Wo Asylsuchende nicht stören

Das im September 2011 eröffnete Solidaritätshaus St. Gallen mit benachbarter Schule ist zum vielbenützten Begegnungsort für Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge geworden. Trotz der harschen Realität bleiben Konflikte aus, vor allem weil aggressive Männergruppen fernbleiben.

Marcel Elsener
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Hausleiter Istvan «Ösci» Deer vor dem sichtlich breitabgestützten Solidaritätshaus im St. Galler Quartier St. Fiden. (Bilder: Urs Bucher)

Hausleiter Istvan «Ösci» Deer vor dem sichtlich breitabgestützten Solidaritätshaus im St. Galler Quartier St. Fiden. (Bilder: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Wären wir doch den jungen Afghanen und Tibetern gefolgt, die plötzlich vom Pingpongtisch ins Haus eilten. Nun ist kein Platz mehr frei an den Tischen, kaum ein Durchkommen im Gang zur Essensausgabe, wo zwei Zivildienstleistende Bons entgegennehmen; Vergütungen für Abwasch oder Putzarbeit, jetzt eingetauscht gegen einen Teller mit Reis, Huhncurry, überbackener Avocado, Salat. Im guten Restaurant würde es nicht besser schmecken, «kein Wunder, ist hier immer so voll», lacht eine Lehrerin, die hier ab und zu mit ausländischen Freundinnen isst.

«Bereits am Anschlag»

Der stets gut besetzte Esssaal ist das sichtbarste Bild für den regen Betrieb im Solidaritätshaus, kurz Solihaus, das ein Verein vor Jahresfrist im ehemaligen Kinderhort in St. Fiden eröffnet hat. Dessen Präsidentin Ursula Surber ist an diesem Mittwoch noch nicht zum Essen gekommen; hier fragt eine Somalierin mit Baby nach dem Kinderförderungskurs, dort will ein Eritreer wissen, ob ihm die Medikamente des Arztes wirklich gegen den Husten helfen, der ihm nachts in Mels den Schlaf raubt.

Die tägliche warme Mahlzeit ist das eine, die Beratungen, Alltagshilfen, Kurse, Freizeitangebote im Haus das andere, das Asylsuchenden in hängigen Verfahren und ohne Arbeitsmöglichkeit eine minimale Struktur gibt. «Das Haus ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall», sagt Ursula Surber, «es ist alles so eingetroffen, wie wir uns das vorgestellt haben.» Dazu gehört auch die – ebenfalls vom Ostschweizer Solidaritätsnetz initiierte – Sprachschule Integra, die im benachbarten alten Schulhaus Platz gefunden hat. Der Zulauf mit 160 Lernenden für über ein Dutzend Kurse ist enorm. Dort probt derzeit Theaterregisseur Pierre Massaux mit afrikanischen und asiatischen Flüchtlingen die Bühnenfassung des Genozid-Berichts eines Autoren aus Ruanda.

Und natürlich ist es auch ein «Chrampf», der das ehrenamtliche Netz mitunter überstrapaziert. Man sei mittags «bereits am Anschlag», meint Hausleiter Istvan «Öcsi» Deer; ihm schwant, dass die Verschärfungen in der Asylpolitik künftig «noch mehr Probleme auf die Gemeinden und letztlich zu uns verlagert» würden. «Manche Politiker liefern sich einen Wettkampf um weitere Verschärfungen», sagt die Koordinatorin des Solidaritätsnetzes, Elisabeth Fehr. Dabei genüge bei kriminellen Vergehen das Strafrecht, «weitere Schikanen brauchen wir nicht». Ursula Surber empfiehlt einen NZZ-Artikel, der jüngst unter dem Titel «Zurück zur Arbeit im Asylbereich» sachlich zum Schluss kam, dass das Asylsystem genügend Mittel brauche für den Vollzug – «und Politiker, die Probleme nicht hochspielen, um untaugliche Lösungen zu bieten.»

Kein Streit, keine Polizeivisiten

Die wahren Herausforderungen – etwa mit somalischen Kindern – seien im Solihaus früh zu erkennen, merkt Surber an: «Doch wir können diese Probleme lösen – so wir guten Willens sind.» In der friedlich-familiären Schrebergarten-Oase scheinen die gehässige Asyldebatte und ein Alltag, in dem Asylsuchende meist in Polizeimeldungen (als nigerianische Drogenhändler oder tunesische Diebe) vorkommen, weit weg. Kriminalität sei «kein Thema», sagt Deer, es habe nie einen Konflikt gegeben und keinen Anlass für Polizeikontrollen. Anders als zuvor im Provisorium im «Bierhof» mit dem nahen Park bleiben in St. Fiden aggressive Männergruppen fern und verkehren mehr Frauen und Kinder im Haus.

Das «freche» Auftreten vieler Maghreb-Zuwanderer empört Asylsuchende anderer Herkunft. Es sei «im Moment schwierig», doch müsse man die Relationen wahren, mahnt «Öcsi» Deer an; jede Einwanderungswelle in der Geschichte habe «ein kriminelles Element» enthalten, das nach der ersten Reibung der Kulturen wieder verschwinde. Von «kriminellen Ausländern» zu reden sei absurd, sagt der Ungarnschweizer, der 1956 selber als jugendlicher Flüchtling in die Schweiz kam.

Die andere Sicht bewahren

Im Solihaus werden Asylsuchende selbstverständlich als Menschen mit einer Flüchtlingsgeschichte begriffen – und nie als «störend», wie sie zunehmend dargestellt werden. Dabei sind die Übergänge zwischen «Abgewiesenen» und «Anerkannten» fliessend, zumal auch Migrantenvereine das Haus benutzen. Und gegen eine Politik des Verdrängens nach dem Motto «Aus den Augen, aus dem Sinn» setzt das Solihaus morgen zum Einjährigen im Garten einen Stein des Bildhauers Peter Kamm: «Wir verschwinden nie.» Und dann geht es zurück an die Arbeit.

Theaterproben mit Migrantinnen im benachbarten Schulhaus. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Theaterproben mit Migrantinnen im benachbarten Schulhaus. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

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