Wo Gallus immer noch Ire ist

In St. Gallen wirft kurz vor dem Gallusjahr ein neues Buch Fragen zur Herkunft des Mönchs auf. In der nordirischen Stadt Bangor ist dagegen klar: Gallus war ein Ire. Dort ist er Namensgeber für Kirchen und Quartiere. Und wird am Gallustag wie ein Superstar gefeiert. Von Tobias Hänni

Drucken
«St. Gallen Place»: Das Quartier mit Sozialwohnungen am Stadtrand von Bangor wurde in den 70er-Jahren gebaut.

«St. Gallen Place»: Das Quartier mit Sozialwohnungen am Stadtrand von Bangor wurde in den 70er-Jahren gebaut.

«Wer ist der wichtigste Heilige?», ruft Pfarrer Ronnie Newsbiett. «Gall!» antwortet es verhalten aus ein paar Hundert Mündern. «Das war erbärmlich. Wer ist der wichtigste Heilige?» «Gall!» tönt es dieses Mal lauter. Es ist ein sonniger Sonntag, Gallustag, und in der «St. Gall Church» im nordirischen Bangor wird Gallus wie ein Star gefeiert. Die Holzbänke in der schlichten katholischen Kirche sind bis auf den letzten Platz besetzt. Auf jedem Schoss sitzt ein Teddybär – eine Anspielung auf die Legende von Gallus und dem Bären, die von Kindern im Verlauf des erstaunlich lockeren Gottesdienstes nachgespielt wird.

Das christliche Erbe feiern

An die Geschichte, wie der Mönch in der St. Galler Mühleggschlucht einen Bären zähmte, erinnert in der kleinen Küstenstadt künftig auch eine Skulptur, die ein wenig später vor der Kirche feierlich eingeweiht wird. Der Holzbär, der dem Wappentier der Stadt nachempfunden wurde, ist Teil des «Loch Lao Christian Heritage Festival». Das Fest wird in Bangor und dem 20 Kilometer entfernten Belfast das erste Mal durchgeführt.

«Wir haben vom Gallusjubiläum in der Ostschweiz erfahren und wollten hier auch etwas auf die Beine stellen», erzählt James O'Fee tags zuvor bei Tee und Sandwich in seiner Stube. Vor ihm auf dem Tisch liegen Bücher über St. Gallen und Bregenz, die Partnerstadt Bangors. Der 62-jährige Protestant mit dem verschmitzten Gesichtsausdruck ist für die Feierlichkeiten in Bangor zuständig. Jene in Belfast werden von katholischen Institutionen organisiert. Eine Zusammenarbeit, die vor dem Hintergrund des Misstrauens, das hier nach wie vor zwischen den beiden Konfessionen herrscht, keine Selbstverständlichkeit ist.

Einflussreiches Kloster

Gemessen an der historischen Bedeutung des Ortes ist das Fest mit Konzerten, Vorträgen und Gottesdiensten bescheiden. Denn wo sich heute der Pendlerverkehr auf der Hauptstrasse Richtung Belfast staut, entstand 559 ein Kloster, das bald zu den einflussreichsten in Europa gehörte. Und wo heute im grossen Hafen Dutzende von Yachten im Wasser dümpeln, stach Abt Kolumban mit zwölf Mönchen in See, um auf dem europäischen Festland zu missionieren. Zur Gefolgschaft Kolumbans gehörte – daran besteht in Bangor kein Zweifel – auch Gallus.

Ohne Bangor kein St. Gallen

Davon ist auch Maria Hufenus überzeugt. «Ohne die irischen Mönche gäbe es St. Gallen nicht», sagt die St. Galler Stadtführerin an der Eröffnungsfeier des Festivals am St. Mary's University College in Belfast. Maria Hufenus wurde nach Nordirland eingeladen, um vom Kloster und der Stiftsbibliothek in St. Gallen zu erzählen – und wie irische Mönche einen wichtigen Beitrag an dessen Bedeutung geleistet haben. «Sie haben zahlreiche wertvolle Manuskripte nach St. Gallen gebracht.» Darunter auch eines der ältesten irischen Gedichte, das die Sängerin Pádraigín Níllallacháin nach Hufenus Vortrag singt.

Gallus im Buntglasfenster

«Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren.» Keine irische Poesie, sondern ein deutsches Liebeslied singt Marsden Fitzsimons zur Begrüssung in der St. Kolumban Kirche im Osten Bangors. Der pensionierte Sprachlehrer hatte Gallus vor 35 Jahren in einem Theaterstück gemimt. Heute erzählt er dessen Geschichte Besuchern der Kirche, deren Buntglasfenster irische Heilige zeigen. «Gallus war sehr sprachbegabt», sagt Fitzsimons vor dem Bild des Mönchs. Deshalb sei er auf der Reise durch Kontinentaleuropa wahrscheinlich Kolumbans rechte Hand gewesen.

St. Gallen Place – ein trister Ort

Gallus ist in Bangor nicht nur in Kirchenfenstern verewigt. Am südlichen Stadtrand gibt es den «St. Gallen Place» und den «St. Gallen Court» – triste Wohnsiedlungen aus Backstein. Auf der Schnellstrasse nebenan rauscht der Verkehr vorbei, die Spielwiesen sind verwaist, das Quartier am frühen Abend fast menschenleer. Ein jüngerer Mann wundert sich, warum jemand die Sozialwohnungen fotografiert, die in den 1970er-Jahren gebaut wurden. «Nettes Quartier, nicht?», fragt er ironisch. Von dessen Namensgeber hat er nie gehört.

In einer Höhle versteckt

«In der Schule lernen die Kinder wenig über die lokale Geschichte», sagt Taxifahrer Tim auf der Fahrt zurück ins Stadtzentrum. Stattdessen werde ihnen die englische oder die irische Geschichte beigebracht, je nachdem ob sie auf eine protestantische oder katholische Schule gingen.

Auch im Woolsey's, einem typisch irischen Pub an der Ausgehmeile Bangors, ist Gallus niemandem ein Begriff. «Gallus? Nein, den kenne ich nicht», sagt Ryan Bell. Nach dem dritten Carlsberg – das irische Guinness scheinen hier nur Touristen zu trinken – fällt dem jungen IT-Spezialisten eine Legende vom Kloster Bangor ein. «Als die Wikinger in Bangor einfielen, flohen die Mönche über einen unterirdischen Tunnel zur Küste.» Dort hätten sie sich in der Jimmy-Watts-Höhle versteckt.

Bis zu 3000 Mönche

Den dänischen Wikingern ist im North Down Museum im Zentrum Bangors ein Raum gewidmet. An der Wand hängen schwere Kettenhemden, Schilder und Schwerter. Mit ihren Waffen zerstörten die Wikinger gleich dreimal die Klosteranlage in Bangor, von der ein paar Räume weiter ein anschauliches Modell steht. In der Anfangszeit bestand das Kloster aus Holz, die Mönche wohnten in kleinen Weidenhütten. «Teilweise lebten bis zu 3000 Mönche in der Anlage», sagt Museumsführerin Lianne Briggs. Es sei ein hartes Leben gewesen, das ausschliesslich aus Beten und Arbeiten bestanden habe.

Bangor in St. Gallen

Neben dem Modell zeigt eine Karte Europas die lange Reise Kolumbans und seiner Gefährten. 25 Jahre waren sie unterwegs, bevor sie im norditalienischen Bobbio ankamen. Drei Jahre zuvor trennte sich Gallus von der Gruppe und blieb in Arbor Felix am Bodensee zurück. Von da zog er der Steinach entlang weiter und baute schliesslich in der Mühl- eggschlucht eine Einsiedelei. Dort, wo heute bei der Talstation der Mühleggbahn eine unscheinbare, blaue Tafel steht: «Bangor».

Maria Hufenus erzählt in Belfast vom Kloster St. Gallen.

Maria Hufenus erzählt in Belfast vom Kloster St. Gallen.

Kirchenführer Marsden Fitzsimons vor einem Fensterbild des Gallus.

Kirchenführer Marsden Fitzsimons vor einem Fensterbild des Gallus.

Gallustag im nordirischen Bangor: Vor der Kirche St. Gall wird zu Ehren des Mönchs eine Bärenstatue aufgestellt. Sie soll daran erinnern, wie Gallus in der Mühleggschlucht einen Bären gezähmt hat. (Bilder: Tobias Hänni)

Gallustag im nordirischen Bangor: Vor der Kirche St. Gall wird zu Ehren des Mönchs eine Bärenstatue aufgestellt. Sie soll daran erinnern, wie Gallus in der Mühleggschlucht einen Bären gezähmt hat. (Bilder: Tobias Hänni)

Aktuelle Nachrichten