungsanstalt für Knaben». «Das 19. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Anstalten», sagt Verena Rothenbühler. «Am Anfang stand die Armut.» Man findet sie im Staatsarchiv in den frühen Jahresberichten – zusammen mit scharfen moralischen Urteilen. Vom allerersten Zögling etwa heisst es, er sei schon als achttägiges Kind in die Armenanstalt seiner Heimatgemeinde verbracht worden. Doch hätten sich, wohl durch das «Zusammenleben mit den erwachsenen Elementen des Hauses», «bedenkliche sittliche Defekte, wie Lügen, Naschhaftigkeit, Stehlen, Trotz, Ungehorsam, Lern- und Arbeitsscheu» gezeigt, die ihn bis zur Brandstiftung geführt hätten.

In dieser Diagnose steckt die Erwartung eines strikten Gehorsams. «Der Alltag im Platanenhof dürfte wenig Grund zu Freude, Ausgelassenheit und Glück gegeben haben», sagt Verena Rothenbühler. Die Schilderung des Alltags auch in anderen Schweizer Kinder- und Jugendheimen vermittle den Eindruck von unerbittlicher erzieherischer Strenge, von körperlichen Strafen und seelischen Demütigungen. Mit Arbeit und mit Beten sollen die «verwahrlosten oder delinquenten» Knaben «gebessert» werden, auch die Schule besuchen sie – wenn nicht gerade der Einsatz auf dem Feld ruft. Viele Zöglinge werden später Knechte. Der Katalog strafbarer Vergehen zeige, «dass der Platanenhof weniger eine Erziehungsanstalt als ein Gefängnis für Kinder und Jugendliche war».

Acht Zöglinge entweichen und stellen 22 Forderungen auf

Die 1930er-Jahre sind dann der erste grosse Wendepunkt. Der Platanenhof wird aus- und umgebaut, weil er dringend Zöglinge braucht und die Spenden rückläufig sind. Neue interne Lehrbetriebe werden eingerichtet, nach dem Zweiten Weltkrieg wird die «Besserungsanstalt» in «Erziehungsheim» umbenannt. Doch der Alltag für die mehrheitlich aus einfachen Verhältnissen stammenden Jugendlichen bleibt hart, wenige nur können eine externe Lehre machen. Bis in den 1970er-Jahren im Gefolge der 68er-Bewegung in der ganzen Schweiz massive Kritik an der Heimerziehung aufkommt. Am 3. Januar 1971 entweichen acht Zöglinge aus dem Platanenhof, in 22 Forderungen verlangen sie unter anderem die freie Wahl der Kleidung und Frisur, uneingeschränkte Benutzung von Telefon, Radio und Fernsehen in der Freizeit und die Abschaffung der Prügelstrafe.

Auch das Personal will Veränderungen, und so wird der Platanenhof ab 1972 schrittweise reformiert: Das Gruppensystem wird eingeführt, den Jugendlichen werden grössere Freiheiten zugebilligt, um ihnen, so Verena Rothenbühler, «den Übergang vom Heim in die Freiheit zu erleichtern. Der Erziehungsstil wandelte sich von der Gehorsams- zur Aushandlungspädagogik.»

Ein weiterer Blick in die Werkstatt. (Bild: Benjamin Manser)

Ein weiterer Blick in die Werkstatt. (Bild: Benjamin Manser)

Wo liegen die Schwierigkeiten? Was macht Sinn?

So vollzieht der Platanenhof den Schritt in eine neue Zeit, 1980 wird er vom Kanton übernommen. Die Aufenthaltsdauer verkürzt sich, und auch ausserhalb seiner Mauern differenziert sich das Angebot in Form ambulanter Angebote wie etwa der sozialpädagogischen Familienbegleitung. Das mache stationäre Aufenthalte in vielen Fällen unnötig, erklärt Regierungsrat Fredy Fässler. Sie setzen dort an, wo oftmals der Kern der Probleme liegt – in den Familien. Der grösste Teil der Jugendlichen wird denn auch von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) eingewiesen und nicht von den Strafbehörden. Und die Konzepte hätten sich sehr verändert, erklärt Barbara Looser, Leiterin des Amtes für Justizvollzug. «Als ich noch Jugendanwältin war, da hat man die Vergehen von Jugendlichen und die daraus sich ergebenden Konsequenzen sehr schematisch betrachtet, sagt sie.

«Heute fragt man: Wo liegen die Schwierigkeiten? Was macht Sinn? Und: Der Jugendliche wird viel stärker einbezogen.»

Stärker als andere Länder geht das Jugendstrafrecht in der Schweiz davon aus, dass sich Kinder und Jugendliche in einem Entwicklungs- und Identitätsfindungsprozess befinden, in dem wiederholte oder schwere Straftaten auf tie­ferliegende Schwierigkeiten in der ­Persönlichkeitsentwicklung oder im sozialen Umfeld verweisen. Diese Schwierigkeiten hat Christian Crottogini in seiner Arbeit im Platanenhof ins Zentrum gerückt. Dass sich das Jugendheim bei seinem Amtsantritt in einer Krise mit tiefen Belegungszahlen befand, hat ihm die Aufgabe erleichtert. Diese Aufgabe hätten sie «vor allem darin gesehen, seriöse Abklärungen zu treffen. Wir haben uns nicht als Ersatzväter oder -mütter verstanden.» Im Gegenteil: Die realen Väter und Mütter zu gewinnen, das habe sich immer wieder als entscheidend für den Erfolg erwiesen.

Arbeitsutensilien, fein säuberlich bereitgelegt. (Bild: Benjamin Manser)

Arbeitsutensilien, fein säuberlich bereitgelegt. (Bild: Benjamin Manser)

An diesem Erfolg müssen zuallererst die Jugendlichen selbst mitbauen. Zu ihnen hat Christian Crottogini jeweils gesagt: «Schau, da ist eine Tür. Du kannst auch ständig in den Pfosten hineinlaufen, der Tür ist das egal.» Den Weg durch die Tür, in ein geordnetes Leben hinein, muss der Jugendliche selber finden. Doch nicht selten hat dazu auch das Umfeld beigetragen. Zum Beispiel jener Malermeister, an den Crottogini sich erinnert. Er hat einem seiner Zöglinge in seinem Kleinbetrieb eine Lehrstelle angeboten. Es war ein Risiko – und eine Chance. Denn der Jugendliche hat gemerkt, dass es auf ihn ankommt, er hat Achtung und Wertschätzung gespürt. Und, sagt Crottogini, «er hat den Rank gefunden».

Tag der offenen Tür im Jugendheim Platanenhof, Oberuzwil,
Samstag, 25. Mai, 10-16 Uhr

Vorurteile und Realität

Im vergangenen Jahr hat die angehende Sozialpädagogin Corinne Keller erfragt, welchen Ruf das Jugendheim Platanenhof unter Oberstufenschülern in Oberuzwil geniesst. Sie ist auf hartnäckige Vorurteile gestossen. Viele wussten beispielsweise nicht, dass der Grossteil der Jugendlichen gar nicht aus strafrechtlichen Gründen im Platanenhof sind. Auch war ihre Testklasse erstaunt, wie nett die Jugendlichen bei einem Besuch waren. Das Jugendheim Platanenhof besteht aus einer offenen und einer geschlossenen Abteilung. In der offenen Abteilung werden männliche Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren während mehrerer Wochen bis zu drei Jahren untergebracht, um ihre Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu stärken. Sie leben in drei Wohngruppen, eine Werkschule und Ausbildungsbetriebe bringen sie weiter. Die geschlossene Abteilung wiederum beherbergt männliche und weibliche Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren. Der Aufenthalt hier ist kürzer und intensiver, er dauert maximal drei Monate. (R. A.)

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